Leveraged Finance: Tanz auf dem Vulkan?

Meinzahn/iStock/Getty Images Plus

09.07.19
Finanzierungen

Leveraged Finance: Tanz auf dem Vulkan?

Angetrieben von Milliardendeals wie Osram und Springer werden LBO-Finanzierungen für Private-Equity-Investoren wieder günstiger. Doch die neu entflammte Euphorie ist trügerisch.

Private-Equity-Übernahmen scheitern derzeit nicht an der Finanzierung. Dies machte Joachim Ringer gestern in Frankfurt vor Journalisten deutlich. Dem Investmentbanking-Chef der Credit Suisse für den deutschsprachigen Raum zufolge sind Banken bereit, große Übernahmen zu finanzieren.

Ein wichtiger Treiber am deutschen Markt für Leveraged Finance sei der sich manifestierende Trend unter Finanzinvestoren, Unternehmen von der Börse zu nehmen. „Sogenannte Public-to-Private-Transaktionen haben in Deutschland seit der Übernahme von Stada an Aufmerksamkeit gewonnen“, meint Ringer. Ins gleiche Horn stößt auch Erik Hummitzsch bei FINANCE-TV: „Public-to-Privates ziehen weltweit an. Auch in Deutschland erwarten wir im weiteren Jahresverlauf noch weitere Deals“, sagt der M&A-Experte von PwC. 

Osram, Springer und Metro treiben den Markt

Ringer ist nah dran am Geschehen, hat die Credit Suisse doch erst vor wenigen Tagen die Finanzierung für die beiden PE-Investoren Bain und Carlyle bei deren öffentlichem Übernahmeangebot für den Leuchtkonzern Osram arrangiert. Außerdem kündigte KKR an, beim Medienhaus Axel Springer einzusteigen, und der tschechische Investor Daniel Kretinsky bietet für die Handelskette Metro.

„Bieter und Finanzierer tolerieren bei öffentlichen Übernahmeangeboten inzwischen mehr, dass die Aktien nicht sofort vollständig angedient werden“, meint Ringer. Vor dem öffentlichen Übernahmeangebot für Stada sei es unüblich gewesen, Mindestannahmeschwellen auf unter 75 Prozent zu setzen. „Das hat sich verändert. Banken gehen dies auf der Finanzierungsseite inzwischen mit“, so Ringer.

„Bieter und Finanzierer tolerieren mittlerweile, dass Aktien nicht sofort vollständig angedient werden.“

Joachim Ringer, Investmentbanking Chef DACH, Credit Suisse

LBO-Finanzierungen werden wieder günstiger

Diese Milliardentransaktionen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das LBO-Volumen in Europa im ersten Halbjahr unter dem Strich unter dem Vorjahresniveau lag. Aus Private-Equity-Kreisen ist zu vernehmen, dass Ende vergangenen Jahres viele Finanzinvestoren laufende Verkaufsprozesse auf Eis gelegt haben, da sie ihre Preisvorstellungen nicht durchsetzen konnten. Viele Marktteilnehmer haben Ende 2018 angesichts des drohenden Brexits und Handelskriegs sowie der abkühlenden Konjunktur mit einer anhaltenden Marktkorrektur gerechnet. 

Die vorgelegten Zahlen der Credit Suisse unterstreichen jedoch die Ergebnisse des jüngsten FINANCE-Private-Equity-Midmarket-Monitors, demzufolge eine Marktkorrektur ausgeblieben ist. Im Gegenteil: Das durchschnittliche Kaufpreis-Multiple, das bei europäischen Buy-outs über das Jahr 2018 betrachtet bei 10,9x Ebitda lag, ist nicht gesunken. Damit sind Buy-outs inzwischen sogar teurer als vor der Finanzkrise – im Jahr 2008 wurde der Markt mit 9,7x Ebitda bewertet.

Und auch die Leveraged-Finance-Indizes der Credit Suisse deuten darauf hin, dass sich die Stimmung am Leveraged-Finance-Markt seit vergangenem Winter wieder gehoben hat. So lag der Euro-High-Yield-Index für B-geratete Unternehmen im Juni wieder bei einer durchschnittlichen Rendite von rund 5,5 Prozent. Im Januar war dieser zwischenzeitlich auf rund 8 Prozent angestiegen. Im BB-Ratingsegment ist der Index im gleichen Zeitraum von 4,1 auf 2,4 Prozent gesunken. Die Finanzierungskonditionen für LBOs sind also wieder wesentlich freundlicher als zu Jahresbeginn.

Leverage wieder so hoch wie vor der Finanzkrise

Trotz des freundlichen Klimas gibt es aber auch Warnsignale aus dem Leveraged-Finance-Markt: Der durchschnittliche Leverage von europäischen Buy-outs lag der Credit Suisse zufolge 2018 bei 5,4x Ebitda und damit wieder auf dem Niveau von vor der Finanzkrise. Viele Finanzinvestoren finanzieren ihre Übernahmen noch aggressiver: „Rund 40 Prozent aller globalen und europäischen Buy-outs sind derzeit mit 7x oder höher gelevert“, meint der Leveraged-Finance-Experte der Credit Suisse, Jonas Jepp. 

Hinzu kommt: Die gewagten Finanzierungskonstruktionen fordern zusehends ihren Preis. Die Anzahl von Private-Equity-Investoren, die Portfoliounternehmen verlieren, wächst. Jüngstes Beispiel dafür ist Ardian, dessen süddeutsches Portfoliounternehmen Weber Automotive gestern Insolvenz anmelden musste

„Rund 40 Prozent aller globalen und europäischen Buy-outs sind derzeit mit 7x oder höher gelevert.“

Jonas Jepp, Director, Credit Suisse

In den Wochen davor musste der niederländische Finanzinvestor Gilde sogar bei zwei seiner deutschen Portfoliounternehmen die Schlüssel an die Banken abgeben: Der Zeltbauer Losberger krankt an einer zu hohen Verschuldung und einer misslungenen Buy-and-Build-Strategie, der Tiefkühllieferant Eismann unter einem beinharten Wettbewerb. Und auch der bekannte Midcap-Investor Triton läuft Gefahr, seinen Anlagenbauer Kelvion zu verlieren.

FINANCE-Leser-Voting: Startet in diesem Jahr die große Restrukturierungswelle im deutschen Private-Equity-Sektor?

Restrukturierungswelle bei Private Equity?

Nach Jahren der Flaute stellt sich die deutsche Restrukturierungsbranche vor diesem Hintergrund wieder auf eine stärker werdende Auftragslage ein. Dafür bringen sich manche Häuser schon in Stellung, etwa der internationale Beratungskonzern FTI, der vor knapp zwei Wochen die Restrukturierungsberatung Andersch übernahm. 

„Wir sehen deutlich mehr Anfragen für Restrukturierungsmandate.“

Norbert Schmitz, Managing Director, GCA Altium

Und auch Corporate-Finance-Berater wie GCA Altium finden mahnende Worte: „Wir sehen deutlich mehr Anfragen für Restrukturierungsmandate. Das wird zunehmen, vor allem im Automotive-Sektor“, meint Managing Director Norbert Schmitz. 

Von einer „Restrukturierungswelle“ will der Berater zwar noch nicht sprechen, und die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Unternehmen sei am M&A-Markt nach wie vor hoch. In kritischen Branchen wie Automotive oder Retail würden Verkaufsprozesse jedoch immer schwieriger werden.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de