Was bedeutet die KfW-Hilfe für die Verschuldung der Lufthansa?

Lufthansa

22.05.20
Wirtschaft

So groß wird der Schuldenberg der Lufthansa

Die Lufthansa erhält wohl eine 9 Milliarden Euro schwere Finanzhilfe vom Staat. Doch der Schuldenberg post Corona ist ein Alptraum für den Kranich.

Final vereinbart ist das Rettungspaket für die Lufthansa zwar noch nicht, aber die Eckpunkte stehen: Die Lufthansa steht kurz vor der Zusage von staatlichen Finanzhilfen in Höhe von bis zu 9 Milliarden Euro. 3 Milliarden Euro davon entfallen auf ein Darlehen der KfW. Über eine Kapitalerhöhung will sich der Staat mit 20 Prozent an der Airline beteiligen. Weitere Teile des Pakets sind eine stille Einlage des Bundes sowie eine Wandelanleihe in Höhe von 5 Prozent der Anteile plus einer Aktie. Zudem verlangt der Staat zwei Sitze im Aufsichtsrat.

Das Paket beinhaltet auch Auflagen: Die Lufthansa wird bis auf weiteres auf Dividendenzahlungen verzichten und die Managergehälter kappen müssen. Über die Kapitalerhöhung muss noch eine außerordentliche Hauptversammlung der Lufthansa abstimmen. Alle anderen Maßnahmen sind an die Durchführung der Kapitalerhöhung geknüpft. Damit kommt dem Votum der Aktionäre entscheidende Bedeutung zu.

Lufthansa häuft Finanzschulden an

Mit dem frischen Kapital ist die Solvenz der Lufthansa zunächst gesichert, die Corona-bedingten drastischen Cashabflüsse wären kompensiert. Doch wenn die Luftfahrtbranche nach dem Abflauen des Coronavirus wieder hochfährt, wird das nun geschnürte Rettungspaket eine schwere Last für Deutschlands Vorzeige-Airline werden.

So könnte sich die Bilanzsituation in Kürze darstellen: Zum Jahresende wies die Lufthansa Finanzverbindlichkeiten in Höhe von 8,4 Milliarden Euro aus. Hinzu kommen umgerechnet 1,4 Milliarden Euro Hilfskredite aus der Schweiz und noch einmal mindestens 1 Milliarde Euro an Hilfsdarlehen für die Lufthansa-Töchter in Belgien und Österreich.

Darüber hinaus ist bekannt, dass sich die Lufthansa zwischen Mitte März und Mitte April weitere 900 Millionen Euro Fremdkapital beschafft hat. Das summiert sich auf mindestens 12 Milliarden Euro Finanzschulden – vor dem deutschen Rettungspaket. Und daneben stehen noch Pensionslasten mit einem Volumen von 6,6 Milliarden Euro.

Staatshilfe lässt Schuldenberg von Lufthansa explodieren

Nun folgen die Verbindlichkeiten aus der staatlichen Stabilisierungshilfe: Das KfW-Darlehen über 3 Milliarden Euro treibt die Zwischensumme an Finanz- und Pensionsschulden bereits auf nahezu 22 Milliarden Euro.

Wie hoch die stille Einlage der öffentlichen Hand ausfällt (die die Lufthansa auch eines Tages zurückführen muss), hängt davon ab, wie viel Geld die Kapitalerhöhung in die Lufthansa-Kassen spült. Um auf einen Anteil von 20 Prozent zu kommen, muss der Bund rund 120 Millionen neue Aktien zeichnen. Im Raum steht die Ausgabe zum Nennwert von 2,56 Euro je Aktie. Der Zufluss beliefe sich dann auf kaum mehr als 300 Millionen Euro. Zeichnet der Staat hingegen zum aktuellen Aktienkurs von 8 Euro, wären es rund 960 Millionen Euro.

Je nach Ausgabepreis der neuen Aktien bliebe dann noch ein Delta für die stille Beteiligung und die Wandelanleihe, das sich zwischen 5,0 und 5,7 Milliarden Euro bewegt. Diese Summe käme als de-facto-Finanzverbindlichkeit ebenfalls noch auf die Passivseite, was zu einer Gesamtfinanzverschuldung (inklusive Pensionslasten und eigenkapitalähnlichen Mitteln) von 27 bis 28 Milliarden Euro zu führen droht.

Lufthansa fehlt der Cashflow

Und das ist noch nicht alles: Ende 2019 bilanzierte die Lufthansa Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen in Höhe von 5,3 Milliarden Euro. Dahinter stecken zu einem erheblichen Teil die bereits verkauften Tickets, von denen die Lufthansa wegen des Groundings nun sehr viele zurückerstatten muss. Berechnet man mit ein, dass die zurückgezahlten Kundengelder auch (zumindest zum Teil) durch Fremdkapital ersetzt werden müssen, könnte der Schuldenberg in wenigen Wochen sogar die 30-Milliarden-Euro-Marke übersteigen.

Kann die Lufthansa diese gewaltige Schuldenlast tragen? In den guten Jahren 2018 und 2019 erwirtschaftete der Konzern jeweils einen operativen Cashflow von rund 4 Milliarden Euro. Davon wurden im Schnitt rund 3,6 Milliarden Euro in Investitionen gesteckt. Die Investitionen werden in den nächsten Jahren erheblich sinken – auch die Lufthansa wird nicht alle bestellten Flugzeuge wie geplant abnehmen.

Aber auch der Cashflow wird schwer unter Druck geraten, verdiente der Konzern doch einen Großteil seiner Überschüsse ausgerechnet mit Langstreckenflügen – jenem Geschäft, das vermutlich als letztes wieder anspringen wird. In Anbetracht der Relationen zwischen Cashflow und Finanzverbindlichkeiten deutet sich an, dass sich der Unternehmer Heinz Hermann Thiele mit seiner Turnaround-Wette auf die Lufthansa verkalkuliert haben könnte.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Gewinnwarnungen, ein Streik nach dem nächsten, ein groß angelegter Konzernumbau – und jetzt auch noch das Coronavirus: Die Lufthansa ist im Krisenmodus. Wie die größte deutsche Airline um die Wende ringt, lesen Sie auf unserer Themenseite zur Lufthansa.

Update von 12.45h: In einer früheren Version des Artikels wurde der Nennwert je Aktie mit 1 Euro beziffert, es sind aber 2,56 Euro. Diese Angabe sowie die daran anschließende Berechnung wurden korrigiert.