Stolzer Bauherr mit gemischten Gefühlen: Fraport-CFO Matthias Zieschang  auf der Baustelle von T3

FINANCE

26.08.20
CFO

„Das Quartal war düster, aber wir haben es im Griff“

Fraport saugt sich mit immer mehr Geld voll, die Finanzabteilung powert durch – nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen des Megaprojekts T3. Auf Baustellentour mit CFO Matthias Zieschang.

„Der Sommer neigt sich dem Ende entgegen. Inzwischen kämpfen wir schon seit sechs Monaten mit den Folgen der Coronavirus-Pandemie. Das geht auch meinem Team an die Substanz. Kein Wunder, denn wir haben den Sommer über durchgepowert und unter anderem eine 800 Millionen Euro schwere, ungeratete Anleihe platziert. Damit haben wir unsere verfügbaren Liquiditätsreserven seit Anfang des Jahres von rund 1,7 Milliarden Euro trotz eines hohen Cash-Burns auf fast 3 Milliarden Euro erhöht. Das ist ein großes Liquiditätspolster, das uns über Ende 2021 hinaus Luft verschafft.

460 Millionen verbrannt – in einem Quartal

Trotz (oder vielleicht auch wegen) dieses immensen Pensums ist die Motivation in meinem Finanzbereich aber immer noch extrem hoch. Erfolg ist einfach die beste Stimulanz! Wir haben es nicht nur geschafft, diese hohen liquiden Mittel für unser Unternehmen zu mobilisieren – auch unsere Berechnungen aus dem März bezüglich unserer Cash-Burn-Rate während des Corona-Lockdowns von 150 Millionen Euro pro Monat im Konzern waren eine Punktlandung. Im zweiten Quartal waren es insgesamt rund 460 Millionen Euro.

„Das Finanzteam erfährt höchste Anerkennung im ganzen Unternehmen. Das macht mich stolz.“

Man kann bilanzieren: Das Quartal war düster, aber wir haben die Lage im Griff. Dadurch erfährt das Finanzteam höchste Anerkennung im gesamten Unternehmen. Das macht mich stolz.

Zieschang sieht „Silberstreif“

Und jetzt zeichnet sich auch zum ersten Mal seit März ein Silberstreif am Horizont ab. Im dritten Quartal hoffen wir, im Konzern wieder Ebitda-positiv zu werden. Zum einen, weil der Flugverkehr wieder anzieht. Vor allem aber haben wir es dank enormer Kostendisziplin geschafft, am Frankfurter Flughafen die Break-even-Schwelle auf rund 60.000 Passagiere am Tag zu senken. Dies sind im Schnitt lediglich etwa 30 Prozent des Vor-Corona-Passagieraufkommens. Bei unseren internationalen Flughäfen liegt diese Break-even-Schwelle sogar noch tiefer, weil dort die Personalkosten niedriger und flexibler sind. Den Ebitda-Break-even hoffen wir im dritten Quartal zu knacken.

Zusätzlich hilft uns auch die eine oder andere positive Überraschung. Zum Beispiel liegen die zusammengefassten Shopping-, Gastro- und Werbeausgaben pro Passagier höher als vor Corona. Warum? Das ist wirklich schwer zu sagen. Vielleicht liegt es daran, dass unsere Fluggäste derzeit am Flughafen viel mehr Zeit und Platz vorfinden und dann entspannt gerne ein bisschen mehr Geld ausgeben. Immerhin!

4 Milliarden Euro, 4.000 Menschen am Bau

Mit Blick auf das sehr geringe Passagieraufkommen sind das natürlich Summen, die im Gesamtkontext unseres Konzerns im Hintergrundrauschen verschwimmen. Wir stehen hier gerade auf der Großbaustelle von Terminal 3, in das wir rund 4 Milliarden Euro investieren und an dem in der Spitze 3.000 bis 4.000 Menschen pro Tag bauen werden.

Der Bau von T3 ist ein wesentlicher Grund dafür, dass wir im Konzern in diesem und auch im nächsten Jahr einen negativen freien Cashflow haben werden, denn mit dem Beginn des Hochbaus sind die laufenden Investitionsausgaben schon jetzt auf dem Peak-Niveau. Das liegt auch daran, dass wir gleich zu Beginn einen Großteil der erforderlichen Infrastruktur bauen, zum Beispiel die Zufahrtstraßen und die Sky-Line-Bahn, die das neue Terminal mit dem Rest des Flughafens verbinden wird.

