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Wirtschaftsprüfer in unbekanntem Terrain

Der Betreiber von Rechenzentren Northern Data hatte Stress mit seinem Wirtschaftsprüfer. Grund war das neuartige Geschäftsmodell. Foto: Northern Data
Der Betreiber von Rechenzentren Northern Data hatte Stress mit seinem Wirtschaftsprüfer. Grund war das neuartige Geschäftsmodell. Foto: Northern Data

Dieser Fall sorgte vor kurzem für Aufsehen: Der Bitcoin-Spezialist Northern Data musste die Vorlage seiner Geschäftszahlen für das Jahr 2020 verschieben. Der Grund: Wirtschaftsprüfer KPMG brauchte für die Abschlussprüfung länger als gedacht. Die Verunsicherung unter den Aktionären war denkbar groß: Der Aktienkurs stürzte ab, 300 Millionen Euro wurden zwischenzeitlich vernichtet. Nachdem die Geschäftszahlen einige Monate später schließlich veröffentlicht wurden, folgte der zweite Schock: Sie waren deutlich schlechter als ursprünglich erwartet. Statt eines einst prognostizierten Umsatzes von bis zu 140 Millionen Euro standen 2020 gerade einmal magere 16,4 Millionen Euro zu Buche.

Warum hatte sich die Abschlussprüfung durch KPMG so lange hingezogen? Es handele sich um „eine Erstprüfung eines Blockchain-bezogenen Geschäftsmodells mit komplexer Umstellung auf Berichterstattung gemäß IFRS“, erklärte Northern Data damals. Fraglos geht es beim Geschäftsmodell des Bitcoin-Spezialisten nicht um eines, das einem Wirtschaftsprüfer in seiner täglichen Arbeit üblicherweise begegnet.

Das vergleichsweise junge Unternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main hatte seinen Fokus in der Vergangenheit schon einmal geändert. Heute versteht es sich als Anbieter im Bereich High Performance Computing und betreibt Rechenzentren. Northern Data entwickelt auch Soft- und Hardwareprodukte, mit denen unter anderem Bitcoins geschürft, Blockchains betrieben oder Big-Data-Analysen durchgeführt werden können. Die Umsätze sind noch nicht hoch, die Versprechungen für die Zukunft aber umso höher: Für 2021 peilte das Unternehmen vor einem Jahr noch bis zu 400 Millionen Euro Umsatz an. Doch davon hat es nach den durchwachsenen Geschäftszahlen für 2020 inzwischen Abstand genommen.

Wie bewerten Wirtschaftsprüfer immaterielle Assets?

Es handelt sich bei Northern Data also um ein Geschäft mit neuartigen und zumeist unerprobten Produkten, das vielfach noch auf Versprechungen und Prognosen basiert – kein einfaches Terrain für Wirtschaftsprüfer. Anders als bei klassischen Industrieunternehmen, die greifbare und überprüfbare Güter produzieren, basieren neuartige Geschäftsmodelle heutzutage oft auf immateriellen Werten. Häufig liegen zudem noch keine Erfahrungswerte bei der Abschlussprüfung vor.

Wie stellen Wirtschaftsprüfer sicher, dass sie bei der herausfordernden Prüfung neuartiger Geschäftsmodelle keine Fehler machen? „Grundsätzlich darf man nicht vergessen: Seit Anbeginn des Berufsstandes hat es immer wieder neue Geschäftsmodelle und Technologien bei Unternehmen gegeben. Es gehört ganz einfach zum Beruf des Wirtschaftsprüfers dazu, Neues zu analysieren und zu beurteilen“, gibt Christoph Schenk, Geschäftsführer und Managing Partner im Bereich Wirtschaftsprüfung bei dem Big-Four-Haus Deloitte, zu bedenken. „Die Prüfung solcher Geschäftsmodelle mag manchmal herausfordernder sein, macht den Beruf aber auch interessant.“

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Neue Themen ordnen die Wirtschaftsprüfer zunächst auf Basis der existierenden Rechnungslegungsstandards wie IFRS oder HGB ein. „Das ist ein erster Ansatzpunkt, deckt aber nicht immer jeden Einzelfall ab und ist in Teilen auch auslegungsbedürftig, gerade wenn ein Thema noch sehr neu ist“, so Schenk. Für Zweifelsfälle in der Bilanzierung oder unterschiedliche Interpretationen gibt es daher eine spezielle Taskforce innerhalb der Standardsetzer.

