Endmontage einer Gasturbine im Berliner Siemens-Werk: Die Tochter Siemens Energy ist ausgegliedert

Siemens AG

28.09.20
Finanzierungen

IPOs: Kaltstart auch für Siemens Energy

Kein guter Zwischenstand für die Abspaltung von Siemens Energy: Die Investoren taxieren den Börsenwert des Siemens-Spin-offs deutlich niedriger als erwartet. Im deutschen IPO-Geschäft ist der Wurm drin.

Die abgespaltene Energietechnik-Tochter Siemens Energy hat bei ihrem Börsendebüt ein wechselhaftes Bild abgegeben. Kurz nach 9 Uhr lag der erste Preis für die Titel bei 22,01 Euro. Damit wurde das nun eigenständige Unternehmen mit rund 16 Milliarden Euro bewertet. Kurz darauf sackte der Kurs noch weiter ab, gegen Mittag nahm er dann aber Fahrt auf und stieg in Richtung 23 Euro.

Doch auch dieser Kurs ist eine Enttäuschung. Analysten hatten den Wert des Spin-offs im Vorfeld mit 20 bis 22 Milliarden Euro bemessen. Dies entspräche Kursen in den hohen 20ern. Als kritische Messlatte für einen erfolgreichen Börsenstart galten 25 Euro. Entsprechend verlor auch die Siemens-Aktie am Montagmorgen rund 3 Prozent auf 108 Euro.

Aufgrund der Abspaltung besteht der Dax an diesem Montag aus 31 statt 30 Titeln. Nach Handelsschluss wird Siemens Energy dann aus wieder aus dem Leitindex verschwunden sein. Siemens-Aktionäre erhielten für zwei Siemens-Papiere eine Siemens-Energy-Aktie automatisch ins Depot gebucht. Auf diese Weise trennte sich Siemens von 55 Prozent seiner Anteile. Die Münchener halten jetzt noch 35 Prozent, während knapp 10 Prozent beim Pensionsfonds des Technologiekonzerns bleiben. In näherer Zukunft sollen beide Position verkleinert werden, allerdings will Siemens mit rund 25 Prozent als Ankeraktionär an Bord bleiben.

Was sich Siemens von dem Schritt erhofft

Weil die Aktien nicht nach Kaufinteresse, sondern anhand der Beteiligung an der Siemens AG zugeteilt wurden, dürfte es in den kommenden Wochen zu größeren Schwankungen kommen. So werden beispielsweise institutionelle Investoren, deren Vehikel den Dax abbilden, die ihnen zugeteilten Aktien wieder abstoßen.

Das milliardenschwere Energiegeschäft besteht zum einen aus der Kraftwerkssparte Gas & Power und einer 67-Prozent-Beteiligung am spanischen Windkraftanlagenbauer Siemens Gamesa. Neben Stromübertragung und Speichertechnologien gehört auch der Bau von Kohle- und Gaskraftwerken zum Portfolio. Der Umsatz der Geschäftsfelder lag im vergangenen Jahr bei 29 Milliarden Euro. Dank langfristiger Verträge und gewaltigen Auftragsbeständen gilt die abgespaltene Tochter zumindest auf mittlere Sicht als relativ robust, allerdings auch als margenschwach.

Der Mutterkonzern Siemens erhofft sich von der Abspaltung, nun wieder stärker als Technologiekonzern wahrgenommen zu werden. Die Tochter Siemens Energy hingegen könne sich hingegen durch die Loslösung komplett auf sich selbst fokussieren und sich vom konzerninternen Wettbewerb um Finanzmittel lösen.

Der Spin-off geht auf die Strategie des scheidenden Siemens-Chefs Joe Kaeser zurück, der auch bereits die Trennung von der Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers in die Wege geleitet hatte. Er wird Siemens Energy als Aufsichtsratschef verbunden bleiben.

Der dritte enttäuschend IPO in einer Woche

Die Abspaltung verlief nicht reibungsfrei. Im März warf die damalige Führungsspitze um CEO Michael Sen und CFO Klaus Patzak hin, angeblich nach einem Streit mit Kaeser, seinem designierten Nachfolger Roland Busch und Finanzvorstand Ralf Thomas. Seitdem besteht das neue Führungsgespann aus CEO Christian Bruch, der von Linde kam, und CFO Maria Ferraro. Letztere erhöhte im August mit Hilfe eines milliardenschweren ESG-linked Loan den finanziellen Spielraum für das nun eigenständige Unternehmen.

Siemens Energy ist nun schon der dritte schwache Börsenstart in weniger als sieben Tagen. In der Woche starteten schon der Wohnwagenhersteller Knaus Tabbert und der Rüstungselektroniker Hensoldt enttäuschend. Dabei sollten diese drei Unternehmen als Eisbrecher für ein starkes IPO-Geschäft im Herbst dienen.

Nichtsdestotrotz hat sich heute schon der nächste Börsenkandidat angekündigt. Compleo, ein Anbieter von Ladestationen für E-Autobatterien, will im vierten Quartal an die Börse gehen.     

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de