Die Dürrewelle erschüttert Deutschlands Landwirtschaft. Zu den Leidtragenden zählt auch die Unternehmerfamilie Zech, die 2016 große Teile von KTG Agrar gekauft hat.

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13.08.18
Wirtschaft

Dürre verleidet Zech die KTG–Agrar-Übernahme

Die Unternehmerfamilie Zech, die 2016 große Teile der zusammengebrochenen KTG Agrar übernommen hat, wird zum Opfer der Dürre. Auf den Feldern und in den Biogasanlagen tun sich Millionenlöcher auf.

Die Folgen der Dürre für die deutsche Landwirtschaft treffen auch die Bremer Industriellenfamilie Zech, die vor zwei Jahren einen Großteil der Geschäfte der untergegangenen KTG Agrar übernommen hat. Rund um Berlin bewirtschaftet die für die KTG-Übernahme gegründete Zech-Tochter Deutsche Agrar Holding (DAH) rund 20.000 Hektar Fläche. In dieser Region belaufen sich die Ernteverluste bei Mais und Ganzpflanzensilage (GPS) gegenüber dem Vorjahr nach ersten Schätzungen der regionalen Statistikämter auf 50 bis 80 Prozent.

Doch Mais und GPS benötigt die DAH, um die insgesamt 23 Biogasanlagen zu betreiben, die Zech von der ebenfalls kollabierten KTG-Tochter KTG Energie übernommen hat. Durch die Ernteverluste drohen sich bei diesen Anlagen ebenjene Versorgungsprobleme zu wiederholen, unter denen auch KTG Energie früher schon gelitten hatte.  

Zech kämpft um Material für Biogasanlagen

Die Lage ist gefährlich: Wenn Biogasanlagen das Substrat ausgeht, mit dem sie betrieben werden, hat das schwerwiegende finanzielle Folgen. Es dauert viele Monate, die hochkomplexen Anlagen nach einem Stillstand wieder anzufahren, und in dieser Zeit fallen hohe Wartungsausgaben an.

Die DAH versucht nach eigenen Angaben alles, um die Substratversorgung zu sichern: „Wir haben frühzeitig verschiedene Maßnahmen ergriffen, um dem geringeren Ertrag aus dem Eigenanbau entgegenzuwirken“, sagte ein Zech-Sprecher auf eine FINANCE-Anfrage hin. Wie diese Maßnahmen konkret aussehen, ließ er jedoch offen.  

Die DAH verfügt nach Aussagen der Mutter noch über Vorräte aus dem vergangenen Jahr. Darüber hinaus passe man den Substratmix an den Versorgungsengpass an. Zur genauen Zusammensetzung des Substrats ist nichts bekannt. Häufig wird bei Engpässen anstelle von Mais vermehrt GPS-Silage genutzt. Diese ist jedoch weniger energiereich als Mais, was den Wirkungsgrad der Anlagen nach solchen Entscheidungen in aller Regel senkt.

Einkaufspreise sind in die Höhe geschossen

Der Substratbedarf der 23 Biogasanlagen, die zusammen eine Nennleistung von 53 Megawatt erreichen, liegt nach Aussage von Zech unter 1 Million Tonnen. Von FINANCE befragte Agrarexperten schätzen, dass die DAH in diesem Sommer auf den selbst beackerten Flächen weniger als die Hälfte, eventuell sogar nur ein Drittel dieser Menge erzeugen kann.

Doch fehlendes Substrat zuzukaufen ist nicht einfach: Die Preise für die zusätzlich benötigten Mengen sind wegen der Dürre in die Höhe geschossen. In manchen Teilen Deutschlands haben sich die Preise für Mais und GPS gegenüber dem Normalpreis bereits verdoppelt. Und die Preistendenz ist weiter steigend. Die allermeisten Viehzüchter weigern sich in diesem Jahr, Teile ihrer Ernte zu verkaufen, da sie alles für die Fütterung ihrer Nutztiere benötigen.

Hohe Mehrkosten für die Deutsche Agrar Holding

FINANCE-Schätzungen zufolge müsste die DAH einen niedrigen bis mittleren zweistelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen, um den Substratbedarf ihrer Biogasanlagen vollständig zu decken. Die Summe könnte am unteren Ende dieser Spanne liegen, falls es der DAH gelungen sein sollte, sich schon im Frühjahr nennenswerte Erntemengen zu niedrigen Preise zu sichern. Damals hatte sich noch eine Rekordernte abgezeichnet. Ob dies der Fall ist oder nicht, wollte Zech nicht beantworten. Das Familienunternehmen spricht nur allgemein von „eingeleiteten Kompensationsmaßnahmen“. Durch diese sei die Auslastung der Biogasanlagen „weitestgehend gesichert“.  