So wurde beispielsweise für Auslegungsfragen der IFRS-Rechnungslegung das International Financial Reporting Interpretation Committee IFRIC eingerichtet. „Das IFRIC nimmt relevante Auslegungsfragen meist zügig auf, um zu einer sachgerechten und einheitlichen Bilanzierung zu gelangen“, sagt Schenk.

DPR und Bafin streiten mit Unternehmen

Doch eine Restunsicherheit bleibt immer, denn in der Bilanzierung gibt es stets auch Grauzonen, gerade bei Themen, die neu sind und noch nicht erschöpfend diskutiert wurden. Das zeigen die vielen Fälle, in denen sich Unternehmen, deren Wirtschaftsprüfer und die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung DPR (die seit Anfang des Jahres in der Bafin aufgegangen ist) über die korrekte Bilanzierung gestritten haben.

Ein Beispiel, bei dem die Bilanzierung bei einem innovativen Geschäftsmodell kürzlich für einigen Zoff sorgte, war der Fall Vita 34. Das Biotechnologieunternehmen lagert Stammzellen von Neugeborenen ein, teils über Jahrzehnte. Wann genau sie gebraucht werden und ob sie dann wirklich zur Heilung einer Krankheit beitragen können, ist schwer einzuschätzen – das macht die Bewertung solcher Assets in der Gegenwart durchaus herausfordernd. Erfahrungen für die Rechnungslegung dieses vergleichsweise noch jungen Geschäfts liegen bisher kaum vor.

Grauzonen in der Bilanzierung fordern Prüfer

Die Bilanzierung im Geschäftsjahr 2019, die damals von der PKF Wirtschaftsprüfungsgesellschaft abgesegnet wurde, war laut Deutscher Prüfstelle für Rechnungslegung teilweise fehlerhaft. Die Prüfstelle war der Ansicht, dass immaterielle Vermögen zu hoch ausgewiesen wurden. Probleme gab es auch bei der Frage, zu welchem Zeitpunkt Umsätze für die jahrzehntelang gelagerten Zellen bilanziert werden dürfen. In manchen Punkten zeigte sich Vita 34 auch nicht einverstanden mit den DPR-Hinweisen. Anleger, die sich bei ihren Anlageentscheidungen auf die Testate von Abschlussprüfern verlassen, kann so etwas verunsichern.

Grundsätzlich seien Diskussionen zwischen Unternehmen, Prüfern und anderen Stakeholdern aber ein normaler und auch teils notwendiger Prozess der Meinungsfindung, gerade bei neuen Geschäftsmodellen, meint Deloitte-Geschäftsführer Christoph Schenk. Und wenn es Assets im Unternehmen gäbe, die mit hoher Unsicherheit behaftet seien – wie zum Beispiel bestimmte immaterielle Vermögenswerte –, müssten Wirtschaftsprüfer auf Transparenz im Geschäftsbericht pochen. „Unternehmen müssen relevante Risiken im Lagebericht klar und transparent aufführen – wenn das fehlt, gibt es kein uneingeschränktes Testat“, sagt Christoph Schenk.

Wirtschaftsprüfer müssen Geschäftsmodelle durchdringen

Doch die wohl wichtigste Bedingung für eine korrekte Prüfung bei Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen ist deren Verständnis durch den Abschlussprüfer – und das ist nicht so selbstverständlich, wie es zunächst klingt. Bei neuartigen Technologien beispielsweise kann schlicht das fachliche Verständnis dafür fehlen. Im schlimmsten Fall kann ein Unternehmen so etwas bewusst ausnutzen, wenn es etwa betrügen möchte.

