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Warum ESG so stark die M&A-Preise beeinflusst

ESG-Themen haben einen immer stärkeren Einfluss auf M&A-Deals.
Romolo Tavani - stock.adobe.com

Das Buzzword ESG ist in aller Munde: Ob bei Finanzierungen oder bei M&A-Deals – Nachhaltigkeit (Environment), soziale Verantwortung (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) spielen eine immer größere Rolle. In den vergangenen Jahren treibt das Thema ESG daher immer mehr CFOs um, denn Geldgeber investieren ihr Kapital vermehrt in nachhaltige und verantwortungsbewusste Unternehmen.

So wurden laut Zahlen der Investmentbank Lazard im vergangenen Jahr rund 120 Milliarden Euro in europäische Unternehmen investiert, deren Strategien (mehr oder weniger) an ESG-Themen geknüpft waren. 2018 lag das Volumen noch bei 47 Milliarden Euro und damit nicht mal halb so hoch. Ein Trend, der sich trotz Coronakrise weiter durchsetzen wird – und der auch M&A-Deals betrifft, glaubt Lazard. Dazu hat die Investmentbank fünf Thesen aufgestellt.

1. These: M&A-Deals werden kreativer

Eine erste Entwicklung am M&A-Markt beobachtet Ken Oliver Fritz, Lazards Leiter des Investmentbankings in Deutschland, bei der Logik von Deals: „Wir werden mehr unerwartete und kreative Transaktionen mit ESG-Bezug sehen, deren zugrundeliegende Überlegungen sich möglicherweise erst auf den zweiten Blick offenbaren.“ Ein Beispiel: Die Übernahme der Recycling-Sparte des französischen Konzern Suez durch die Schwarz-Gruppe, dem Mutterkonzern von Kaufland und Lidl.

Bei diesem Deal erkennt Fritz ein klares ESG-Motiv: „Handelsunternehmen blicken stärker auf ihre gesamte Wertschöpfungskette, darunter auch auf den Umgang mit Verpackungen. Sie versuchen, Produkte, die sie in den Umlauf bringen, auf nachhaltige Weise wieder dem Kreislauf zu entziehen.“

Firmen, die das nicht selbst bewerkstelligen können, würden sich die Expertise durch Zukäufe oder Beteiligungen selbst ins Haus holen. Laut Fritz handelt es sich nicht um ein Einzelphänomen: Auch andere Branchen wie Automotive oder die Immobilienbranche setzten verstärkt auf M&A-Transaktionen, um ihre ESG-Performance zu verbessern. Und sogar die Deutsche Börse – bei der die Verbindung zu ESG nicht auf der Hand liegt – hat sich in der vergangenen Woche mit einem Zukauf ESG-technisch positioniert.

2. These: Environmental Due Diligence wird wichtiger

Der zweite Trend bezieht sich auf die Due Diligence: „Käufer sind deutlich sensibler für ESG-Risiken bei potentiellen Übernahmekandidaten geworden und prüfen dies im Rahmen der Due Diligence strenger als noch vor ein paar Jahren“, beobachtet der M&A-Berater. Sowohl Private-Equity-Investoren als auch Strategen hätten immer längere ESG-Checklisten, die sie bei der Prüfung der Targets heranziehen. Ein ESG-Risiko kann zum Beispiel eine schlechte Corporate Governance sein.

Das erhöht den Prüfungsaufwand: „Früher haben sich etwa Textilunternehmen lediglich dafür interessiert, wer die Textilien herstellt und wie sicher die Lieferantenbeziehung ist“, erinnert sich Fritz zurück. Heute würden zusätzlich Aspekte wie Kinderarbeit, Lohndumping oder auch die Nachhaltigkeit der Materialien wesentlich genauer unter die Lupe genommen.

Das ist auch notwendig, findet der Investmentbanker: „Ich habe bereits Fälle erlebt, in denen ein hohes ESG-Risiko dafür gesorgt hat, dass der M&A-Prozess abgebrochen wurde – und das, obwohl das Unternehmen eigentlich perfekt in das Portfolio des Investors gepasst hätte.“ Eine schlechte ESG-Perfomance kann also auch ein echter Dealbreaker sein.

