Hinter den Big Four liegt erneut ein turbulentes Jahr. Deutschland ist 2023 in die Wirtschaftskrise gerutscht und die Zahl der Insolvenzen ist kräftig gestiegen. Das wird sich in den Jahres- und Konzernabschlüssen zeigen, die von den Wirtschaftsprüfern zurzeit geprüft und – wenn alles fehlerfrei ist – testiert werden.
Daneben sorgten noch andere Themen für Diskussionsbedarf in der Wirtschaftsprüferbranche: Etwa die schwierige Suche nach einem Abschlussprüfer für Adler, für die sich endlich das Next-Six-Haus Rödl & Partner fand. Oder das Thema ESG mit der Frage, wer künftig die Nachhaltigkeitsberichte prüfen darf. Und auch der Wirecard-Skandal warf teilweise noch seine Schatten.
Wie hat sich das Wirtschaftsprüfungsgeschäft bei KPMG, PwC, Deloitte und EY 2023 entwickelt? Wer hat Mandate gewonnen, wer verloren? Und wie hat sich das auf das Ranking innerhalb der Big Four ausgewirkt? Das zeigt die FINANCE-Analyse zum Audit-Markt.
PwC verteidigt Spitzenplatz im Audit
Die nach Gesamtleistung größte Big Four verteidigte auch in der Wirtschaftsprüfung ihren Spitzenplatz. Mit einem Umsatz von 918 Millionen Euro in der Sparte Audit konnte PwC im abgelaufenen Geschäftsjahr, das bei PwC am 30. Juni endete, ein Wachstum von 9,1 Prozent hinlegen. PwC teilt jedoch nur die Gesamtleistung, nicht den Umsatz mit, was die Vergleichbarkeit erschwert.
PwC profitierte dabei von den Mandatsgewinnen bei Adidas und Vonovia im Dax 40, die mehr als 14 Millionen an Honoraren in die Kasse spülten. Gleichzeitig sank aber die Zahl der Prüfmandate bei Unternehmen von öffentlichem Interesse, den sogenannten PIE-Mandaten, von 269 auf 261, was jedoch immer noch mit weitem Abstand der höchste Wert innerhalb der Big Four ist.
Der Anteil der Wirtschaftsprüfung an der Gesamtleistung von insgesamt 2,93 Milliarden Euro betrug bei PwC 31,3 Prozent und lag damit knapp 1 Prozentpunkt unter dem Anteil des vergangenen Jahres. Im laufenden Geschäftsjahr könnte der Anteil aber wieder zunehmen. So hat PwC zwar das Prüfmandat bei RWE an Deloitte verloren, das im vergangenen Jahr ein Honorar von 7,6 Millionen Euro einbrachte. Dafür hat die Gesellschaft aber die Mandate bei Siemens, Siemens Healthineers und Mercedes-Benz gewonnen. Die drei Unternehmen zahlten 2023 zusammen mehr als 75 Millionen Euro an ihren Wirtschaftsprüfer.
KPMG wächst am schwächsten im Audit
Auf dem zweiten Platz im Audit-Ranking landete wie im Vorjahr KPMG (KPMG teilt nur die Gesamtleistung mit). Die Gesamtleistung in der Wirtschaftsprüfung legte um 7,2 Prozent auf 715 Millionen Euro zu, was das schwächste Wachstum innerhalb der Big Four war. Der Abstand zu PwC vergrößerte sich dadurch wieder.
KPMG hatte kein leichtes Jahr. Die Gesellschaft musste bei der Prüfung von Dax-40-Unternehmen Federn lassen und verlor die Mandate bei Adidas, Merck, SAP und Vonovia, die zusammen immerhin rund 24 Millionen Euro Honorar wert waren. Auch die Zahl der PIE-Mandate war rückläufig und sank von 170 auf 154 im abgelaufenen Geschäftsjahr, das am 30. September endete. Damit liegt KPMG zwar deutlich hinter dem Branchenprimus PwC, aber noch weit vor EY.
KPMG prüft die Deutsche Bahn
Der Anteil der Wirtschaftsprüfung bei KPMG an der Gesamtleistung in Höhe von 2,39 Milliarden Euro blieb mit 29,9 Prozent nahezu konstant. Zumindest durch neue Dax-40-Mandate ist für 2024 keine große Veränderung zu erwarten, denn hier konnte KPMG kaum Zugewinne verbuchen, die im laufenden Jahr ins Gewicht fallen. Nur Zalando konnte als neuer Mandant gewonnen werden. Der Versandhändler zahlte im vergangenen Jahr 1,7 Millionen Euro Honorar für Abschlussprüfung und prüfungsnahe Dienstleistungen und gehört damit zu den finanziell wenig lukrativen Dax-Kunden.
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Außerhalb der obersten deutschen Börsenliga konnte KPMG aber mit einigen großen Mandatsgewinnen punkten. So konnte das Mandat für die weltweite Abschlussprüfung bei der Deutschen Bahn gewonnen werden. Zuletzt zahlte der Staatskonzern für diese Dienstleistung mehr als 25 Millionen Euro an PwC. Auch der Chemiekonzern Lanxess wird künftig von KPMG geprüft, hier lag das Honorar zuletzt bei knapp 2,9 Millionen Euro.
EY leidet noch immer unter Wirecard
Die Dritte im Bunde, EY, konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr, das am 30. Juni endete, den Umsatz in der Wirtschaftsprüfung um 8,4 Prozent auf 714 Millionen Euro steigern. Damit sind KPMG und EY etwa gleichauf oder EY könnte sich gar überraschend auf den 2. Rang geschoben haben. EY kommuniziert nur den Umsatz, der oft geringer ausfällt als die Gesamtleistung, die von PwC und KPMG veröffentlicht werden. KPMG und EY liefern sich schon seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen im Audit.