Zuzugeben, dass man etwas nicht verstanden hat, erfordert durchaus Mut. Ein Geschäftsführer, der etwas vertuschen möchte, kann das ausnutzen: Er kann beispielsweise dem Prüfer die Kompetenz absprechen und mit einem Mandatsentzug drohen, um ihn einzuschüchtern. Von solchen Fällen berichteten Prüfer in der Vergangenheit in Gesprächen mit FINANCE.

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„Wenn ein Prüfer etwas nicht verstanden hat, muss er so lange fragen, bis er es versteht, egal ob Youngster oder Partner“, betont Christoph Schenk. „Im Prüfungsteam muss eine Atmosphäre vorherrschen, dass jeder frei und offen Bedenken oder Fragen äußern kann – das ist zentral für die Prüfungsqualität, zeigt die kritische Grundhaltung und gehört zur WP-Kultur.“

In besonders strittigen Fällen werde zusätzlich die Fachabteilung der WP-Gesellschaft eingebunden. „Wenn der Vorstand das Prüfungsteam unter Druck setzt, muss der verantwortliche Partner die sprichwörtliche Reißleine ziehen und gegebenenfalls den Aufsichtsrat involvieren – dazu gehören persönliches Rückgrat und die Rückendeckung der eigenen Geschäftsführung.“

Stellt der Wirtschaftsprüfer viele Fragen, kann das auch zu einer Verzögerung der Abschlussprüfung führen, im schlimmsten Fall muss die Vorlage des Geschäftsberichts sogar verschoben werden. Da die Kapitalmärkte darauf meist sehr empfindlich reagieren – wie am Beispiel von Northern Data deutlich wurde –, erfordert auch das viel Mut von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die damit großen Unmut seitens des Unternehmens auf sich zieht.

FISG setzt Wirtschaftsprüfer unter Druck

Möglicherweise sieht man so etwas in Zukunft aber häufiger, als es bisher der Fall war. Denn nach dem Wirecard-Skandal wurde der Druck auf die Prüfer massiv erhöht: Laut dem Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz FISG haften WP-Gesellschaften bei Fehlern nun deutlich stärker als bisher oder teilweise sogar unbegrenzt. Das dürfte die Motivation erhöhen, die Prüfung so lange und so intensiv durchzuführen, bis man das Testat guten Gewissens erteilen kann – selbst wenn man damit den Unmut des Vorstands auf sich zieht, weil man die Deadline reißt.

Das neue Gesetz kann aber auch dazu führen, dass immer weniger Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Unternehmen mit neuartigen Geschäftsmodellen prüfen wollen, wie Marktbeobachter in der Vergangenheit gegenüber FINANCE berichteten. Das Risiko, dass ein Fehler unterlaufe, sei bei solchen Unternehmen höher, so dass man sich gut überlege, ob man es angesichts der verschärften Haftung auch wirklich eingehen wolle, berichteten manche Marktteilnehmer.

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Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen können für manche Wirtschaftsprüfer also durchaus eine Herausforderung oder ein Risiko darstellen, das einige WP-Häuser nicht bereit sind einzugehen. Für diejenigen, die sich herantrauen, können diese Neulinge aber eine große Chance sein: Die Prüfer können ein Unternehmen begleiten, das neue Wege geht und womöglich in einigen Jahren zu einer beachtlichen Größe anwächst, weil es ein Pionier seiner Branche ist.

So geht auch Deloitte vor: „Wir sind vor einiger Zeit ganz bewusst in die Prüfung von Unternehmen aus der Krypto-Branche eingestiegen“, berichtet Christoph Schenk. „Das sind Zukunftsthemen, bei denen wir unseren Beitrag zur Funktionsfähigkeit des Kapitalmarktes leisten wollen.“

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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Julia Schmitt ist Chef vom Dienst bei FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung, Controlling und Bilanzierung. Julia Schmitt hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre und Publizistik und arbeitete während ihres Studiums unter anderem in der Online-Redaktion der ZDF heute.de-Nachrichten.

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