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Green Finance: Wie Unternehmen grüne Finanzierungen nutzen

Die Diskussionsrunde zum Thema „Green Finance – Hip oder Hype?“ fand am zweiten Tag der diesjährigen SF statt. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/A. Varnhorn & B. Hartung

ESG sind die drei Buchstaben der Stunde: Unternehmen müssen die Umweltproblematik zum Thema machen, sozialer handeln und eine gute Unternehmensführung vorweisen. Im Idealfall ist es sogar eine Kombination aus den drei Faktoren. Flankiert werden kann das mit Instrumenten aus dem Baukasten des Green Finance. Doch wie geht man es an? Zahlreiche Unternehmen befassen sich derzeit zum ersten Mal mit den Green-Finance-Tools.

Treasurer tauschen Erfahrung mit ESG aus

Darüber tauschten sich auf der diesjährigen Structured FINANCE haben drei Corporate-Treasurer von den Konzernen Daimler, Adidas und Deutsche Bahn mit Bankern und Beratern aus. Teil der Diskussionsrunde waren auch Maximilian Tucher, Financial Advisory des Wirtschaftsprüfers Deloitte, der Banker und derzeitiger Bereichsvorstand Firmenkunden bei der Commerzbank, Robert Schindler sowie Eva Meyer, die Head of Company Engagement bei BNP Paribas ist.

Warum haben sie sich für Green Finance entschieden – oder nicht?

Beispiel Daimler: Der Autobauer hat vergangenes Jahr seinen ersten Green Bond platziert und dieses Jahr noch einmal mit einer Anleihe nachgelegt. Nach Platzierung muss der Konzern jetzt immer genau über die Mittelverwendung berichten. Diese fließen vor allem in den Ausbau der Elektromobilität, die der Konzern etwa mit der neuen Luxusmodellreihe EQS vorantreibt.

Das Reporting sei durchaus aufwendig, erklärte Treasurer Steffen Hoffmann am Abschlusstag des zweitägigen Kongresses. Hoffmann erläuterte, dass der erste Aufwand für das erste Daimler Green Finance Investor Reporting hoch gewesen war, gleichzeitig der Prozess aber auch spannend sei. Das Treasury habe dazugelernt und gehe nun beim zweiten Reporting von „erheblich einfacheren“ Abläufen aus. „Nach unserer Erfahrung mit dem ersten Green Bond haben wir uns gefragt, wie man diesen Prozess effizienter gestalten kann? Können aber auch ganz klar sagen, der Aufwand lohnt sich“, sagte Hoffmann.

Adidas hat Sustainability Bond platziert

Auch der Sportartikelhersteller Adidas hat sich vor nicht allzu langer Zeit den Markt für Sustainability Bonds erschlossen.

Jürgen Drebes, Vice President Corporate Treasury von Adidas. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/A. Varnhorn & B. Hartung.

Jürgen Drebes, Vice President Corporate Treasury von Adidas, berichtete, dass der Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach seine Kriterien für diese Art der ESG-Finanzierung derzeit sehr eng fasst, auch um möglichen Vorwürfen des Greenwashing zu entgegnen. Da Adidas kein Kapitalintensives Unternehmen mit großer Produktion ist und viel Einkauft, liege der Schwerpunkt dem Dax-Konzern eher im Sustainable Sourcing. Dabei kämen etwa recycelte Materialien zum Einsatz.

Die Mittel aus dem im September 2020 emittierten 500 Millionen Euro Sustainability Bond würden ausschließlich für die Working Capital Finanzierung verwendet, so Drebes. Dabei werden die Investitionen zu 80 Prozent in die Verwendung von nachhaltigen Materialien, zu 10 Prozent in Community Engagement-Projekte sowie weitere 10 Prozent in nachhaltige Prozesse wie eine bessere Energieeffizienz gesteckt.

Deutsche Bahn: Umweltschutz auf der Aktivseite der Bilanz

Der Head of Capital Markets & Cash Management bei der Deutsche Bahn, Christian Große Erdmann erläutert währenddessen, dass sich sein Unternehmen gesamthaft als „Green Issuer“ am Kapitalmarkt positionieren wolle.

Christian Große Erdmann, Head of Capital Markets & Cash Management bei der Deutsche Bahn. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/A. Varnhorn & B. Hartung.

„Umweltschutz erfolgt auf der Aktivseite der Bilanz, nicht auf der Passivseite“ erinnert der Eisenbahner. Die Deutsche Bahn achte daher unabhängig von der Finanzierung sehr genau darauf, welchen ökologischen Fußabdruck ihre unternehmerischen Aktivitäten hinterließen.

Das wird auch von Dritten anerkannt. So hat die Climate Bonds Initiative (CBI) die Deutsche Bahn in diesem Jahr als erstes deutsches Unternehmen als „fully climate-aligned issuer“ eingestuft, so dass alle Anleihen der Bahn auch an der Luxembourg Green Exchange gehandelt werden könnten. Bisher hat das Infrastrukturunternehmen allerdings noch keinen Green oder Sustainable Bond platziert.

