Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé sucht nach Interessenten für die Töchterunternehmen. Wettbewerber sollen ihr Interesse schon bekundet haben.

Wirecard

01.07.20
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Wirecard steht vor der Zerschlagung

Der Insolvenzverwalter von Wirecard startet mit der Investorensuche. Einige Wettbewerber sollen bereits Interesse signalisiert haben, der Markt für Zahlungsabwickler ist umkämpft.

Beim Skandalkonzern Wirecard beginnt die Resteverwertung, der insolvente Konzern könnte zerschlagen werden. „Es haben sich bereits eine Vielzahl von Investoren aus aller Welt gemeldet, die Interesse am Erwerb des Kerngeschäfts (oder) der davon unabhängigen und eigenständig erfolgreich am Markt agierenden Geschäftsbereiche haben“, erklärte der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé in einem in der Nacht zum Mittwoch veröffentlichten Statement.

Die Gläubiger haben laut der Mitteilung bereits grünes Licht „für einen internationalen Investorenprozess unter Einschaltung von Investmentbanken“ gegeben. Ziel sei es, dass das Geschäft mit Kreditkartenzahlungen, aber auch das in anderen unabhängigen Geschäftsbereichen, stabilisiert werden kann. „Dazu werden intensive Gespräche mit Kunden, Handelspartnern und den Kreditkartenorganisationen geführt“, heißt es weiter.

Worldline und Nets sollen Interesse an Wirecard haben

Noch hat sich keiner der Interessenten aus der Deckung gewagt. Nach Informationen des „Handelsblatts“ sollen der französische Zahlungsabwickler Worldline und der dänische Konkurrent Nets ein Auge auf Wirecard geworfen haben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet auch von Finanzinvestoren, die den Konzern ins Visier nehmen könnten.

Worldline tätigte in den vergangenen Jahren bereits mehrere Zukäufe. So hatten die Franzosen erst im Februar angekündigt, für knapp 8 Milliarden Euro den Konkurrenten Ingenico übernehmen zu wollen. Worldline steigt damit eigenen Angaben zufolge zum viertgrößten Zahlungsabwickler weltweit auf. 2018 stärkte das seit 2014 börsennotierte Unternehmen sein Kartenabrechnungsgeschäft (Acquiring) durch die 2,3 Milliarden Euro schwere Übernahme von Six Payment Services.

Kurz danach ließ der Konzern durchblicken, dass weitere Zukäufe gut möglich wären. „Unser größter Wettbewerber ist das Bargeld, entsprechend riesig ist das Wachstumspotential im elektronischen Zahlungsverkehr“, erklärte Andrej Eichler, Chief Market Officer Financial Services bei Worldline damals in einem Interview mit der FINANCE-Schwesterpublikation DerTreasurer. „Jede weitere Transaktion, die über unsere Systeme läuft, bringt Vorteile.“

Zahlungsdienstleister-Markt boomt

Zweifellos spielt die Konsolidierungswelle am Markt für Zahlungsabwickler dem Insolvenzverwalter Jaffé in die Karten. Dass ein so großes Portfolio wie das von Wirecard zum Verkauf Markt steht, ist nach den Mega-Übernahmen der vergangenen Jahre – erst 2019 kaufte der US-Konzern Fiserv den Konkurrenten First Data für 22 Milliarden Dollar – eine seltene Chance. Allerdings dürften potentielle Interessenten bei dem Skandalkonzern ganz genau hinschauen, die Due-Diligence-Prüfungen dürften angesichts der Manipulationsvorwürfe aufwendig werden.

Hinzukommt, dass Konkurrenten Medienberichten zufolge bereits damit begonnen haben, Wirecard-Kunden abzuwerben. Diese Praxis könnte für einige Wettbewerber attraktiver sein als eine Übernahme.

Grund für den M&A-Boom bei den Zahlungsabwicklern ist, dass die Deutschen immer mehr bargeldlos bezahlen. Kleinere Anbieter tun sich zusammen, um gegen die großen Player anzukommen. Nicht zuletzt führt die hohe Nachfrage auch dazu, dass Finanzinvestoren die Zahlungsdienstleister immer mehr ins Visier nehmen.

Welche Teile von Wirecard genau für die potentiellen Käufer attraktiv sind, ist noch nicht deutlich. Die „Financial Times“ (FT) berichtet am Dienstag, dass im ersten Halbjahr 2017 rund 100 Kunden für die Hälfte des globalen Umsatzes verantwortlich gewesen sein. Laut internen Dokumenten soll Wirecard im Oktober 2017 rund 107.000 Kunden geführt haben.

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Wirecard-Töchter könnten noch in die Insolvenz rutschen

Insolvenzverwalter Jaffé erklärte derweil, dass derzeit nicht ausgeschlossen werde könne, dass auch Tochtergesellschaften von Wirecard in die Insolvenz rutschen. Die deutsche Wirecard Bank konnte sich bisher vor einer Insolvenz retten. Die Bafin bestellte einen Sonderbeauftragten, der dafür sorgt, dass kein Geld zu der Wirecard-Mutter fließt. „Auszahlungen an Händler und Kunden der Wirecard Bank werden ohne Einschränkungen ausgeführt.“ Der Insolvenzantrag der Wirecard Card Solutions konnte derweil am gestrigen Dienstag wieder aufgehoben werden.

Besonders prekär ist es, dass die Zerschlagung schnell gehen muss. „Der Insolvenzverwalter muss binnen drei Monaten eine Lösung finden, da in dieser Zeit noch das Insolvenzausfallgeld bezahlt wird. Andernfalls droht die Liquidation des Unternehmens“, sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität dem Handelsblatt. Schon kurz vor der Insolvenz sollen Businesspläne für den Verkauf des zum Beispiel profitablen US-Geschäfts ausgearbeitet wurden. Das Ganze könnte sich nun beschleunigen.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

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