Scope-Chef Torsten Hinrichs kann die Vorwürfe der Kanzlei Schirp Neusel & Partner nicht nachvollziehen.

Scope

10.01.17
Finanzierungen

Scope-Chef wehrt sich gegen Anlegerklage

Ein Investor verklagt die Ratingagentur Scope wegen des A-Ratings für die mittlerweile insolvente MS Deutschland aus dem Jahr 2012. Scope-Chef Torsten Hinrichs wehrt sich verbissen.

Im drohenden Rechtsstreit um die Bewertung der Bonität der inzwischen insolventen MS Deutschland geht Scope-Chef Torsten Hinrichs in die Gegenoffensive: „Wir weisen die Vorwürfe vollumfänglich als sachlich falsch zurück“, sagte er heute früh exklusiv gegenüber FINANCE.

Für die Ratingagentur Scope steht viel auf dem Spiel. Vor wenigen Tagen haben die Rechtsanwälte Schirp Neusel & Partner eine Klage beim Landgericht Berlin eingereicht, hatte das „Handelsblatt“ berichtet. Die Klage sei zum heutigen Tage nicht eingetroffen, betont Hinrichs. Er bezieht sich in seinen Äußerungen auf die Pressemitteilung der Anwälte der Kläger.

Scope-CEO Torsten Hinrichs zeigt sich „verwundert“

Die Kanzlei wirft Scope die fehlerhafte Bewertung der 60 Millionen Euro schweren Mittelstandsanleihe auf das Kreuzfahrtschiff MS Deutschland vor, die im Oktober 2014 ausfiel. Das Geld des unbekannten Investors ist größtenteils verloren. Zwar hat der Insolvenzverwalter der MS Deutschland vor wenigen Tagen eine zweite Zahlung an die Anleihegläubiger angekündigt. Die Rückzahlungsquote liegt aber auch nach der neuesten Zahlung nur bei 15 Prozent.

Scope hatte den Mini-Bond der MS Deutschland seinerzeit mit „A“ bewertet und die „gute Qualität mit einem geringem Risiko“ betont. Das Emittentenrating lag seinerzeit jedoch nur bei CCC+. „Unsere Mandantin hat auf dieses A-Rating vertraut“, sagt Rechtsanwältin Susanne Schmidt-Morsbach, Partnerin bei der Kanzlei Schirp Neusel.

Bei dem Kläger soll es sich um einen institutionellen Investor handeln, der zwischen 3 und 4 Millionen Euro in den Traumschiffbetreiber investiert hat. „Ich muss schon meine Verwunderung zum Ausdruck bringen, dass sich ein institutioneller Investor ausschließlich auf ein Rating bezieht. Die Bewertung stellt lediglich eine zukunftsgerichtete Meinungsäußerung von Scope dar. Eine eigene Analyse des Investors wäre notwendig gewesen“, versucht Hinrichs die Argumente der Gegenseite zu entkräften.

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Kläger: Scope hat bei der MS Deutschland falsche Maßstäbe angelegt

Die Vorwürfe der Rechtsanwälte haben es in sich: Der zentrale Punkt der Klage ist, dass Scope sich bei dem Rating an der Absicherung der Anleihe durch den Schiffswert von 77 Millionen Euro orientiert hat. Diese Bewertung hält Schmidt-Morsbach laut „Handelsblatt“ für nicht vertretbar, da das Schiff nur für 43 Millionen Euro versichert worden sei. „Wir sind der Auffassung, dass Scope von Anfang an falsche Maßstäbe angelegt und schuldhaft einen falschen Eindruck von der Sicherheit der Anleihe vermittelt hat“, so die Anwältin.

Hinrichs, der zum Zeitpunkt der MS-Deutschland-Emission noch Deutschlandschef der Ratingagentur Standard & Poor's war und erst im September 2014 zu Scope wechselte, sieht das naturgemäß anders: „Zwei Gutachter sind unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen, dass der Verkehrswert der MS Deutschland zum Zeitpunkt des Ratings bei etwa 70 Millionen Euro lag.“ Einer der Gutachter sei ein Wirtschaftsprüfer der Big Four gewesen. Scope habe sich auch nicht auf einen erst Jahre später ermittelten Zerschlagungswert beziehen können.

Zudem weist Hinrichs die Darstellung zurück, dass Scope sich bei der Bewertung ausschließlich auf den Verkehrswert bezogen habe. „Wir haben eine umfassende Analyse durchgeführt, die einen Cashflow-Ausblick beinhaltete, ebenso wie den Wert des Traumschiffs und die Aussichten des Kreuzschifffahrtsmarktes als Ganzes.“ Auf die Risiken habe Scope in der Analyse hingewiesen.

Mit Torsten Hinrichs hat Scope das Dax-Oligopol geknackt

Scope selbst waren nach dem Erstrating der MS Deutschland im Jahr 2012 offenbar schnell Zweifel gekommen. Im September 2013 stuften die Berliner die MS Deutschland bereits auf BBB- herab. „Als die genannten Risiken griffen, haben wir die MS Deutschland entsprechend herabgestuft.“ Im Dezember des gleichen Jahres hatte Scope das Rating sogar komplett zurückgezogen. Den Schritt begründete Scope damals damit, dass man nicht mehr ausreichend Informationen von dem Unternehmen erhalten habe. Das hatte für Unmut beim Management der MS Deutschland gesorgt.

Für Scope kommt die Klage zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Berliner versuchen sich gerade als Alternative zu den großen US-Ratinghäusern S&P, Fitch und Moody’s zu positionieren. Mehrheitseigentümer Florian Schoeller und seine Partner wollen über 100 Millionen Euro in die Expansion der Ratingagentur pumpen.

Erste Prestigeerfolge kann Hinrichs bereits vorweisen: Zuerst wechselten namhafte Ratinganalysten zu Scope, zum Beispiel Ex-S&P-Mann Olaf Toelke. Wenig später gelang es Scope, das Rating-Oligopol der großen Agenturen im Dax zu knacken. Mittlerweile ratet Scope neben Linde sogar noch weitere Dax-Konzerne. Die Altlasten aus der Zeit vor Hinrichs könnten Scope neben Geld auch Zeit und Ansehen kosten, was ein Rückschlag für die ehrgeizigen Pläne wäre.

jakob.eich[at]finance-magazin.de

Die Berliner Ratingagentur versucht sich gegen die Platzhirsche aus den Vereinigten Staaten durchzusetzen. Auf unserer FINANCE-Themenseite finden Sie alle wichtigen News zu Scope.