FINANCE Wrap-up

Abonnements

Jochen Goetz wird vom Azubi zum Dax-CFO

Der Daimler Truck-CFO Jochen Goetz hat spannende Monate hinter sich. Foto Daimler Truck.
Der Daimler Truck-CFO Jochen Goetz hat spannende Monate hinter sich. Foto Daimler Truck.

Der Finanzchef von Daimler Truck, Jochen Goetz, ist ein Daimler-Urgestein. 1987 kam er als Auszubildender zu dem Unternehmen, heute leitet er nach erfolgreicher Abspaltung vom Mutterkonzern die Finanzabteilung von Daimler Truck. Seine To-Do-Liste rund um den Spin-off war ebenso komplex wie lang.

Im Interview mit der FINANCE-Schwesterpublikation DerTreasurer verriet Claus Bässler, Leiter Treasury & Tax von Daimler Truck, dass der Spin-off unter hohem Zeitdruck erfolgte – zusätzlich wurde das Projekt aufgrund der Coronapandemie nahezu völlig remote durchgeführt. Außerdem war eine Brückenfinanzierung in Milliardenhöhe von Nöten, um das Financial-Services-Geschäft von Daimler Mobility zu übernehmen, welches für das Nutzfahrzeuggeschäft benötigt wird. Mittels dieser Finanzierung wurde Daimler Truck erst unabhängig von der Mutter Daimler, und sie war extrem aufwendig und international.

Goetz stemmte Brückenfinanzierung und Spin-off

Um die Übernahme des Financial-Services-Geschäfts zu finanzieren, legte Goetz‘ Team im Sommer 2021 eine Konsortialfinanzierung auf. Die Daimler Truck Holding AG, die Daimler Truck AG und verschiedene Daimler-Truck-Finanzierungsgesellschaften setzten einen syndizierten Kredit in einem gewaltigen Umfang von 18 Milliarden Euro auf. Die Finanzierung besteht aus einem revolvierenden Kredit in Höhe von 5 Milliarden Euro und einer Brückenfinanzierung von über 13 Milliarden Euro.

Einen Teil dieses Bridge Loans konnte die Finanzabteilung schon im Dezember – noch vor dem IPO – mittels Anleihen in Höhe von 6,7 Milliarden Euro refinanzieren. Das Geld kam aus einer Anleihe in Höhe von 6 Milliarden US-Dollar, die am US-Kapitalmarkt platziert wurde und aus einer Anleiheemission mit einem Volumen von 2 Milliarden Kanadischen Dollar, die wiederum am kanadischen Kapitalmarkt platziert wurde.

Alles zum Thema

CFO des Monats

Ausgezeichnete Leistungen, mutige Entscheidungen, besonderer Spürsinn: Zwölfmal im Jahr kürt die FINANCE-Redaktion ihren CFO des Monats.

Die amerikanische Transaktion wurde zu der größten jemals von einem deutschen Unternehmen begebenen Debütanleihe am US-Kapitalmarkt. Das ist besonders beachtlich angesichts des Marktumfelds zu dieser Zeit: Kurz zuvor hatte nach Bekanntwerden der Omikron-Variante an Thanksgiving die Volatilität an den Kapitalmärkten stark zugenommen. Dennoch gelang die Emission, und dank der Erlöse aus den amerikanischen und kanadischen Bonds gelang es dem Team rund um CFO Goetz, einen substantiellen Teil der Brückenfinanzierung zurückzuzahlen.

Emotionaler Börsengang für CFO Goetz

Doch auch danach ging es noch Schlag auf Schlag weiter. Nach diesem Finanzierungskraftakt startete Daimler Truck am 10. Dezember an der Börse. Mit einem Marktwert von 23 Milliarden Euro, der seitdem nur ein wenig gesunken ist, war der Daimler-Spin-off der größte deutsche Börsengang des Jahres 2021 – noch ein Rekord.