Im Vorjahr war der Umsatz im WP-Geschäft noch rückläufig. Die gute Entwicklung kommt auch deshalb überraschend, da EY seit Bekanntwerden des Wirecard-Skandals fast kein PIE-Mandat mehr gewinnen konnte. Deren Zahl sank seit 2020 von 163 auf zuletzt 112. Im Vergleich zum Vorjahr verlor EY damit nochmals neun PIE-Mandate. Und der Aderlass könnte in Folge des Wirecard-Skandals noch mindestens zwei Jahre weitergehen.
Der Grund: Die Wirtschaftsprüferaufsicht APAS hat EY untersagt, in den kommenden zwei Jahren neue PIE-Mandate anzunehmen. Der entsprechende Bescheid wurde Ende Dezember zugestellt. EY hat Berufung eingelegt, um das rund 2.000-Seiten umfassende Dokument länger prüfen zu können. EY will wissen, ob der Bescheid Angriffspunkte für Klagen auf Schadensersatz bietet, denen sich der Wirtschaftsprüfer ausgesetzt sieht.
Die Kehrseite der Medaille: Die APAS-Sanktionen und damit das zweijährige Prüfverbot werden erst rechtsgültig, wenn EY den Bescheid akzeptiert und die Berufung zurückzieht oder bis die APAS über die Berufung entschieden hat. Das bedeutet, dass EY bis mindestens Frühjahr 2026 weiter an Boden in der Wirtschaftsprüfung verlieren wird.
EY behält Deutsche Bank
Auch in der ersten Börsenliga sieht es bei EY nicht rosig aus: Die Zahl der diesjährigen Prüfmandate im Dax 40 hat sich nahezu halbiert. Prüfte EY im abgelaufenen Geschäftsjahr noch elf Unternehmen aus der höchsten Börsenliga, sind es im aktuellen nur noch sechs. Immerhin: Der dickste Fisch im Dax-Teich, die Deutsche Bank, bleibt EY erhalten. Insgesamt 68 Millionen Euro zahlte das Bankhaus zuletzt für Abschlussprüfung und prüfungsnahe Dienstleistungen.
Auch Volkswagen, die zuletzt 34 Millionen Euro Honorar überwiesen, wird EY voraussichtlich noch einige Zeit erhalten bleiben. Der Anteil der Wirtschaftsprüfung am Gesamtumsatz von 2,56 Milliarden Euro sank bei EY um knapp 2 Prozentpunkte auf rund 28 Prozent.
Deloitte wächst am stärksten in den Big Four
Bei Deloitte macht der Anteil der Wirtschaftsprüfung um Gesamtumsatz in Höhe von 2,33 Milliarden Euro nur knapp 25 Prozent aus – so wenig wie bei keinem der Wettbewerber. Dafür war aber das Wachstum am stärksten: Der Umsatz in der Wirtschaftsprüfung legte beim Rising-Star um 12,5 Prozent auf 574 Millionen Euro zu. Damit war Deloitte die einzige Big Four, die in der Wirtschaftsprüfung zweistellig wuchs. Trotzdem ist Deloitte damit immer noch ein gutes Stück von KPMG und EY entfernt.
Deloitte prüfte 2022/2023 insgesamt sechs Dax-40-Unternehmen, was eine Verdreifachung zum Geschäftsjahr 2021/2022 bedeutete. Für das laufende Jahr sind mit BASF, RWE und Infineon drei weitere Mandate hinzugekommen, die der Konkurrenz zuletzt insgesamt rund 40 Millionen Euro Honorar einbrachten.
Für den Aufwärtstrend in der Wirtschaftsprüfung spricht auch, dass Deloitte im vergangenen Geschäftsjahr die einzige Big Four war, die bei der Zahl der PIE-Mandate zulegen konnte. Diese steigerte sich um zehn auf 87. Gleichzeitig sank aber der Anteil der Wirtschaftsprüfung am Gesamtumsatz um knapp 2 Prozentpunkte. Der Grund: das bärenstarke Beratungsgeschäft. Es wuchs im vergangenen Geschäftsjahr, das bei Deloitte am 31. Mai endet, um ordentliche 27,5 Prozent.
Big Four: Die Geschäftszahlen 2022/23 in der Wirtschaftsprüfung
| Wirtschaftsprüfer | Umsatz**/Gesamtleistung* in Mio. Euro | Zunahme | Zahl der PIE-Mandate |
| 1. PwC | 918,0* | + 9,1% | 261 |
| 2. KPMG | 715,0* | + 7,2% | 154 |
| 3. EY | 714,0** | + 8,4% | 112 |
| 4. Deloitte | 574,0** | + 12,5% | 87 |
Big Four prüfen weniger PIE als im Vorjahr
Insgesamt zeigen die Zahlen, dass der Anteil der Wirtschaftsprüfung am Gesamtumsatz weiter gesunken ist, einzig KPMG konnten diesen konstant halten. Eine weitere interessante Entwicklung zeigt sich bei Prüfung von Unternehmen von öffentlichem Interesse. Hatten die Big Four im Geschäftsjahr 2021/2022 noch 637 PIE-Mandate, waren es im abgelaufenen Geschäftsjahr 614.
Das trägt sicher dem vermehrten Hunger der Next Six nach PIE-Mandaten Rechnung, könnte aber auch ein Zeichen dafür sein, dass die Big Four genauer abwägen, wen sie prüfen wollen und sich im Zweifel für ein lukrativeres und risikoärmeres Beratungsmandat entscheiden, anstatt sich um einen Prüfauftrag zu bewerben.
Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.
