Nach Uneinigkeiten über die zukünftige Ausrichtung der Stahlsparte zieht Premal Desai (links) nach rund 14 Jahren Thyssenkrupp seinen Hut. Für ihn übernimmt Carsten Evers (rechts) die Position des Finanzvorstandes.

ThyssenKrupp Steel/ThyssenKrupp Automotive/Collage FINANCE

12.02.20
CFO

Konzernumbau bei ThyssenKrupp trifft Stahlmanager Desai

ThyssenKrupp findet keine Ruhe: Nach Streitigkeiten über die zukünftige Ausrichtung der Stahlsparte nimmt der bisherige CEO und CFO Premal Desai seinen Hut. CFO Carsten Evers und CEO Bernhard Osburg müssen sich als Nachfolger mit einer unsicheren Konzernzukunft arrangieren.

CFO-Wechsel bei der Stahlsparte von ThyssenKrupp: Der bisher als Vorstandssprecher und Finanzvorstand in Personalunion agierende Premal Desai wird zum 29. Februar seine Ämter bei dem unter Druck stehenden Stahlhersteller niederlegen, wie das Unternehmen mitteilt. Neuer Finanzvorstand wird Carsten Evers, der aktuell noch CFO bei der ThyssenKrupp-Sparte Automotive Technology ist. Der derzeitige Vertriebschef der Stahlsparte, Bernhard Osburg, wird neuer Sprecher des Vorstandes. Die Personalwechsel benötigen noch die Zustimmung des Aufsichtsrates der ThyssenKrupp Steel.

Desai wirft nach acht Monaten das Handtuch

Damit endet die Amtszeit als Stahlchef des ThyssenKrupp-Veteranen Desai nach nur acht Monaten. Grund für die Trennung sind dem Unternehmen zufolge „unterschiedliche Vorstellungen über die Ausrichtung des Stahlgeschäfts“. Zu den genaueren Gründen schweigt sich das Unternehmen aus. Das „Handelsblatt“ berichtet, dass Desai in den kommenden fünf Jahren rund 800 Millionen Euro in den Anlagenpark investieren wollte und zudem weniger Mitarbeiter entlassen wollte als von der Konzernführung gefordert. Bei den notorisch Cash-klammen Essenern mit einer Eigenkapitalquote von nur noch rund 6 Prozent  stehen die Kosten derzeit extrem im Fokus.
 
Desai, der seit rund 14 Jahren für die Essener tätig war, übernahm im Juni 2019 für den glücklosen Andreas Goss: Unter dessen Führung scheiterte der ThyssenKrupp-Tata-Deal am Veto der Europäischen Kommission. Daraufhin legte Goss sein Amt nach fünf Jahren nieder.

Evers kommt von ThyssenKrupp Automotive Technology

In der neuen Aufstellung werden CEO- und CFO-Aufgaben auf zwei Personen verteilt: Der neue Finanzvorstand Carsten Evers kommt vom Geschäftsbereich ThyssenKrupp Automotive Technology (vormals Components Technology). Dieser machte laut Geschäftsbericht 2018/19 mit 6,9 Milliarden Euro nur den viertgrößten Umsatzteil des Essener Industriekonzerns aus. Blickt man allerdings auf den bereinigten Umsatz vor Steuern und Zinsen (bereinigtes Ebit) zählt Automotive mit 233 Millionen Euro hinter der zum Verkauf stehenden Aufzugssparte zu den Ertragsperlen der Industrieikone.

Damit wechselt der 55-jährige Evers von der kleineren, aber profitableren Automotive-Sparte zur größeren, aber weniger profitablen Stahlsparte. Diese ist mit einem Umsatz von 9,1 Milliarden Euro gemessen an der Umsatzgröße die Nummer Zwei im Konzern. Das bereinigte Ebit der Stahlsparte liegt allerdings nur bei 31 Millionen Euro. Gleichzeitig heißt es, dass ThyssenKrupp-Chefin Martina Merz die Stahlsparte zum Kern der zukünftigen ThyssenKrupp-Holding auserkoren habe.

Wird der Aufzugsdeal zur Hängepartie?

Wie hoch die Investitionen in die Stahlsparte in den kommenden Jahren ausfallen, dürfte auch entscheidend von einem laufenden M&A-Projekt abhängen: Nachdem erst vor wenigen Tagen der finnische Kone-Konzern mit einem 17 Milliarden Euro schweren Übernahmeangebot sein Interesse an der Elevator-Sparte eindeutig signalisiert hat, ist das Unternehmen nun offenbar in der engeren Auswahl um den Zuschlag, wie das „Handelsblatt“ unter Berufung auf konzernnahe Kreise berichtet. Als Alternative zum Verkauf der ertragreichen Aufzugssparte gilt ein Börsengang.

Der Schweizer Schindler-Konzern, ein Kone-Wettbewerber, reagierte mit einer deutlichen Kampfansage und stellte kartellrechtliche Klagen in Aussicht, falls Kone den Zuschlag erhalten sollte.

dominik.ploner[at]finance-magazin.de

Update am 13.02.2020, 10.10 Uhr

ThyssenKrupp veröffentliche am Donnerstagmorgen die Zahlen für das erste Quartal 2019/2020. Vor allem die Entwicklung der Stahlsparte macht dem Konzern weiterhin zu schaffen: Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum büßte Steel Europe 13 Prozent an Umsatz ein und steuerte nur noch rund 1,9 Milliarden Euro zum Gesamtumsatz bei. Der Auftragseingang lag im 1. Quartal mit 2,1 Milliarden Euro knapp 10 Prozent unter Vorjahr. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit), der vor einem Jahr mit 34 Millionen Euro noch positiv war, hat sich zu einem Verlust von 166 Millionen Euro gewandelt. 

Die zum Verkauf stehende Aufzugssparte entwickelte sich deutlich besser, der Umsatz legte im 1. Quartal um 6 Prozent auf rund 2,1 Milliarden Euro zu, der Auftragseingang stieg um 4 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro und das Ebit verbesserte sich ebenfalls um 4 Prozent auf 207 Millionen Euro.

ThyssenKrupp als Ganzes rutschte in diesem ersten Quartal tief in die roten Zahlen: Nach einem Gewinn 181 Millionen Euro ist nun ein Verlust von 115 Millionen Euro angefallen. Der Umsatz lag mit 9,7 Milliarden Euro auf Vorjahresniveau.

Mehr zur Krise beim Essener Industriekonzern erfahren Sie unserer Themenseite zu ThyssenKrupp.