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Welche Unternehmen beim WSF zugegriffen haben

Adler ist eins von 18 Unternehmen, die Hilfsmittel aus dem WSF bekommen haben.
Adler

Im Mai gelang Adler Modemärkte ein Paukenschlag: Nachdem sich die Modekette lautstark über die zunächst fehlende Unterstützung des Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) beklagte, bekam das Unternehmen vom Bund dann doch noch ein Darlehen in Höhe von 10 Millionen Euro. Das Geld hat das kriselnde Unternehmen dringend gebraucht. Adler ist damit das erste insolvente Unternehmen, das Geld aus dem WSF erhielt. 

Neben der Modekette haben bereits 17 weitere Unternehmen Hilfsmittel aus dem WSF bekommen, der im März 2020 vom Bund ins Leben gerufen wurde, um Unternehmen durch die Coronakrise zu helfen. Insgesamt hat der Fonds ein Volumen von 600 Milliarden Euro. 400 Milliarden Euro stehen für staatliche Garantien bei Verbindlichkeiten bereit, 100 Milliarden Euro zur Refinanzierung der KfW-Sonderprogramme und 100 Milliarden Euro für Rekapitalisierungsmaßnahmen.

Aus einer Liste des Bundeswirtschaftsministeriums zu den Aktivitäten des WSF geht hervor, dass der Fonds bislang noch keine Garantien übernommen hat, damit Unternehmen sich bei Banken oder am Kapitalmarkt frische Gelder beschaffen können. Vielmehr setzt der WSF seine Mittel für direkte Finanzspritzen ein – durch Beteiligungen des Staates, aber auch, indem der Fonds Genussrechte oder nachrangige Schuldverschreibungen zeichnet.

WSF: Sechs Reiseunternehmen werden unterstützt

Die Summen der Darlehen gehen dabei gewaltig auseinander: Sie rangieren zwischen 4,5 Millionen bis 5,8 Milliarden Euro. Auch die Liste der Darlehensnehmer ist bunt: Neben großen bekannten Unternehmen wie Lufthansa oder Galeria Kaufhof Karstadt profitierten auch einige unbekanntere Mittelständler von den Hilfen des Fonds. Die kleinste Summe ging mit 4,5 Millionen Euro an den Münchener Anlagenbauer Orcan, an dem auch E.on beteiligt ist.

Besonders präsent ist – wie zu erwarten – die Reisebranche. Die Lufthansa ist Spitzenreiter bei der Darlehenssumme aus dem WSF: Im Juni 2020 erhielt die Airline 9 Milliarden Euro an staatlichen Hilfen. Davon kam 5,8 Milliarden Euro über eine stille Einlage aus dem WSF, der Rest kam unter anderem von der KfW. Derzeit verhandelt die Lufthansa, die sich immer noch in einer schwierigen Lage befindet, über eine Kapitalerhöhung. Auch hier könnte der Staat mitziehen, wie Finanzminister Olaf Scholz jüngst in Aussicht stellte.

Der kriselnde Reisekonzern Tui erhielt insgesamt 1,2 Milliarden Euro aus dem WSF. Zuerst bekam der Konzern im September 2020 einen Zuschuss von 150 Millionen Euro, im Januar diesen Jahres kamen dann nochmal 1,09 Milliarden Euro dazu. Beide Finanzspritzen erfolgten in Form von stillen Einlagen.

Auch Tui-Wettbewerber FTI erhielt gleich zweimal Geld aus dem Fonds: Im August 2020 gewährte der WSF erstmals ein Nachrangdarlehen über 235 Millionen Euro, im Dezember stellte der Fonds dem Reiseveranstalter über eine stille Einlage nochmal 250 Millionen Euro zur Verfügung. Zuvor hatte bereits der Mehrheitseigner von FTI Touristik, der Ägypter Samih Sawiris, Geld in unbekannter Höhe gegeben.