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Dr. Matthias Zieschang, Fraport AG

Zieschang ist von 1990 bis 1994 bei der BASF Referent im Finanzbereich. 1994 wechselt er zur neu gegründeten Deutsche Bahn AG, wo er als Hauptabteilungsleiter den Bereich Finanzstrategie und Planung aufbaut. 1997 übernimmt er den Bereich Projekt- und Beteiligungsfinanzierung. Außerdem wird er in Personalunion zum Geschäftsführer der Deutsche Bahn Projekt Finanzierungs-GmbH ernannt. Von 1999 bis 2001 entsendet ihn Bahn-CFO Diethelm Sack als CFO (Ressorts Finanzen, Controlling, IT) zur sich in der Krise befindlichen Reederei Scandlines, die saniert und anschließend verkauft werden kann.

2001 bis 2007 ist er CFO des ebenfalls restrukturierungsreifen Teilkonzerns Deutsche Bahn Netz AG, wo er das Ressort Finanzen und Controlling sowie den Unternehmensbereich Zugbildungsanlagen verantwortet und sich stark für den beabsichtigten Börsengang des Bahnkonzerns engagiert. Dann kommt das reizvolle Angebot, allein verantwortlicher CFO eines börsennotierten Konzerns und gleichzeitig für die internationalen Beteiligungen zuständig zu sein: Seit April 2007 ist Zieschang Finanzvorstand des Flughafenbetreibers Fraport

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Wäre Corona vor dem Baubeginn gekommen, hätten wir das T3-Projekt sicher geschoben. Aber jetzt werden wir das durchziehen. Jetzt abzubrechen, den Rohbau zurückzubauen oder einzumotten und dann nach Jahren zu versuchen, wieder hochzufahren, gegebenenfalls Genehmigungen wieder neu einzuholen, das wäre ein finanzieller Albtraum. Die Bautätigkeiten laufen deshalb auch während der Corona-Pandemie unter Beachtung der Abstands- und Hygienebestimmungen weiter.

Wird der Bau von T3 jetzt günstiger?

Jeder, der baut, weiß, dass es am Bau zwei goldene Regeln gibt: Je länger man baut, desto teurer wird es. Und: Jede Änderung der Planung geht richtig ins Geld. Eine dieser beiden goldenen Regeln wurde bei uns gebrochen. Wir haben jedoch aus der Not eine Tugend gemacht: Aufgrund der zeitweisen innereuropäischen Grenzschließungen war die Verfügbarkeit von Material und Personal auf Seiten der Auftragnehmer teilweise stark eingeschränkt. Dadurch wurden Verzögerungen einzelner Bauabschnitte unausweichlich. Diese Situation nutzen wir, um einzelne Gewerke voneinander zu entzerren.

Insgesamt haben wir den Bau des Terminalhauptgebäudes mit den Flugsteigen H und J um gut ein Jahr gestreckt. Wir haben einfach nicht mehr den hohen Zeitdruck, weil die bestehende Infrastruktur des Flughafens wegen Corona jetzt nicht mehr an der Kapazitätsgrenze operiert wie noch 2018 und 2019. Wir gehen davon aus, dass wir damit nicht nur unsere Investitionsausgaben strecken, sondern auch von der veränderten Marktlage profitieren können. Schließlich sinken seit dem Ausbruch von Corona die Baupreise mitunter deutlich, und ungefähr 30 bis 40 Prozent unserer Bauaufträge haben wir noch nicht vergeben.

An die zweite Regel halten wir uns hingegen eisern: keine Änderungen an der Bauplanung. Ich sitze selbst im Aufsichtsrat der Fraport-Tochter, die den Bau ausführt, und dort ist es unsere zentrale Aufgabe, nicht zwingend erforderliche Planänderungen zu verhindern und das Terminal-Projekt im Budgetrahmen zu halten.

Sonderkosten durch Sondermüll

Einen negativen Sachverhalt konnten wir jedoch nicht vermeiden: Während der Tiefbauphase haben die Behörden die Messverfahren zur Feststellung, ob die Chemikalie PFC im Erdreich vorhanden ist, verändert. Dadurch sind höhere messbare Werte entstanden. Als Folge wurde ein Teil des Erdaushubs von T3 plötzlich als Sondermüll klassifiziert, denn auf dem künftigen T3-Gelände haben die Amerikaner früher eine Air Base betrieben. Im Zuge von Feuerlöschübungen und durch Hydraulikflüssigkeiten von Militärflugzeugen kam es zu Einträgen von PFC in das Erdreich.

Können Sie sich vorstellen, wie viel Erdaushub diese gewaltige Baustelle produziert? Zwischenzeitlich hatten wir hier einen Sandberg aufgeschüttet, der so groß und hoch war, dass man ihn fast vom gesamten Flughafengelände aus sehen konnte. Den betroffenen überschüssigen Erdaushub lassen wir gerade auflagenkonform entsorgen. Doch bis wir soweit gekommen sind, mussten tausende Bodenproben genommen werden. Je nach Belastungsgrad wurde der Aushub dann sortiert auf der Baustelle zwischengelagert.

