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19.04.18
Finanzierungen

Die desaströse Bilanz von BondM

Vor acht Jahren wollte die Stuttgarter Börse mit BondM Mittelständlern Zugang zum Kapitalmarkt verschaffen. Doch die Schlussbilanz dieses Experiments ist verheerend. Jetzt nähert sich der Zapfenstreich.

Heute wäre eigentlich die 150 Millionen Euro schwere Mittelstandsanleihe von Air Berlin fällig geworden. Doch die Anleger werden von diesem Geld wohl nichts mehr zu Gesicht bekommen. Mit der insolventen Fluglinie ging das letzte Aushängeschild eines Börsensegments unter, das vor acht Jahren mit viel Euphorie von der Stuttgarter Börse ins Leben gerufen wurde: BondM.

Unter der Anleitung von „Coaches“ sollte Mittelständlern die Tür zum Kapitalmarkt aufgestoßen werden, so die damalige Idee. Die 2010 platzierte 225 Millionen Euro schwere Anleihe des Anlagenbauers Dürr war der Startschuss für insgesamt 31 Neuemissionen in BondM. Hinzu kamen die beiden Transfers der bestehenden Windreich- und Dürr-Anleihen.

Stuttgarter Börse zog BondM schnell den Stecker

Die Börse Stuttgart erkannte schon bald, dass ihr Projekt völlig anders lief als erhofft: Schon im Dezember 2014 erklärte Börsenchef Christoph Lammersdorf nach nur vier Jahren die Mittelstandsanleihe für tot. Zuvor hatte eine große Ausfallwelle mit zum Teil dubiosen Pleitefällen das Image des jungen Marktes zerstört.

Anfangs hielten noch viele Apologeten der Mittelstandsanleihe dagegen, doch sollte Lammersdorf mit seiner Einschätzung Recht behalten. Rückblickend erlitten von den 33 Anleihen, die in BondM gelistet waren, 20 eine so genannte „Leistungsstörung“. Das bedeutet, rund 60 Prozent der Emittenten gingen entweder in die Insolvenz oder mussten ihre Anleihen mithilfe des Schuldverschreibungsgesetzes restrukturieren.

Skandalpleiten German Pellets und KTG Agrar

Zu den spektakulärsten Pleiten zählten die des Brennstoffherstellers German Pellets, dessen Chef Peter Leibold mit Hilfe von Mittelstandsanleihen ein globales Holz-Pellet-Imperium errichtete, das letztlich aber wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach. 

Von zahlreichen Skandalen begleitet war auch die Insolvenz von Siegfried Hofreiters Landwirtschaftskonzern um KTG Agrar und dessen Tochterunternehmen KTG Energie. Beide Patriarchen hatten über Mittelstandsanleihen zusammen rund 800 Millionen Euro eingesammelt.

Die meisten BondM-Insolvenzen gab es im Bereich der erneuerbaren Energien. Neben German Pellets erwischte es auch den Windparkprojektierer Windreich mit gleich zwei Anleihen, aber auch gleich eine ganze Reihe von Solarunternehmen wie Solen, Sic Processing, Solarwatt, 3W Power und Centrosolar.

Ekosem und Ekotechnika rettet Restrukturierung

Einige angeschlagene Unternehmen konnten die Insolvenz gerade noch umgehen. Der deutsch-russische Landmaschinenhändler Ekotechnika rang seinen Anleihegläubigern über einen Tausch von Fremd- in Eigenkapital (Debt-to-Equity-Swap) einen Schuldenschnitt ab.

Dessen Schwesterfirma, der Milchproduzent Ekosem Agrar, restrukturierte seine beiden Anleihen ebenfalls. Im Gegenzug für das Versprechen, die Verschuldung zu reduzieren, stimmten die Anleihegläubiger einer Laufzeitverlängerung der beiden Papiere bis 2021 und 2022 zu. Die Anleihen notieren aktuell bei rund 95 beziehungsweise 94 Prozent ihrer Ausgabekurse.

BondM-Anleihen: Nur 30 Prozent planmäßig abgelöst

Ihre Mittelstandsanleihe planmäßig zurückgezahlt oder refinanziert haben dagegen nur zehn der 33 BondM-Emittenten. Das sind nur 30 Prozent aller Anleihen, und der Blue-Chip-Konzern Dürr, den es nicht lange an BondM hielt, geht dabei auch noch mit zwei Anleihen in die Statistik ein.

Auch andere erfolgreiche Unternehmen kehrten BondM zügig den Rücken, sodass sich letztlich in kurzer Zeit eine Negativauslese ergab. Das Chemieunternehmen Nabaltac löste seine BondM-Anleihe vorzeitig durch einen Schuldschein ab. Der Automobilzulieferer Uniwheels und das Handelsunternehmen Albert Reiff ersetzten sie durch einen Bankkredit. Beide Unternehmen dürften ihre Finanzierungskosten dadurch gesenkt haben.

Der Werkzeugmaschinenbauer MAG IAS zahlte die Anleihe nach der Übernahme durch den taiwanesischen Investor Fair Friend Group planmäßig zurück. Das gilt auch für den Autozulieferer Mitec und das Immobilienunternehmen Cloud No 7. 

Nur noch zwei gesunde BondM-Anleihen

Einzig der Einzelhändler Joh. Friedrich Behrens finanzierte den Bond komplett über eine neue Mittelstandsanleihe. Das Modeunternehmen Eterna mischte bei der Refinanzierung neben der Folgeanleihe auch einen Schuldschein bei. Beide Mittelstandsanleihen sind jedoch nicht mehr im BondM-Segment notiert. Ihre Kurse stehen aktuell bei 108 und 110,5 Prozent.

Von allen jemals in BondM emittierten Papieren sind mit den beiden Mode-Bonds von Peine und More & More nur noch zwei nicht leistungsgestörte Papiere am Markt. Sie sind nach Angaben der Stuttgarter Börse aber nicht mehr in BondM gelistet und werden im Juli beziehungsweise Juni diesen Jahres fällig. Die Papiere stehen bei 75 beziehungsweise 100 Prozent.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Update vom 23.4.2019: 

Das in diesem Artikel erwähnte Modeunternehmen Peine gab nur wenige Tage nach Erscheinen des Artikels bekannt, seine ausstehende Anleihe restrukturieren zu wollen. Das Konzept sieht vor, den jährlichen Zinssatz von 8 auf 2 Prozent zu senken und die Laufzeit  bis Juli 2023 auszudehnen. 

Wer den Ruf des Mini-Bond-Markts zerstört hat und wer ihn jetzt noch nutzt, erfahren Sie auf der FINANCE-Themenseite zu Mittelstandsanleihen