Die dürrebedingten Mehrkosten schätzt Zech gegenüber FINANCE auf einen „mittleren siebenstelligen Betrag“, also im einstelligen Millionenbereich. Da die DAH nach FINANCE-Informationen auch im vergangenen Jahr keinen nennenswerten Gewinn erzielt hat, droht der Zech-Tochter für 2018 nun ein Millionenverlust.

„Die Auslastung unserer Biogasanlagen ist weitestgehend gesichert.“

Unternehmenssprecher der Zech-Gruppe

Dürre könnte Zech zusätzliche Flächen zutreiben

Mittelfristig ließe sich die aktuell schwierige Lage allerdings auch zu einer Chance umdeuten. Die entscheidende Frage lautet: Ist die Zech-Familie bereit, weiter in das Unternehmen zu investieren, obwohl die Anfälligkeit des Geschäftsmodells jetzt so deutlich zu Tage getreten ist? Falls ja, bietet die Dürre möglicherweise eine Gelegenheit, das Engagement im Agrarbereich deutlich auszubauen.

Wie aus der Region Brandenburg zu hören ist, haben viele Landwirte durch die Dürre derart hohe Verluste erlitten, dass sie gezwungen sind, Teile ihrer Felder zu verkaufen. Das Familienimperium der Zechs scheint finanziell stark genug zu sein, um dies für sich zu nutzen. Allein die Zech Group, unter deren Dach die Zech-Familie zahlreiche Unternehmen aus den Bereichen Immobilien, Hotellerie, Bau und Ingenieurswesen kontrolliert, erwirtschaftet eine jährliche Gesamtleistung von 2 Milliarden Euro. Die Zech-Stiftung, zu der neben einigen anderen Beteiligungen auch die Deutsche Agrar Holding gehört, kommt auf weitere 500 Millionen Euro.

Bislang befindet sich nur ein Bruchteil der 20.000 Hektar, die die DAH rund um Berlin bewirtschaftet, im eigenen Besitz. Insider sprechen von einigen hundert Hektar. Den überwiegenden Teil der Flächen hat die DAH nur gepachtet. Mit Notverkäufen anderer Landwirte könnte die DAH den Anteil der Flächen im Eigenbesitz ausbauen.

Plant Ex-KTG-Chef Hofreiter sein Comeback?

In der Vergangenheit war Siegfried Hofreiter, Ex-Chef von KTG Agrar, der größte Flächenkäufer und –pächter in der Region. Trotz seines Absturzes ist diese mögliche Konkurrenz für die DAH nicht ausgeschaltet. Obwohl die Umstände der KTG-Pleite mehr als dubios waren und zeitweise auch die Justiz in die Aufarbeitung des Zusammenbruchs involviert war, mischt Hofreiter offenbar immer noch im brandenburgischen Agrargeschäft mit.

In der Region kursieren Gerüchte, wonach auch Hofreiter in der Dürrekatastrophe eine Chance sieht, wieder im großen Stil in sein altes Geschäft zurückzukehren. An seinem Willen daran bestehen in seinem Umfeld wenig Zweifel. Entscheidend wird sein, ob Hofreiter nach dem KTG-Debakel noch einmal Geldgeber findet, die ihn finanzieren.

Die Zech-Familie geht offiziell auf Distanz zu Hofreiter. Obwohl aus alten Verträgen immer noch Geschäftskontakte zwischen beiden Häusern bestehen und sich auch nach wie vor DAH-Vertreter persönlich mit Hofreiter treffen, weist Zech Gerüchte über eine Annäherung deutlich zurück: Betriebe von Hofreiter würden alleine im Rahmen von Erntegesprächen besucht. Offenbar gehört auch der frühere KTG-Chef zu den Landwirten, bei denen die Deutsche Agrar Holding nach Input-Material für ihre Biogasanlagen sucht.              

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Lügen, Deals und dubiose Finanzkarusselle: Alle Hintergründe zu dem spektakulären Zusammenbruch des Hofreiter-Imperiums gibt es zum Nachlesen auf unserer FINANCE-Themenseite zu KTG Agrar.