Nach dem Bilanzskandal bei Wirecard verliert EY mit der DWS einen Prüfkunden, der eigentlich schon als sicher galt.

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02.09.20
Banking & Berater

Wirecard kostet EY das Prüfmandat bei DWS

Der Bilanzskandal bei Wirecard beschert EY weiteren Ärger: Die Fondsgesellschaft DWS will das Big-Four-Haus nun doch nicht mehr als Prüfer engagieren. Wie lange steht die Deutsche Bank noch zu EY?

Schlechte Nachrichten für EY: Die Fondgesellschaft DWS will das Big-Four-Haus nicht mehr wie ursprünglich geplant zum Wirtschaftsprüfer für das Geschäftsjahr 2020 bestellen. Das geht aus der Tagesordnung für die virtuelle Hauptversammlung hervor, die am 18. November stattfinden soll. Stattdessen soll KPMG nun die Bilanzen wie bisher weiter prüfen.

„Diese Entscheidung wurde vorsorglich, einvernehmlich und unter sorgfältiger Abwägung getroffen, um mögliche zukünftige Konflikte zu vermeiden, die sich aus EYs Rolle als Abschlussprüfer der Wirecard AG ergeben können“, heißt es zur Begründung. Die DWS hatte das Geld ihrer Kunden teils auch in Wirecard-Aktien investiert und hat nach der Insolvenz der Zahlungsabwicklers viel verloren.

EY hatte die Zahlen von Wirecard über zehn Jahre geprüft und die Ungereimtheiten in der Bilanz offenbar nicht bemerkt. Wie viele andere geschädigte Investoren erwägt auch die DWS Klagen gegen Wirecard und andere involvierte Parteien – ein Interessenskonflikt mit EY wäre damit vorprogrammiert.

DWS-Verlust ist ein schlechtes Signal an den Markt

Für EY ist der Verlust des sicher geglaubten Mandats aus mehreren Gründen bitter. Zum einen geht ein hohes Honorar verloren, mit dem die Gesellschaft sicher schon kalkuliert hat. 2019 erhielt KPMG für seine Dienstleistungen bei der DWS 6 Millionen Euro, 2018 waren es 7 Millionen Euro. Zum Vergleich: Bei Wirecard hat EY 2,3 Millionen Euro an Honorar kassiert.

Vor allem aber ist die Signalwirkung verheerend: Schon lange gibt es Gerüchte im Markt, wonach EY-Kunden die Zusammenarbeit mit dem Prüfer nach dem Bilanzskandal von Wirecard überdenken. Der Ruf der großen WP-Gesellschaft ist deutlich angekratzt. EY hatte im Zuge der Prüferrotation viele namhafte Prüfmandate im Dax gewonnen. Nun könnten diese sowie künftige Mandate aber gefährdet sein. „Ein Aufsichtsrat überlegt sich vielleicht zweimal, ob er EY noch als Prüfer vorschlägt“, meinte ein Marktbeobachter kürzlich im Gespräch mit FINANCE.

Im Fall der DWS hängt die Entscheidung zwar vor allem damit zusammen, dass die Fondsgesellschaft einen Interessenskonflikt verhindern will. Dennoch dürften Aufsichtsräte jetzt genau beobachten, wie EY-Kunden reagieren. Einem „Handelsblatt“-Bericht zufolge soll sich nun auch die Commerzbank mit der Frage beschäftigen, ob sie ihre Bilanzen weiter von EY prüfen lässt. Auch die Commerzbank hat viel Geld bei Wirecard verloren. Für EY wäre der finanzielle Schmerz bei einem möglichen Verlust der Commerzbank größer als bei der DWS: Zuletzt zahlte die Bank ein Honorar von 15 Millionen Euro. 

EY hatte DWS eigentlich schon sicher

Dass ein Unternehmen sich kurzfristig gegen den gewählten Prüfer entscheidet, kommt sehr selten vor – auch weil der Auswahlprozess aufwendig ist. Eigentlich hatte die DWS EY schon im Herbst 2018 zum neuen Prüfer ab 2020 ernannt, auf der Hauptversammlung im Sommer 2019 wurde EY dann bestätigt. Zuvor hatte ein mehrmonatiger Auswahlprozess stattgefunden, bei dem sowohl die DWS, als auch die Mutter Deutsche Bank nach einer neuen WP-Gesellschaft gesucht hatten.

Grund für die Ausschreibung war die seit 2016 gesetzlich vorgeschriebene Abschlussprüferrotation, wonach Finanzinstitute spätestens nach zehn Jahren ihren Prüfer wechseln müssen. Die Deutsche Bank wurde über 60 Jahre durchgehend von KPMG geprüft, die Vermögensverwaltungssparte somit auch. Auch nach dem Börsengang 2018 wies die DWS zunächst noch KPMG als Prüfer aus.

Den Auswahlprozess für den neuen Prüfer müssen Mutter und Tochter unabhängig voneinander durchführen, die Wahl ist in beiden Fällen aber auf EY gefallen. Das ist nicht ungewöhnlich: Meist versuchen Konzerne, einen unternehmensweit einheitlichen Prüfer beizubehalten, weil mehrere Prüfer in einem Haus als aufwendig und teurer gelten. So haben sich im Zuge der Prüferrotation zum Beispiel auch Fresenius und Fresenius Medical Care sowie Hannover Rück und Talanx für die gleiche Gesellschaft entschieden. Alle vier Unternehmen haben KPMG durch PwC ersetzt.

Deutsche Bank lässt sich weiter von EY prüfen

Anders als die DWS hält die Deutsche Bank weiterhin an EY fest, aber das Commitment scheint nicht in Stein gemeißelt zu sein: „Unsere Aktionäre haben EY auf der Hauptversammlung 2020 ordnungsgemäß ernannt. Wir werden alle weiteren Entwicklungen aufmerksam verfolgen und ihre Auswirkungen auf die Bank analysieren“, heißt es auf FINANCE-Anfrage.

Die Bank hält sich damit auch die Option offen, ihre Entscheidung zu überdenken. Fakt ist, dass auch die Deutsche Bank zu den großen Kreditgebern bei Wirecard zählte. Eine außerordentliche Hauptversammlung für einen Wechsel wäre nicht notwendig, ein neuer Prüfer kann in Ausnahmefällen auch gerichtlich bestellt werden. Stand jetzt ist aber eine ungewöhnliche Konstellation entstanden: Während der Mutterkonzern Deutsche Bank von EY geprüft wird, schaut sich bei der Tochter DWS KPMG die Bilanzen an.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Der Wirecard-Skandal dürfte Folgen für die gesamte Wirtschaftsprüferbranche haben. Mehr dazu finden Sie auf unserer Themenseite zu den Big Four

Anlegerklagen, Imageschaden und mehr: Für EY hat der Bilanzskandal bei Wirecard schon jetzt negative Konsequenzen. Wieso haben die Prüfer die Bilanzungereimtheiten nicht schon eher entdeckt? Dieser Frage sind wir auch in unserer Titelstory nachgegangen, die morgen erscheint. 

Update, 2. September 2020, 16.28 Uhr: 

Nun kehrt auch die Commerzbank EY den Rücken. „Der Aufsichtsrat der Commerzbank hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, der Hauptversammlung 2021 einen Wechsel des Abschlussprüfers für das Geschäftsjahr 2022 vorzuschlagen“, so eine Sprecherin des Frankfurter MDax-Konzerns. Wie bei der DWS erfolgte die Entscheidung „vorsorglich, um mögliche Interessenskonflikte zu vermeiden“.