„Ich habe bereits Fälle erlebt, in denen ein hohes ESG-Risiko dafür gesorgt hat, dass der M&A-Prozess abgebrochen wurde.“

Ken Oliver Fritz, Head of Investmentbanking in Deutschland bei Lazard

Auch der Deal zwischen Bayer und Monsanto war seinerzeit unter ESG-Aspekten kritisch betrachtet worden – ein Dealbreaker war das 2016/17 zwar noch nicht, doch bis heute ist unklar, ob Bayer sich mit der Übernahme des Chemieunternehmens wirklich einen Gefallen getan hat. Der Aktienkurs hat deutlich gelitten.

3. These: ESG-Risiken drücken M&A-Bewertungen

Zum Abbruch des M&A-Prozesses kommt es heute zwar öfter, aber insgesamt noch eher selten. Häufiger versuchen Unternehmen stattdessen, niedrigere Kaufpreise auszuhandeln, wenn das entsprechende Zielunternehmen beim Thema ESG Nachholbedarf hat.

„Käufer erwarten zunehmend, dass sich sogenannte ESG-Risiken in einem niedrigeren Kaufpreis niederschlagen“, so Fritz. Das passiert vor allem dann, wenn der Investor nach dem Zukauf noch viele Ressourcen – sowohl personelle als auch finanzielle – in die Restrukturierung und Repositionierung des Unternehmens stecken muss, um die Transformation zu einem nachhaltigen Unternehmen zu vollziehen.

Hier hat Lazard eine interessante Beobachtung gemacht: Schneidet ein Unternehmen mit Blick auf die Erfüllung von ESG-Kriterien gut ab, steigt die Bewertung in 43 Prozent der Fälle. Ein schlechtes ESG-Rating sorgt aber in fast 80 Prozent der Fälle für eine signifikant niedrigere Bewertung. Eine schlechte(re) ESG-Perfomance wirkt sich also eher negativ auf das Unternehmen aus als eine gute ESG-Perfomance positiv.

4. These: Akquisitionsfinanzierungen werden teurer

ESG-Risiken möglichst gering zu halten, liegt aber nicht nur wegen der Post-Merger-Integration und der ordentlichen Fortführung des Geschäfts nach der Übernahme im Interesse des Käufers. Vielmehr kann auch seine Akquisitionsfinanzierung von der ESG-Performance der Parteien abhängen. „So, wie Eigenkapitalgeber eher in nachhaltige Unternehmen investieren, finanzieren Investoren auch bevorzugt ESG-konforme M&A-Transaktionen“, berichtet Fritz.

Das kann sogar so weit gehen, dass die Finanzierung einer Transaktion komplett versagt wird – oder dass die Finanzierungskosten für Deals deutlich teurer werden. In der Regel kommen Käufer, die ESG-technisch gut performen oder eine Firma kaufen, die dies tut, aber zumindest günstiger an Finanzierungen. So hat etwa der Autobauer Volkswagen bei der Emission des ersten Green Bonds günstigere Konditionen erhalten als bei seinen anderen, konventionellen Anleihen.

„Investoren finanzieren bevorzugt ESG-konforme M&A-Transaktionen.“

Ken Oliver Fritz

5. These: ESG sorgt für Multiples-Arbitrage

Eine letzte Entwicklung zeichnet sich am M&A-Markt ab: ESG-bedingte Multiples-Arbitrage. „Wir werden erleben, dass Unternehmen mit guten ESG-Scores Firmen mit weniger guten Ratings günstig übernehmen und in die eigenen Strukturen integrieren, um den Wert des Investments zu heben“, glaubt Lazard-Banker Fritz.

Auf diese Weise könnten beispielsweise Finanzinvestoren den Zukauf nach der ESG-Optimierung teurer weiterverkaufen. Bei Strategen wiederum könnte die Übernahme einer kleineren Firma mit einem guten ESG-Score „positive Abstrahleffekte“ auf den Unternehmenswert des Käufers haben. Guter Nebeneffekt: Hat der Käufer selbst ein gutes ESG-Rating, kann die Akquisitionsfinanzierung zusätzlich günstiger werden.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Info

Mehr zu nachhaltigen Finanzierungen und Investments erfahren Sie auf unserer Themenseite zu Green Finance.

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Olivia Harder ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im M&A-Geschäft. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert, wo sie auch einen Lehrauftrag innehatte. Vor FINANCE arbeitete Olivia Harder in den Redaktionen mehrerer Wochen- und Tageszeitungen, unter anderem beim Gießener Anzeiger.

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