Rickmers Maritime Trust war eine Tochtergesellschaft der Reederei Rickmers und rutschte Ende 2016 in die Insolvenz – ein Szenario, das wohl vor allem die Banken bei der Mutter vermeiden wollen.

Rickmers

15.05.17
Finanzierungen

Fünf Gruppen ringen um Rickmers

Die Zukunft von Rickmers hängt am seidenen Faden: Management, Eigentümer, Banken, Werften und Bondholder kämpfen um Geld und Eigeninteressen. Und jetzt übt auch noch eine US-Investmentbank scharfe Kritik am Restrukturierungskonzept.

Wie erwartet ist in der vergangenen Woche die erste Gläubigerversammlung der Rickmers-Anleihe gescheitert, nur rund 17 Prozent des ausstehenden Nominalvolumens nahmen teil. Nötig gewesen wären 50 Prozent. Jetzt muss am 1. Juni in einer zweiten Gläubigerversammlung erneut über den von Rickmers-CFO Mark-Ken Erdmann Ende April vorgelegten Restrukturierungsplan abgestimmt werden. 

Dort dürfte es zum Showdown zwischen gleich fünf verschiedenen Interessensgruppen kommen, deren Ziele zum Teil weit auseinander liegen. Es stehen sich gegenüber: das Management um CEO Ignace Van Meenen und CFO Erdmann, die das Unternehmen ohne Insolvenzplan fortführen wollen, der Eigentümer und Aufsichtsratschef Bertram R.C. Rickmers, der trotz Schuldenschnitts noch einen Teil seines Eigenkapitals retten will, eine fünfköpfige Bankengruppe um die zum Verkauf stehende HSH Nordbank sowie last but not least noch zwei Schiffswerften, die ebenfalls offene Forderungen gegenüber Rickmers anmelden.

Die Bondholder kämen bei dem vorgeschlagenen Restrukturierungsplan am schlechtesten weg, bemängelt die US-amerikanische Investmentbank Houlihan Lokey in einem mehrseitigen Dokument, das FINANCE vorliegt. Houlihan Lokey bringt sich, wie schon bei der Pleite von German Pellets, als Finanzierungsberater für die Bondrestrukturierung ins Spiel und wirbt damit, ein alternatives Restrukturierungskonzept für die insolvenzbedrohte Reederei ausarbeiten zu wollen.

Streitfrage: Haben die Rickmers-Aktien überhaupt noch einen Wert?

Rickmers hatte seine Anleihegläubiger um eine Bondrestrukturierung gebeten, da ansonsten die am 11. Juni fällige Kuponzahlung in Gefahr wäre. Diese sei nur gesichert, wenn die HSH Nordbank gepfändete Gelder freigibt. Dafür müssten die Bondholder aber zustimmen, dass die gesamte Anleiheverbindlichkeit in Höhe von 275 Millionen Euro zusammen mit einem HSH-Kredit in ein Finanzvehikel (Luxco) überführt wird. Bertram Rickmers soll in das Vehikel 75,1 Prozent seiner Aktien einbringen, die dann an Investoren verkauft werden sollen. Von dem Verkaufserlös fließen die ersten 54,1 Millionen Dollar an die HSH, der Rest verteilt sich nach einem bereits definierten Schlüssel auf die anderen Gläubiger.

Für die Reederei hätte dieses Konstrukt den Vorteil, dass sie die Bondschulden komplett los wäre. Laut Berechnungen von Houlihan Lokey würde dieser Deal den Leverage vom 10,2-fachen auf das 7,4-fache des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) senken. 

Offen ist jedoch, wie werthaltig die Rickmers-Aktien überhaupt sind. Houlihan Lokey hält es für fraglich, dass ein Investor so viel dafür zahlen würde, dass mehr als der der HSH zustehende Anteil erlöst werden könnte. Grund ist, dass Rickmers nicht nur hoch verschuldet ist, sondern auch in einem beinharten Teil des Schifffahrtsmarktes agiert, dem in den nächsten Jahren kaum jemand Besserungschancen einräumt – der Vermietung von Containerschiffen an Großreedereien.

Weiterer Kritikpunkt der Spezialisten von Houlihan Lokey: Die zugestandene Negativverpflichtung beschränke sich nur auf die Luxco, nicht aber auf die Tochtergesellschaften der Rickmers-Holding, wodurch Rickmers zusätzliche Schulden aufnehmen und damit den Wert der Aktienbeteiligung der Bondholder zusätzlich verwässern könnte.

Houlihan Lokey will Kuponzahlung von Rickmers aufschieben

Rickmers wird bei der geplanten Refinanzierung von One Square Advisors beraten. Als gemeinsamen Vertreter der Anleihegläubiger schlägt Rickmers Christian Heiser vor. Houlihan Lokey bezweifelt, dass Heiser unparteiisch ist und im Interesse der Gläubiger handelt. Als Gegenkandidaten schickt die Gruppe um Houlihan Lokey Felix Schaefer, Partner der Corporte-Finance-Beratung Tauris Capital, ins Rennen. 

