Am Markt für Mittelstandsanleihen brennt es lichterloh, zeigt eine Analyse der Finanzierungsberatung Capmarcon.

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12.01.17
Finanzierungen

„Zersetzungserscheinungen“ bei Mittelstandsanleihen

Die Jahresbilanz für Mittelstandsanleihen fällt 2016 verheerend aus: Die Ausfallrate hat die 30-Prozent-Marke geknackt und wird dieses Jahr wohl noch weiter steigen.

2016 war das mit großem Abstand schlimmste Jahr in der Geschichte der Mittelstandsanleihen. Nach einer Auswertung der Finanzierungsberatung Capmarcon sackte das platzierte Neuemissionsvolumen auf nur noch 200 Millionen Euro ab. Im Vorjahr waren es noch 539 Millionen Euro gewesen, 2013 sogar fast 1,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig explodierte die Zahl der Schieflagen: Capmarcon zählt für 2016 ganze 19 Mittelstandsanleihen mit einem Nennwert von insgesamt fast 900 Millionen Euro, die „leistungsgestört“ waren, also zugesagte Zins- oder Tilgungszahlungen schuldig blieben – ein Vielfaches der Werte früherer Jahre. 

Die düstere Jahresbilanz führt noch zu einer weiteren erschreckenden Zahl: Insgesamt sind in den vergangenen Jahren nun 51 Mittelstandsanleihen als leistungsgestört eingestuft worden. Ihr Gesamtvolumen beläuft sich auf 1,84 Milliarden Euro, das sind 30 Prozent des gesamten jemals am Mini-Bond-Markt platzierten Anleihevolumens.

Die Ausfallraten von Mittelstandsanleihen steigen und steigen

Zu den größten und aufsehenerregendsten Ausfällen des Jahres gehören der dubiose Untergang des Großemittenten KTG Agrar, die ebenfalls undurchsichtige Pleite von German Pellets und der Notverkauf des Familienunternehmens Scholz nach China, den die Bondholder mit einem Forderungsverzicht von über 90 Prozent bezahlen mussten. 

Capmarcon spricht von „Zersetzungserscheinungen“ am Mittelstandssegment und bilanziert: „Von den 2016 eigentlich fällig gewesenen Anleihen in Höhe von 925 Millionen Euro wurden sogar nur 546 Millionen Euro ordnungsgemäß getilgt.“ Der Rest sei leistungsgestört, das bedeutet für das Jahr 2016 eine Quote von sogar 41 Prozent.

Capmarcon: 2017 wird wohl genau so katastrophal werden

Capmarcon glaubt nicht, dass sich die schlechte Verfassung des Mini-Bond-Marktes kurzfristig verbessern wird – im Gegenteil, denn die große Fälligkeitenwelle rollt gerade erst an. Von den 2017 fälligen Anleihen mit einem Nennwert von zusammen 1,13 Milliarden Euro seien schon jetzt Papiere im Wert von 735 Millionen Euro leistungsgestört, schreibt das Analysehaus – eine Ausfallrate von 65 Prozent. Damit ist eine Wiederholung des Krisenjahres 2016 schon so gut wie ausgemacht, eine weitere Verschärfung der Lage ist sogar wahrscheinlich.

Erst 2018 könnte sich die Lage etwas verbessern. Von den dann fälligen Anleihen über 1,49 Milliarden Euro stufen die Stuttgarter derzeit erst 270 Millionen Euro als leistungsgestört ein. Nach Abzug der bereits erfolgten Tilgungen belaufe sich das offene Volumen noch auf mehr als 1,1 Milliarden Euro.

Die aktuellen Börsenkurse signalisieren jedoch, dass auch bei diesem Jahrgang noch nennenswerte Ausfälle auf die Investoren zukommen könnten: Zum Jahreswechsel notierte das ausstehende Volumen am Markt nur mit 74 Prozent des Nominalwertes. Ein Großteil des Abschlags entfalle dabei allerdings auf einen großen Emittenten, relativiert Capmarcon. Bei der Gesamtheit derzeit noch offener Mittelstandsanleihen lag der Durchschnittskurs Ende Dezember mit 88 Prozent etwas höher. 

Debakel für Ratingagenturen von Mittelstandsanleihen

Was sich darüber hinaus immer klarer abzeichnet, ist ein veritables Debakel für die am Mini-Bond-Markt aktiven Ratingagenturen. Von den 51 inzwischen gestörten Mittelstandsanleihen hatten nach Zählung von Capmarcon 27 Papiere bei der Emission ein Investmentgrade-Rating erhalten, 17 weitere ein immer noch gutes BB-Rating. „Wären diese Bewertungen realistisch gewesen, hätten von den mit BBB bewerteten 27 Anleihen nur maximal eine ausfallen dürfen, von den 17 BB-Papieren höchstens zwei“, kritisiert die Stuttgarter Finanzierungsberatung. Wegen eines dieser Fehl-Ratings sieht sich die Ratingagentur Scope gerade einer Schadensersatzklage ausgesetzt. 

Ein Blick auf den Zeitpunkt der Ausfälle zeigt außerdem, wie früh sie im Schnitt eingetreten sind: 34 von 51 leistungsgestörten Anleihen sind laut Capmarcon weniger als drei Jahre nach der Emission ausgefallen. 

Die schwache Bilanz führt derzeit auch noch zu einer fortlaufenden Negativauslese, weil zahlreiche noch gut da stehende Emittenten dem Mini-Bond-Markt den Rücken kehren. Erst Anfang dieser Woche gab der Schnapshersteller Berentzen bekannt, dass  er seine auslaufende Anleihe mit einem Bankkredit refinanzieren und sich aus dem Bondmarkt verabschieden wird.
   
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Pleiten, Betrug, Milliardenverluste: Das ganze Debakel zum Nachlesen, inklusive der Aufarbeitung diverser Einzelfälle, auf unserer Themenseite zu Mittelstandsanleihen.