Einbrechende Charterraten und das verschlossene Fenster zum Eigenkapitalmarkt sorgen bei Rickmers für Handlungsbedarf. So will Rickmers-CFO Mark-Ken Erdmann die Situation managen.

Rickmers

25.04.16
CFO

Rickmers will die Debt-Seite neu ordnen

Die Verschiebung der IPO-Pläne bringt die Reederei Rickmers in Bedrängnis. Jetzt muss CFO Mark-Ken Erdmann an die Debt-Seite heran, um die Lage zu entschärfen. Im FINANCE-Interview erklärt er, um was es geht.

Herr Erdmann, der Kurs Ihrer Anleihe ist auf rund 50 Prozent abgerutscht. Das ist ein ernstes Misstrauensvotum Ihrer Investoren. Viele von ihnen verlieren offenbar das Vertrauen in Rickmers.
Das kann man in der Tat aus dem Kursverlauf herauslesen, und das bedauern wir sehr. Man muss allerdings auch den Kontext sehen, und da bewegen wir uns gleich in einem doppelt widrigen Umfeld: im Shipping-Markt und im Marktsegment für Mittelstandsanleihen. Der jüngste Kursrückgang unserer Anleihe ist aber sicher auch darauf zurückzuführen, dass wir unseren Plan, insbesondere im letzten Quartal 2015 beziehungsweise im ersten Quartal 2016 eine breiter angelegte kapitalmarktgestützte Eigenkapitaltransaktion durchzuführen, aufgrund der herausfordernden Lage an den Kapitalmärkten insgesamt leider nicht umsetzen konnten.

Verfolgen Sie die Eigenkapitalpläne noch weiter?
Derzeit erachten wir die Umsetzung einer kapitalmarktgestützten Eigenkapitaltransaktion zumindest kurzfristig als eher unwahrscheinlich. Wir folgen dabei der Annahme, dass die weltwirtschaftlichen Rahmendaten auch über den Jahreszeitraum 2016 hinweg eher schwierig bleiben werden. Das wird auch entsprechende Auswirkungen auf die Schifffahrtsmärkte haben. Wir halten eine Eigenkapitalstärkung zwar nach wie vor für entscheidend, um mit der Transformation der Rickmers Gruppe voranzukommen, aber eine solche Transaktion hat vor dem gerade skizzierten Hintergrund zumindest jetzt nicht mehr die alleinige Priorität.

Wir forcieren derzeit vor allem die Stärkung unserer Liquiditätsposition und die Neuordnung der Fremdkapitalseite. Neben einer vorzeitigen Verlängerung von Kreditlaufzeiten geht es dabei unter anderem auch um eine den schwachen Schifffahrtsmärkten angepasste Struktur der Finanzierungen.

Rickmers-CFO Mark-Ken Erdmann wart vor Gewinneinbruch

Ihre Bilanz legt den Schluss nahe, dass Sie auf diesem Gebiet unbedingt Ergebnisse erzielen müssen. 2018 wird Ihre Anleihe über 275 Millionen Euro fällig, nach derzeitigem Stand außerdem auch ein Kreditpaket über 870 Millionen US-Dollar. Ihre Nettofinanzverschuldung liegt bei 7,3x Ebitda. Das ist eine explosive Mischung.
Wir wollen unseren Leverage natürlich deutlich reduzieren. Allein 2015 haben wir rund 262 Millionen Euro an Bankdarlehen zurückgeführt. Doch wegen der anhaltend herausfordernden Lage der Schifffahrtsindustrie ist das zumindest aktuell nicht aufrechtzuerhalten. Diesem Umstand ist bereits in der Refinanzierung unserer Bankkredite im März vergangenen Jahres Rechnung getragen worden. Beispielsweise haben wir das Covenant-Set gemeinsam mit dem Bankenkreis sehr intensiv besprochen und monitoren in diesem Zusammenhang jetzt vor allem auf Mindestliquiditätsgrenzen und Eigenkapitalschwellen.

Damit ist Ihr hoher Leverage zumindest kurzfristig mit Blick auf Ihre Finanzierung offenbar kein so drängendes Problem mehr. Aber operativ weht Ihnen der Wind dafür stark ins Gesicht. Das Marktumfeld in der Schifffahrt hat sich seit dem Sommer vorigen Jahres nochmals eingetrübt. Selbst die großen Containerreedereien – viele davon sind Ihre Kunden – operieren am Rande oder sogar schon in der Verlustzone. Wie seht trifft das Rickmers?
Zum Jahresende 2015 weist das fest kontrahierte Chartervolumen der Rickmers Gruppe einen Betrag von rund 1,5 Milliarden US-Dollar auf. Dabei ist zu berücksichtigen, dass insbesondere unsere großen Containerschiffe zu festen Raten bis in die Jahre 2020 und 2021 verchartert sind. Dennoch wird auch unsere Geschäftsentwicklung natürlich vom Spot-Markt beeinflusst, und zwar immer dann, wenn Charterverträge zur Erneuerung stehen. Das kann dazu führen, dass der Umsatz und der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) der Rickmers Gruppe im Jahr 2016 zurückgeht – unter Umständen sogar deutlich.   