Houlihan Lokey kritisiert, dass Rickmers den Bondholdern keinen vollen Zugang zu vertraulichen Informationen gewähre, um die Lage bei Rickmers richtig beurteilen zu können. Als Beispiel nennt das Haus das von EY erstellte IDW S6-Gutachten und die Liquiditätsanalyse von Brinkmann & Partner, die Rickmers als Druckmittel einsetze, um die Bondholder zur Annahme des Restrukturierungsvorschlags zu drängen.

Houlian Lokey will deshalb, dass die Kuponzahlung um drei bis sechs Monate aufgeschoben wird. Parallel dazu wollen die Amerikaner Zugang zu den vertraulichen Informationen, um ein alternatives Restrukturierungskonzept auszuarbeiten. Beispielsweise sei noch nicht abschließend festgestellt, ob wirklich die gesamte Mittelstandsanleihe in das Finanzvehikel überführt werden müsse oder ob nicht ein Teil der Anleihe stehen gelassen werden könne, gegebenenfalls mit einem niedrigeren Kupon.

Rickmers und die Bankengruppe um die HSH Nordbank

Eine Schlüsselrolle beim weiteren Fortgang der Rickmers-Krise spielt die HSH Nordbank: Sie scheint der mit Abstand größte Gläubiger der Rickmers-Gruppe zu sein. Zwar ist die genaue Forderungshöhe gegen Rickmers nicht öffentlich bekannt, aber allein im vergangenen Jahr wurden HSH-Darlehen im Volumen von rund 520 Millionen US-Dollar verlängert.

Rickmers berichtet nur, dass die Reederei bei Banken insgesamt mit rund 1 Milliarde US-Dollar in der Kreide steht. Zum Bankenkreis gehören neben der HSH noch Unicredit, NordLB, Deutsche Bank und DNB. Laut Houlihan Lokey sind derzeit nur die Deutsche Bank und DNB zu einem Schuldenschnitt bereit. Die NordLB habe einer Tilgungsstundung bis März 2018 zugestimmt. Die Zugeständnisse der Unicredit seien noch unklar. 

Die Banken dürften jedoch ein hohes Interesse daran haben, dass die Bondrestrukturierung wie von Rickmers vorgeschlagen umgesetzt wird, gibt es doch bereits einen Präzedenzfall, der zeigt, was für die Banken im Falle einer Insolvenz auf dem Spiel steht. Im November vergangenen Jahres ging die Rickmers-Tochter Rickmers Maritime Trust (RMT) pleite, nachdem Verhandlungen zwischen den Anleihegläubigern und einer Bankengruppe gescheitert waren.

Die Erlöse der Bankengruppe lagen laut Houlihan Lokey unterhalb des im Vorfeld prognostizierten Worst-Case-Szenarios, der Schuldenschnitt damit bei 60 Prozent. Die Eigentümer der HSH – im wesentlichen die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein – werden deshalb einen weiteren größeren Verlust in einer Insolvenz vermeiden wollen, mutmaßen die Investmentbanker.

Bertram Rickmers‘ Investment ist unter Wasser

Eine Insolvenz verhindern möchte auch Bertram Rickmers. Dessen Eigenkapital ist derzeit weit aus dem Geld, wie es im Finanzjargon heißt. Sollte sich die Lage am Schiffsmarkt nicht bald verbessern – und das gilt als unwahrscheinlich – wird sich daran nach Einschätzung von Houlihan auch nichts ändern.

Bertram Rickmers hat Unternehmensangaben zufolge bereits im Dezember 2016 rund 13 Millionen Euro frisches Eigenkapital eingebracht und will im Zuge der Restrukturierung weitere finanziellen Mittel einbringen. Dass der Unternehmer 75,1 Prozent seiner Aktien in die Luxco einbringen, den Rest aber behalten will, kritisiert Houlihan Lokey als „nicht gängige Marktpraxis." 

Auch die Werften wollen Geld von Rickmers

Und wären die Verbindlichkeiten von Rickmers damit nicht schon hoch genug, melden zusätzlich auch noch zwei Schiffswerften Forderungen an: Hyundai Heavy Industries und Newyard Worldwide Holdings fordern zusammen rund 50 Millionen Dollar von Rickmers. Diese Darlehen haben die Werften Rickmers für den Bau und den Kauf von Schiffen gewährt, heißt es. Besichert sind die Kredite durch Garantien der Rickmers Holding und zweitrangige Schiffshypotheken. Die vorrangingen Hypotheken liegen auf den Bankkrediten.

Bis zur nächsten Gläubigerversammlung am 1. Juni müssen die einzelnen Parteien bei den Bondholdern nun auf Stimmenfang gehen. Damit die Versammlung beschlussfähig ist, müssen 25 Prozent des nominellen Anleihevolumens anwesend sein. Davon wiederum müssen der von Rickmers vorgeschlagenen Restrukturierung 75 Prozent zustimmen. Das Ringen um Rickmers geht in seine entscheidende Phase.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Die Schieflage der Reederei spitzt sich immer weiter zu und gipfelt am 1. Juni in der zweiten Gläubigerversammlung. Wie es zu der Finanzierungskrise kam, erfahren Sie auf der FINANCE-Themenseite zu Rickmers. Alle Infos zum Rickmers-CFO Mark-Ken Erdmann finden Sie auf seinem Profil bei FINANCE-Köpfe.