Zusätzlich mussten wir geeignete Annahmestellen wie Deponien zur Entsorgung finden. Das war schwierig, da PFC in der Schadstoffbewertung noch recht neu und eine Entsorgung nur über Einzelgenehmigung möglich ist. Das alles hat nicht nur den Bauablauf verkompliziert, sondern auch hohe Kosten verursacht. 

Der Bau von T3 geht voran

Inzwischen gehe ich aber wieder mit einem lachenden Auge über die Baustelle (Anm. der Redaktion: Hier können Sie eine Animation des neuen Terminals sehen). Der Erdberg wird kleiner, der Rohbau größer. Am neuen Flugsteig G sind zum Teil bereits die Fenster eingesetzt, dieser Teil sieht schon fast fertig aus. Die Fertigstellung dieses ersten Abschnitts ist für 2022 geplant, die zwei weiteren Flugsteige und das Terminalhauptgebäude folgen dann wahrscheinlich 2025.

„Unsere Infrastruktur ist temporär zu groß für die Nachfrage. Aber immerhin haben wir dann erstmals Flexibilität.“ 

Das wird ein hervorragendes Terminal – optisch, wirtschaftlich und ökologisch. Es wird einen sehr geringen Energieverbrauch haben und Strom über großflächige Photovoltaikanlagen auf den Dächern produzieren. Als weiteren Meilenstein auf dem Weg zur CO²-Neutralität wird dann auch noch das kürzlich von uns ausgeschriebene Windparkprojekt dazu kommen, wodurch der gesamte Flughafen Frankfurt bis spätestens 2050 klimaneutral sein wird.

Die Betriebskosten von Terminal 3 werden ein Drittel unter denen der beiden anderen Terminals liegen, gleichzeitig haben wir höherwertigere Shopping- und Gastronomieflächen. Wir erwarten dadurch auch höhere Retail-Erlöse pro Passagier. Und die Nachfrage gerade von ausländischen Premium-Airlines nach Lounges ist hoch. Wir mussten deshalb die Lounge-Flächen im T3 früher als geplant um eine Etage erweitern, um der künftigen Nachfrage gerecht zu werden.

„Meinem Team geht die Arbeit nicht aus“

Zugegebenermaßen ist eine Infrastruktur, die mit einem Vollausbau von Terminal 3 auf annähernd 90 Millionen Passagiere pro Jahr ausgelegt ist, temporär zu groß für eine Nachfrage, die wir 2022/23 Corona-bedingt noch etwa 15 bis 20 Prozent unter den Passagierzahlen von 2019 sehen. Seinerzeit waren das 70 Millionen im Jahr.

Aber erstmals in der Geschichte des Frankfurter Flughafens haben wir dann Flexibilität in der Nutzung der Infrastruktur. Wir können Engpässe beseitigen und ältere Terminalbereiche bei Bedarf großflächig modernisieren. Jahrelang hinkten wir mit unserer Kapazität der Nachfrage hinterher, bald sind wir ihr voraus und für zukünftiges Wachstum gut gewappnet. Und davon gehen wir fest aus: Langfristig wird der Luftverkehr sowohl in Deutschland als auch in der Welt wieder wachsen.

Als Infrastrukturanbieter ist es immer schwierig, zur richtigen Zeit die passende Kapazität anbieten zu können. Das ist betriebswirtschaftlich bezogen auf das Timing nicht immer optimal. Deshalb sind wir froh, dass wir das Terminal 3 so geplant haben, dass wir es eng am Bedarf ausgerichtet, das heißt modular, an den Markt bringen können.

Als eine weitere gute Seite von T3 könnte man ironisch auch dazu zählen, dass der Finanzabteilung die Arbeit nicht ausgeht. Wir haben jetzt knapp 3 Milliarden Liquiditätsreserven, und bis auf weiteres werden wir die Liquidität nicht sehr weit unter diese Marke absinken lassen. Das heißt, dass wir die zur Zeit noch relativ hohen Capex-Ausgaben immer wieder über den Kapitalmarkt refinanzieren werden. Daher bezweifle ich, dass es meinem Team langweilig wird. Aber jetzt genießen viele erstmal den Urlaub.“     

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

In dieser Reihe begleiten wir mehrere CFOs auf ihrem Weg durch die Corona Krise. Sie berichten ganz persönlich von ihren Erlebnissen beim Kampf gegen die Folgen der Krise in ihren Unternehmen. Mit dabei sind die CFOs Carsten Bovenschen (Akasol), Ralf Brühöfner (Berentzen) und Matthias Zieschang (Fraport).

Alle ihre bisherigen spannenden Erfahrungsberichte finden Sie gebündelt auf der FINANCE-Themenseite CFO in der Coronakrise.