Rickmers: Preiseinbruch von 50 Prozent bei neuen Charterverträgen

Um wie viel Prozent niedriger liegen denn derzeit die Preise bei Neuabschlüssen von Charterverträgen im Vergleich zu den ausgelaufenen Altverträgen?
Die Rückgänge sind zum Teil gravierend: Die neuen Charterabschlüsse und entsprechenden Charterraten liegen in einigen Fällen um mehr als die Hälfte unter den vorherigen Konditionen.

Das bringt Ihre Finanzierung ins Wanken.
So würden wir das nicht formulieren, aber selbstverständlich müssen wir die Rückgänge bei unseren operativen Cashflows unter anderem auch in unserer Finanzierungsstruktur abpuffern. Zum Glück kennen unsere Finanzierungspartner den Schifffahrtsmarkt sehr genau, sie verhalten sich konstruktiv und sehr differenziert. Speziell unsere Hausbanken sind allgemein sehr unterstützend, was man unter anderem auch an der jüngst vereinbarten Verlängerung von Kreditlaufzeiten im Volumen von rund 520 Millionen US-Dollar ablesen kann. Diese Kredite werden jetzt erst in den Jahren 2020/2021 fällig.

Wie genau kommen die Banken der Rickmers Gruppe entgegen?
Schiffskreditverträge sehen in der Regel eine vollständige Tilgung innerhalb von 15, 16 Jahren vor. Aber die Schiffe sind nach dieser Zeit alles andere als schrottreif, ihre tatsächliche Nutzungs- und Abschreibungsdauer liegt gerade bei kapitalmarktorientierten Unternehmen eher oberhalb von 25 Jahren. Das ist ein Unterschied, der uns Potential bietet. Hier befinden wir uns allerdings noch am Anfang der Überlegungen.

„Die Verschuldung schränkt unseren Investitionsspielraum ein“

Viele Ihrer Schiffe sind nur mittelgroß. Die Branchentrend geht hin zu super-effizienten großen Schiffen. 2015 schon haben Sie fast Ihren gesamten Cashflow in den Bau neuer Schiffe investiert. Stehen notwendige Investitionen und Ihr Kapitaldienst sich gegenseitig im Weg?
Sicherlich ist es so, dass unsere Verschuldung unseren Investitionsspielraum einschränkt. Im vergangenen Jahr haben wir rund 273 Millionen Euro operativen Cashflow erwirtschaftet, mussten aber rund 103 Millionen Euro für Zinsen ausgeben und 162 Millionen Euro für reguläre Tilgungen. Deshalb streben wir auch eine Neuordnung unserer Finanzverbindlichkeiten an.

Wie viel müssen Sie Minimum investieren, um Ihre Schiffsflotte in Stand zu halten?

Etwas über 20 Millionen Euro pro Jahr – weniger als ein Zehntel unseres operativen Cashflows.

Vor knapp zwei Wochen haben Sie angekündigt, mit Ihrem Wettbewerber E.R. Schifffahrt über eine Allianz im Servicegeschäft zu sprechen. Es geht darum, Synergieeffekte zu heben. Würden nicht noch mehr Einspareffekte locken, wenn Sie auch Ihr Kerngeschäft der Schiffsvermietung mit E.R. Schifffahrt zusammenlegen würden?  
Unsere Gespräche beziehen sich auf unsere Geschäfte mit maritimen Dienstleistungen im Sinne von technischem und kommerziellem Schiffsmanagement. Diese Bereiche erwägen wir, in einem Gemeinschaftsunternehmen zusammenzuführen. Grundsätzlich ist es allerdings korrekt, dass in unserer Branche durch Zusammenschlüsse Synergieeffekte auch im Bereich der Schiffsvermietung realisiert werden könnten.

Unsere Kunden, die Containerlinienreedereien, haben darauf bereits reagiert und sich mehr oder weniger in vier großen Allianzen organisiert. Die Angebotsseite in der Schiffsvermietung ist hingegen noch deutlich stärker zersplittert. Dort besteht weiterhin Handlungsbedarf und die Rickmers Gruppe hat sich über den inzwischen mehr als vier Jahre andauernden Transformationsprozess entsprechend auf die zu erwartende Marktkonsolidierung eingestellt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Viele Hintergründe zu den Zahlen und zur Lage des Hamburger Traditionsunternehmens finden Sie auf unserer neuen FINANCE-Themenseite zu Rickmers.

Mehr über den CFO erfahren Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Mark-Ken Erdmann. Weitere spannende Interviews mit Finanzchefs finden Sie auf unserer Themenseite CFO-Interviews.