Trendtours sowie Berge und Meer bekamen WSF-Mittel

Noch recht frisch ist dagegen das Engagement des Staates bei Trendtours. Im März diesen Jahres erhielt der Reiseveranstalter einen Überbrückungskredit von 23 Millionen Euro, deutlich weniger als die großen Player wie Tui oder FTI. Man schaffe sich mit der Staatshilfe „rechtzeitig Spielräume für einen erfolgreichen Neustart“, erklärte Trendtours-Chef Markus Daldrup damals. Das Unternehmen hofft, bald wieder mehr Reisen verkaufen zu können, denn der Anbieter ist auf Reisen für Ältere spezialisiert – also eine Zielgruppe, die schon früh geimpft wurde.

Auch der Reiseveranstalter Berge und Meer Touristik erhielt im März 2021 einen staatlichen Kredit von 20 Millionen Euro. Das Westerwälder Unternehmen gab an, dass vor Corona jährlich mehr als 300.000 Urlauber mit Berge und Meer verreisten. Ebenfalls in die Kategorie Reise fällt die Hamburger Hotelkette Novum Hospitality, die im Dezember 45 Millionen Euro vom WSF bekam.

Galeria Karstadt Kaufhof profitiert vom WSF

Neben der Reisebranche sind vor allem Modeunternehmen auf der Liste vertreten. Der wohl bekannteste Fall ist Galeria Kaufhof Karstadt, die vor der Inanspruchnahme der staatlichen Hilfsgelder in die Insolvenz gerutscht war. Im Februar dieses Jahres erhielt die Kaufhauskette ein Nachrangdarlehen in Höhe von 460 Millionen Euro. Die Essener sind einer der größten Kreditnehmer des WSF.

Mit Adler und dem Schuhhersteller Görtz, der im April 2021 einen Kredit über 28 Millionen Euro erhielt, wächst die Liste der vom WSF unterstützten Modeketten auf drei.

MV Werften bekam Finanzspritze

Ein Unternehmen, das ebenfalls eine besonders hohe Summe genehmigt bekam, ist die MV Werften Holding. Sie erhielt zunächst im Oktober einen Überbrückungskredit von 193 Millionen Euro. Das war aber quasi nur ein Vorschuss, denn am vergangenen Freitag wurde bekannt, dass der WSF über eine stille Beteiligung nochmal 107 Millionen Euro nachschießt, 47 Millionen Euro als Nachrang-Darlehen und 60 Millionen Euro als  stille Beteiligung. Der Schiffbauer German Naval Yards Kiel erhielt ebenfalls gerade 35 Millionen Euro.

Auch Industrieunternehmen bekamen Hilfen: Dem niedersächsischen Stahlhersteller Georgsmarienhütte überwies der WSF 58 Millionen Euro in Form einer stillen Beteiligung. Jeweils 10 Millionen bekamen im Januar der Hersteller von Rohrleitungssystemen Sanha und im Mai dieses Jahres der Maschinenbauer Frimo.

Der Autozulieferer Schlote konnte sich über ein Nachrangdarlehen und eine stille Beteiligung in Höhe von 25 Millionen Euro freuen. Wettbewerber Kaiser erhielt 12,5 Millionen Euro. Auch der Limousinenvermittler Blacklane bekam Anfang des Jahres ein Nachrangdarlehen von 10 Millionen Euro. Im April 2020 fiel der Umsatz der Berliner fast auf null.

WSF-Topf: Rund 90 Milliarden Euro sind noch da

Insgesamt summieren sich die Hilfsmittel für die 18 Unternehmen auf rund 8,5 Milliarden Euro. Entsprechend sind im WSF-Topf noch ganze 90 Milliarden Euro für Rekapitalisierungsmaßnahmen übrig. Zur Refinanzierung von KfW-Sonderprogrammen wurden bislang 38 Milliarden Euro von der KfW abgerufen (Stand 26.05.2021), hier sind noch rund 60 Milliarden Euro übrig.

Damit hätte der Fonds noch reichlich Mittel, um weitere Unternehmen zu unterstützen. Dass die Hilfen komplett ausgeschöpft werden, scheint angesichts dieser Zahlen kaum denkbar. Allerdings ist noch viel Bewegung im Markt: Elf der 18 Unternehmen haben in diesem Jahr die WSF-Mittel erhalten.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

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Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln studiert. Sarah Backhaus arbeitete während ihres Studiums unter anderem für Onlinemagazine von Gruner + Jahr und schrieb als freie Journalisten für die Handelszeitung, faz.net und Impulse.

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