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Singulus muss um sein Bilanztestat kämpfen

Der Maschinenbauer Singulus braucht eine große Finanzspritze, sonst wird KPMG den Jahresabschluss nicht testieren. Foto: Singulus
Der Maschinenbauer Singulus braucht eine große Finanzspritze, sonst wird KPMG den Jahresabschluss nicht testieren. Foto: Singulus

Der Maschinenbauer Singulus ist ein weiteres Mal mit einer kritischen Geschäftssituation konfrontiert – diesmal aber nicht wegen schwacher, sondern wegen anziehender Geschäfte. Nachdem desaströse Zahlen in den beiden zurückliegenden Geschäftsjahren das Eigenkapital aufgezehrt haben, ist nun nicht mehr genügend Geld da, um die stark anziehende Auftragslage vorfinanzieren zu können. Wegen der nicht gesicherten Finanzierung will der Wirtschaftsprüfer KPMG Singulus noch kein Bilanztestat für 2020 erteilen. Der Grund ist eine nach Ansicht von KPMG nicht ausreichend gesicherte Fortführungsprognose („Going Concern“).

Das Going Concern-Prinzip schreibt vor, dass der Wirtschaftsprüfer bei der Erstellung des Testats von der Fortführung der Unternehmenstätigkeit ausgehen muss. Die Fortführungssicherheit herzustellen ist nun vor allem die Aufgabe von Finanzchef Markus Ehret. Höchstens noch bis Ende des Jahres hat er Zeit, das Going-Concern-Problem zu beheben.

Gegenüber FINANCE präzisiert der 54-Jährige, warum das Anziehen der Geschäfte die Lage nicht entspannt, sondern sogar eher noch verschärft hat: „Mit den Aufträgen bekommen wir zwar auch Anzahlungen, aber davon muss ein großer Teil für die Hinterlegung von Avalen verwendet werden. Wir benötigen zur Vorfinanzierung also zusätzliche Mittel.“

Singulus fertigt Sondermaschinen, mit denen hauchdünne Beschichtungen aufgetragen werden. Früher dominierte der Mittelständler den Weltmarkt für CD- und DVD-Produktionsmaschinen, anschließend wurden Maschinen zur Beschichtung von Solarzellen das neue Kerngeschäft. Zudem verkauft Singulus Anwendungen für die Produktion von Brillengläsern, Medizintechnik und Halbleitern. Der Wert einzelner Maschinen kann mehrere Millionen Euro erreichen, was die Auftrags- und Ertragslage besonders volatil macht.

Wandelanleihe und Schuldschein sind ausgeschlossen

Mit 110 Millionen Euro liegt der Auftragsbestand so hoch wie seit Jahren nicht mehr, was Ehrets Aufgabe kurzfristig nicht leichter macht. Erschwert wird die Situation durch eine massive Bilanzunterdeckung: Das negative Eigenkapital summiert sich auf 42,7 Millionen Euro – bei einer Bilanzsumme von nur 71,8 Millionen Euro. Kapitalmarkttransaktionen wie eine Wandelanleihe oder ein Schuldschein sind ausgeschlossen, solange die Bilanz derart angespannt ist und kein Testat vorliegt.

„Es hilft nichts: Wir müssen jetzt einen Befreiungsschlag über das Eigenkapital machen“, sagt Ehret. In Kürze will das Unternehmen seine Aktionäre dazu befragen und die Transaktion auf den Weg bringen. Laut Ehret befindet sich Singulus bereits in Gesprächen mit potentiellen Großinvestoren, die bereit wären, als Underwriter den Erfolg einer Kapitalerhöhung zu garantieren.

„Es hilft nichts: Wir müssen jetzt einen Befreiungsschlag über das Eigenkapital machen.“

Singulus-CFO Markus Ehret

Die Analysten von Warburg Research erwarten, dass Singulus zwischen 4 und 6,5 Millionen neue Aktien zu einem Preis von 3 bis 4 Euro je Papier ausgeben wird. Im Vergleich zu den 8,9 Millionen ausstehenden Aktien wäre das eine erhebliche Verwässerung der Anteile der bestehenden Aktionäre. Trotzdem wäre Ehret selbst mit einer derart großen Kapitalerhöhung die Sorgen noch nicht los, wie er selbst einräumt: „Eine Kapitalerhöhung alleine würde nicht reichen, um die Bilanz zu heilen. Nach einer erfolgreichen Kapitalmaßnahme müssten wir den Rest der Wegstrecke zu einem positiven Eigenkapital über die operativen Erträge zurücklegen.“