ESG-Ratingagenturen müssen Standards schaffen

Ein großes Thema sind auch die ESG-Ratingagenturen in dem neuen Green-Finance-Markt. Ihr Urteil spielt für Anleger schon eine wichtige Rolle, allerdings sind ihre Ansätze und Methoden noch sehr unterschiedliche und manchmal nicht nachvollziehbar

Große Erdmann hinterfragte auch die Geschäftspraktiken mancher der ESG-Ratingagenturen. So sollten den Emittenten etwa Factual Accuracy Checks ermöglicht gefördert werden. Dies würde am Ende , welche auch der Reputation der Ratingagenturen zugutekommen kämen, so der Deutsche-Bahn-Finanzspezialist. Immer wieder hat er rein faktische Fehler in den Reports festgestellt, die aber nicht korrigiert wurden. Und die dann zu falschen Schlüssen führten.

Als Moderator und FINANCE-Chefredakteur Markus Dentz nach weiteren Refinanzierungsmöglichkeiten beim noch relativ neuen Trend der ESG-Finanzierung fragte, gab Daimler-Treasurer Hoffmann zu verstehen, dass künftig mehr als die Green Bonds möglich seien. Daimler prüft verschiedene Möglichkeiten, etwa grünes ABS, bei dem die Leasing- oder Finanzierungsverträge mit Elektroautos finanziert würden. Hoffmann führt aus „Grüne Finanzstrategie muss einer grünen Unternehmensstrategie folgen und wir haben ein klares Ziel – bis zum Ende der Dekade CO2 neutral zu sein, wo immer es die Marktbedingungen zulassen.“

ESG-Spielregeln müssen noch festgelegt werden

Der Commerzbank-Bereichsvorstand Robert Schindler meinte, dass sich die Spielregeln in den nächsten Monaten und vielleicht auch Jahren noch herausbilden müssen. „Auch sollen Ratingagenturen die Nachhaltigkeitsstrategien der Unternehmen mit berücksichtigen. Diese müssen schließlich im Kontext der Unternehmensstrategie verstanden werden“, forderte Schindler.

Die drei live zugeschalteten Experten: Daimler-Treasurer Steffen Hoffmann, Eva Meyer von BNP Paribas und Commerzbank-Bereichsvorstand Robert Schindler (v.l.n.r.). Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/A. Varnhorn & B. Hartung.

Eva Meyer von BNP Paribas greift diesen Zusammenhang ebenso auf und unterstreicht die Bedeutung einheitlicher Standards. „Wir müssen Dataen-Friedhöfe vermeiden. Die neue Taxonomie der Europäischen Union könnte den entscheidenden Anstoß dazu liefern“, argumentiert sie.

Meyer ist auch der Meinung, dass zur groben Einschätzung der Unternehmensbonität häufig vier bis fünf finanzielle Kennzahlen ausreichen. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn für die weitere Entwicklung am ESG Markt ebenfalls materielle Kennzahlen je Sektor erhoben werden, die vergleichbar sind.

Corporates müssen ESG transparent gestalten

Der Trend der nachhaltigen Finanzierung ist vorwiegend bei großen Unternehmen angekommen, während der breite Mittelstand – in vielen Fällen – noch nicht soweit sei. Der Commerzbank-Bereichsvorstand Schindler betonte, dass die ESG-Thematik auch im deutschen Mittelstand einkehren sowie eine nachhaltige Wirkung haben werde.

Die Umsatzgröße möge eine Rolle spielen, wie stark ein Unternehmen am ESG-Markt aktiv ist.

Deloitte-Spezialist Maximilian Tucher. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/A. Varnhorn & B. Hartung.

Deloitte-Spezialist Maximilian Tucher wirft allerdings in die Diskussionsrunde ein, dass jedes Unternehmen seine Nachhaltigkeitsstrategie nach außen kommunizieren muss. Auch prognostizierte der Berater, dass Banken und andere Finanzierungsdienstleister, die verschiedenen Corporates bei der grünen Transformationen mit kreativen Green Finance Lösungen unterstützen sollen.

Die Diskussion zeigte, wie viel im Bereich Green Finance noch im Fluss ist. Pricing, Rating und Instrumente werden die Community vermutlich noch lange beschäftigen, bis sich Standards herausgebildet haben.

jan.schuermann[at]finance-magazin.de

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Jan Schuermann ist Redakteur bei FINANCE und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Gehalt in der Corporate-Finance-Welt. Er hat in Köln Geschichte, Deutsch und North American Studies studiert. Während eines Auslandsaufenthalt an der UC Berkeley hat er zeitweise für den Daily Californian gearbeitet. Bevor Jan Schuermann zum Fachverlag F.A.Z Business Media gestoßen ist, war er für die Nachrichtenagentur Thomson Reuters im polnischen Danzig tätig.