CFO Goetz zeigte sich gerührt: „Wir haben ewig darauf hingearbeitet. Ein enormer Berg an Aufgaben ist notwendig, um solch historische Firmen zu trennen“, kommentiert er den Börsengang im Interview mit Sat.1. „Und wenn man dann am Ende des langen, langen Marathons quasi die Ziellinie überschreitet, ist das wirklich ein Gefühl mit Gänsehaut.“

CFO-Profil

Jochen Goetz. Foto Daimler Truck

Jochen Goetz

0
Daimler Truck Holding AG

Das Russland-Problem von Daimler Truck

Doch die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten: Nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs kündigte Daimler Truck an, „mit sofortiger Wirkung“ seine geschäftlichen Aktivitäten in Russland einzustellen. Darunter fällt auch die Kooperation mit dem russischen Fahrzeughersteller Kamaz, die seit 2012 läuft. Problematisch wurde die Zusammenarbeit vor allem deshalb, weil Trucks von Kamaz an prominenter Stelle am Ukraine-Feldzug teilnehmen. Im Zuge der Marktturbulenzen kam zwischenzeitlich auch das Papier von Daimler Truck unter die Räder und fiel bis fast auf 20 Euro, konnte sich seitdem aber wieder auf 25 Euro erholen.

Seit dem 21. März zählt die Aktie zum Dax, und Goetz‘ Team gibt weiterhin Gas: Daimler Truck arbeitet an der Refinanzierung jenes Teils der Brückenfinanzierung, der noch übrig ist.

Anfang April platzierte Daimler Truck Euro-Bonds. Durch die Emission mehrerer Anleihen konnte der Konzern insgesamt 1,75 Milliarden Euro einsammeln. Diese Transaktion ist Teil des neuen European Medium Term Notes-Programms (kurz: EMTN), das Daimler Truck Ende März auflegte. Bei einem EMTN-Programm handelt es sich um eine Rahmenvereinbarung durch die Unternehmen Wertpapiere am europäischen Kapitalmarkt emittieren können. Insgesamt will der Konzern im Rahmen dieses Programms Mittel in Höhe von bis zu 10 Milliarden Euro aufnehmen. Ungefähr gleichzeitig mit den Euro-Bonds platzierten die Stuttgarter auch noch weitere Bonds am US-Markt in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar.

Projekte-Pipeline bei Daimler Truck ist voll

Keine Frage: Die zurückliegenden zwölf Monate dürften die ereignisreichsten in der 35-jährigen Daimler-Karriere von Jochen Goetz gewesen sein. Nun aber könnte etwas Ruhe einkehren – und die Normalität eines börsennotierten Großkonzerns.

Dazu zählt die Vermarktung der Equity Story, und dort hat Daimler Truck einen ersten Schritt mit der Präsentation seiner Strategie für die Einführung autonom fahrender Lastwagen in den USA getan. Während menschliche Fahrer die Fracht weiterhin an einen Transfer-Hub bringen sollen, könnten dort schon in einigen Jahren autonom fahrende Trucks von Daimler die Ladung übernehmen und im Fernverkehr durch Nordamerika transportieren. Daimler Truck würde eine Nutzungsgebühr pro Kilometer bringen – ein margenstarkes Zukunftsgeschäft, das Anfang der 2030er-Jahre schon mehrere Milliarden Euro pro Jahr an Umsatz erwirtschaften soll.

Die Arbeit an autonomen fahrenden Trucks ist nur eines von mehreren anstehenden Projekten. Daimler Truck hat sich auf die Fahnen geschrieben, den emissionsfreien Transport voranzubringen. Bis 2030 sollen Batterien- und Brennstoffzellenfahrzeuge 60 Prozent der Verkäufe ausmachen.

Aktuell beschäftigen das Management eher profanere Themen wie Lieferkettenmanagement und die Erfüllung der ehrgeizigen Gewinnprognose. Trotz der Halbleiterengpässe rechnet der Vorstand mit einem zweistelligen Anstieg des Umsatzes. Die Auftragsbücher seien voll, meldete das Führungsgremium im März. Es sieht so aus, als wäre die Start in die Eigenständigkeit trotz widrigster Umstände geglückt.

eva.brendel[at]finance-magazin.de

+ posts

Eva Brendel ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat Kommunikationswissenschaft, VWL und Politik in Bamberg und Jena studiert. Neben dem Studium arbeitete Eva Brendel als freie Nachrichtenmoderatorin bei einem Lokalsender und moderierte eine eigene Podcast-Reihe.

FINANCE Daily Newsletter
Das Wichtigste aus der FINANCE-Welt – täglich direkt in Ihr Postfach.
Jetzt abonnieren »
Jetzt abonnieren »
FINANCE Daily Newsletter