Aktien von Gerry Weber können ab Montag wieder gehandelt werden.

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15.10.20
Finanzierungen

Kapitalmarkt-Comeback für Gerry Weber

Der Anfang 2019 in die Insolvenz gerutschte Modehändler Gerry Weber kehrt an den Kapitalmarkt zurück. Bis bei den Westfalen wieder die Normalität einkehrt, dürfte es aber noch eine Weile dauern.

Gerry Weber ist bald zurück am Kapitalmarkt: Wie der westfälische Modehändler heute bekanntgab, hat die Bafin den Prospekt zur Zulassung der Gerry-Weber-Aktien gebilligt. Damit können voraussichtlich insgesamt rund 1,25 Millionen neue Aktien ab dem kommenden Montag, dem 19. Oktober, an der Frankfurter Wertpapierbörse sowie im regulierten Markt der Börse Düsseldorf gehandelt werden. Es steht nur noch die Zustimmung der Frankfurter Wertpapierbörse aus, die Gerry Weber „in Kürze“ erwartet. Die Baader Bank wurde als Designated Sponsor mandatiert, um nach der Handelsaufnahme den liquiden Handel zu fördern.

Gerry-Weber-Zulassung umfasst auch mögliche Wandler

Die Rückkehr an den Kapitalmarkt erfolgt damit rund zehn Monate nachdem das Insolvenzverfahren des Modehändlers beendet wurde. Im Rahmen des Insolvenzplans von Gerry Weber wurde das Aktienkapital im Sommer vergangenen Jahres von 46 Millionen Euro auf rund 8.400 Euro herabgesetzt. Die verbleibenden Aktien gingen damals an die beiden Finanzinvestoren Robus Capital Management und Whitebox Advisors über.

Im Anschluss daran zeichneten die beiden Investoren im Rahmen einer Kapitalerhöhung neue Gerry-Weber-Aktien. Nur wenig später folgte die zweite Kapitalerhöhung, bei der J. P. Morgan Securities neue Aktien zeichnete. Insgesamt halten Robus und Whitebox derzeit jeweils 42 Prozent der ausstehenden Aktien, J. P. Morgan ist mit 16 Prozent beteiligt – das entspricht rund 1,21 Millionen der Aktien, die nun zum Handel zugelassen werden sollen.

FINANCE-Köpfe

Florian Frank, Gerry Weber International AG

Florian Frank beginnt seinen beruflichen Werdegang im Jahr 2000 als Assistant Manager Corporate Restructuring bei KPMG in Düsseldorf und Hamburg. Zu seinen Aufgaben gehören Audits insbesondere im Einzelhandelssektor. 2006 wechselt er zu Hanse Management Consulting in Hamburg und ist dort vier Jahre als Projektleiter Restrukturierung und Ertragssteigerung mit Schwerpunkt auf den Handels- und Bausektor tätig. Ab Juli 2010 ist er bei Dr. Wieselhuber & Partner in Hamburg verantwortlich für Restrukturierung und Performance Improvement.

Im Rahmen seiner betreuten Mandate wird Florian Frank mehrfach als CFO und Chief Restructuring Officer (CRO) eingesetzt. Seit Oktober 2018 ist er als CRO und Mitglied des Vorstands bei dem insolventen Modekonzern Gerry Weber in Halle/Westfalen tätig. Dort ist er für die Entwicklung und Umsetzung aller operativen Maßnahmen der Restrukturierung und der Performance-Verbesserung im Unternehmen verantwortlich.

zum Profil

Hinzu kommen noch weitere 40.000 Aktien aus bedingtem Kapital. Im Rahmen des Insolvenzplans hatten Großgläubiger einem Haircut zugestimmt und ihre Restforderungen in Wandelschuldverschreibungen getauscht. Diese können nach Ablauf des Jahres 2023 in Aktien gewandelt werden. Je nachdem wie viele Gläubiger ihre Schuldverschreibungen in Aktien wandeln, können demnach bis zu weitere 40.000 Aktien zum Handel zugelassen werden.

Robus und Whitebox könnten Anteile verkaufen

Ob mit der Zulassung allerdings auch ein reger Handel eintreten wird, ist noch offen. Einzelne Plansponsoren haben „ihre grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, bei entsprechender Marktlage weitere Aktien aus ihrem Bestand über den Kapitalmarkt zu veräußern“, heißt es dazu in der Unternehmensmitteilung. Auf diese Weise würde die Aktionärsbasis der Gesellschaft verbreitert und die Börsenliquidität weiter gesteigert.

Florian Frank, CFO und CRO von Gerry Weber zeigte sich erfreut angesichts der positiven Nachrichten: „Wir hoffen auf diese Weise, nach Beendigung der Insolvenz und trotz der Coronavirus-Pandemie zu einer Normalisierung unseres Kapitalmarktauftritts zurückkehren zu können“.

Coronakrise traf auch Gerry Weber

Mit der Börsenzulassung ist bei Gerry Weber aber noch nicht alles wieder beim Alten. Das Modeunternehmen hatte die Insolvenz gerade hinter sich gelassen, da wurde es schwer von der Coronakrise getroffen: Die Westfalen kündigten an, hunderte Mitarbeiter zu entlassen, und haben für einen Großteil der Beschäftigten Kurzarbeit beantragt. Zudem waren die Westfalten mit Geschäftspartner und Lieferanten in Verhandlungen getreten, um neue Vertragsbedingungen auszuhandeln. Auch Robus und Whitebox hatten zugesagt, die Betriebsmittelinie aufzustocken.

Im Juni musste wegen der Pandemie der Insolvenzplan nochmal aufgeschnürt werden – ein ungewöhnlicher Schritt. Im Zuge dessen erklärten sich Gläubiger bereit, einen Teil ihrer Forderungen zu stunden und haben dem Modehaus somit mehr Luft für die weitere Restrukturierung verschafft.

Gerry Weber erwartet Verlust für 2020

Für Gerry Weber wird der weitere Verlauf der Corona-Pandemie in Deutschland extrem wichtig sein. Bislang muss das Unternehmen an dem Ausblick für das Gesamtjahr nicht rütteln: Den Einfluss der Coronakrise auf die Umsatz- und Ertragsentwicklung hatten die Westfalen bereits in ihrer Prognose berücksichtigt. Die Zahlen für das dritte Quartal 2020 will Gerry Weber am 30. November veröffentlichen.

Soviel gibt das Unternehmen aber schon bekannt: In den ersten neun Monaten dieses Jahres erwirtschaftete Gerry Weber einen Umsatz zwischen 222 und 232 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr erwartet das Unternehmen einen Umsatz zwischen 260 und 280 Millionen Euro. Das normalisierte Ebitda (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) soll sich auf einen negativen mittleren zweistelligen Millionenbetrag belaufen.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Wie sich der westfälische Modekonzern neu aufstellen will, lesen Sie auf unserer Themenseite zu Gerry Weber. Mehr über die Karriere des CRO lesen Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Florian Frank