Die Singulus-Anleihe spielt eine zentrale Rolle

Bei seinen Investoren- und Finanzierungsgesprächen darf Ehret auch die ausstehende, 12 Millionen Euro schwere Anleihe nicht außer Acht lassen. Diese – ein Überbleibsel einer einstmals viel größeren, im Jahr 2016 restrukturierten Mittelstandsanleihe – wurde gerade erst ein zweites Mal restrukturiert. Der Zinssatz wurde von zuletzt 10 auf 4,5 Prozent gesenkt, die Laufzeit bis 2026 verlängert. Im Gegenzug erhöhte Singulus den Rückzahlungsbetrag auf 105 Prozent.

Die Aufstockung des Rückzahlungspreises Papiere könnte bald noch relevant werden, denn die Anleihebedingungen enthalten für Singulus zwei kritische Punkte: eine Change-of-Control-Klausel und eine Beschränkung bei der Vergabe von Kreditsicherheiten.

Sollte sich ein großer Underwriter für die geplante Kapitalerhöhung finden, müssten die Bondholder zunächst wahrscheinlich den Verzicht auf ihr Kündigungsrecht erklären, weil die Underwriting-Zusage am Ende zur Übernahme eines Anteils von mehr als 30 Prozent durch den Investor führen könnte. Dann müsste dieser ein öffentliches Übernahmeangebot vorlegen, was ihn in eine Kontrollposition bringen könnte. In diesem Fall könnten die Bondholder von ihrem Kündigungsrecht auf Basis der Change-of-Control-Klausel Gebrauch machen.

CFO-Profil

Markus Ehret, Singulus Technologies AG

Markus Ehret

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Singulus Technologies AG

Gefährliche Abwägung für die Bondholder

Und auch bei der zweiten Rettungsoption, die Ehret parallel verfolgt, hätten die Bondholder ein Vetorecht. Der CFO hofft, dass sich vielleicht auch noch ein strategischer Partner zu einer umfangreichen bilateralen Finanzierung bereit erklären könnte, bestehend überwiegend aus Fremdkapital. Dies würde die Bilanz nicht stärken, zumindest aber die Abwicklung der neuen Aufträge ermöglichen. Doch die Vergabe von Sicherheiten für einen solchen Kredit wäre ein Verstoß gegen die Anleihebedingungen.

Für die Bondholder zeichnet sich also eine gefährliche Abwägung ab: Auf der einen Seite könnten sie sich hartleibig präsentieren und darauf spekulieren, zu 105 Prozent abgefunden zu werden, weil das Unternehmen Interesse an einem großen Wurf auf Finanzierungsseite haben dürfte. Überreizen sie aber ihr Blatt, könnte Singulus in die Insolvenz rutschen. Derzeit schwankt der Kurs der Anleihe zwischen 70 und 80 Prozent.

Singulus will zurück in die schwarzen Zahlen

Für Ehret, der nach vielen Jahren der Ertragsschwäche viele Finanzierungsoptionen wie beispielsweise Factoring bereits ausgeschöpft hat, ist das eine schwierige Situation. Er setzt darauf, potentielle Geldgeber mit den positiven Perspektiven gewinnen zu können, die der Auftragsboom den Mainfranken verschafft: Weil sich die Auftragslage bei den neuen Segmenten außerhalb des Stammgeschäfts mit Solarproduktionsanlagen „sehr positiv“ entwickele, hofft der CFO, dass Singulus in Zukunft wieder nachhaltig profitabel arbeiten könnte: „Wir bekommen gerade viele Aufträge aus dem Medtech-Bereich. In den nächsten Jahren sehe ich auch neben den Beschichtungsanlagen für dekorative Schichten eine deutliche Nachfrage nach unseren Anlagen für die Beschichtung von Halbleitern.“

Abgeleitet aus den ausgewiesenen Kostenquoten und Bruttomargen aus der GuV müsste Singulus wohl um die 100 Millionen Euro pro Jahr umzusetzen, um operativ schwarze Zahlen zu schreiben. Langfristig hofft Singulus sogar, vom Wasserstoffboom profitieren zu können: Die Bipolarplatten, an deren Oberfläche die chemische Reaktion zur Bildung des Wasserstoffs stattfindet, werden bislang noch weitgehend mit Gold beschichtet. Singulus sieht die Chance, Maschinen zum Auftragen günstigerer Beschichtungen entwickeln zu können. „Aber vorher müssen wir unsere Bilanz stabilisieren“, sagt Ehret.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de


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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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