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Gerry Weber braucht frisches Geld

Der Modehandel ist wegen der Corona-Pandemie unter Druck. Gerry Weber sichert sich deshalb nun frisches Cash.
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Der anhaltende Corona-Lockdown setzt dem Modekonzern Gerry Weber zu: Das Unternehmen aus dem westfälischen Halle erhält mindestens 5 Millionen Euro zusätzliche Liquidität. Im besten Fall fließen 6 Millionen Euro frisches Geld in die Kasse von CFOFlorian Frank, der zugleich als Chief Restructuring Officer (CRO) des Modehändlers fungiert.

„Aufgrund der Ungewissheit, die die Covid-19-bedingten Schließungen in Deutschland mit sich bringen, ist die Gesellschaft proaktiv auf ihre Gläubiger zugegangen, um ihre Liquidität zu stärken und den zuvor eingeschlagenen erfolgreichen Turnaround fortzusetzen“, erklärte Finanzchef Frank.

Eine Sprecherin des Unternehmen ergänzte auf Anfrage von FINANCE, dass es sich um eine „vorsorgliche“ Liquiditätsaufnahme handele, da derzeit nicht absehbar sei, wie lange der Lockdown – und damit die Ladenschließungen – noch dauern. Die Gefahr einer erneuten Insolvenz bestünde derzeit aber nicht, Gerry Weber sei bis 2023 durchfinanziert. Man gehe davon aus, das zusätzlich aufgenommene Geld planmäßig zurückzahlen zu können.

Anleihegläubiger sollen Geld nachschießen

Dass noch unsicher ist, mit wie viel frischem Cash Gerry Weber genau rechnen kann, liegt an der komplexen Struktur der Finanzierung. Das Unternehmen hat eine neue, besicherte Kreditfazilität über 12 Millionen Euro abgeschlossen. In diesem Rahmen erhalten die Gläubiger der bis 2023 laufenden Anleihe die Möglichkeit, ihre Papiere in eine Kreditbeteiligung zu tauschen – allerdings nur, wenn sie auch zusätzliches Cash in gleicher Höhe zur Verfügung stellen.

Konkret sieht das so aus: Jeder Bondgläubiger, der Anleihen im Wert von mindestens 100.000 Euro hält, kann sich mit mindestens 200.000 Euro an dem Kredit beteiligen. Um den Geldgebern diesen Deal schmackhaft zu machen, bietet Gerry Weber im Gegenzug eine vollständige Besicherung des Kredits an. Die Anleihe ist dagegen unbesichert.

Gerry Weber sichert sich Unterstützung der Aktionäre

Mit welchen Assets der Kredit besichert ist, wollte die Sprecherin auf Anfrage nicht erklären. Nur so viel: Die Besicherungsstruktur sei die gleiche wie beim Term Loan und der Betriebsmittellinie (RCF). Auch zur Höhe der Verzinsung wollte sie keine Angaben machen. Die Anleihe wird mit derzeit mit 4 Prozent und im letzten Jahr der Laufzeit mit 5 Prozent verzinst.

Damit Gerry Weber unabhängig von der Entscheidung der Bondgläubiger frisches Geld bekommt, haben die drei Großaktionäre des Unternehmens – Robus Capital, Morrigan Lending Designated Activity (ein Fonds von Whitebox) und JP Morgan – zugesagt, insgesamt 5 Millionen Euro beizusteuern. Für den Fall, dass die Bondgläubiger das Angebot vollständig annehmen, fließen Gerry Weber 6 Millionen Euro neues Cash zu. Sollten mehr Anleiheinhaber ihre Papiere umtauschen als für die Erreichung der 12 Millionen Euro notwendig, wird das Unternehmen die Angebote anteilig erfüllen.

Wie viel Cash hat Gerry Weber noch?

Wie dringend Gerry Weber das frische Geld braucht, ist unklar. Zum Ende des dritten Quartals wies der Modekonzern eine Cash-Position von 74 Millionen Euro aus, der Cashflow im operativen Geschäft zwischen Juli und September war damals mit 11 Millionen Euro positiv. Für das vierte Quartal, als der zweite Lockdown in Deutschland begann, hat das Unternehmen allerdings noch keine Zahlen veröffentlicht. Und im ersten Quartal 2021 dürften die Ostwestfalen bisher deutlich mehr Cash verbrannt als eingenommen haben.

Gerry Weber hatte erst Anfang 2020 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung abgeschlossen, war durch die Corona-Pandemie aber erneut in Bedrängnis geraten.  Im vergangenen Sommer musste der Insolvenzplan daher nochmal aufgeschnürt werden – ein ungewöhnlicher Schritt. Die Gläubiger erklärten sich damals bereit, einen Teil ihrer Forderungen bis 2023 zu stunden. Im vergangenen Oktober kehrte Gerry Weber dann an den Kapitalmarkt zurück. 

FINANCE-Köpfe

Florian Frank, Gerry Weber International AG

Florian Frank beginnt seinen beruflichen Werdegang im Jahr 2000 als Assistant Manager Corporate Restructuring bei KPMG in Düsseldorf und Hamburg. Zu seinen Aufgaben gehören Audits insbesondere im Einzelhandelssektor. 2006 wechselt er zu Hanse Management Consulting in Hamburg und ist dort vier Jahre als Projektleiter Restrukturierung und Ertragssteigerung mit Schwerpunkt auf den Handels- und Bausektor tätig. Ab Juli 2010 ist er bei Dr. Wieselhuber & Partner in Hamburg verantwortlich für Restrukturierung und Performance Improvement.

Im Rahmen seiner betreuten Mandate wird Florian Frank mehrfach als CFO und Chief Restructuring Officer (CRO) eingesetzt. Seit Oktober 2018 ist er als CRO und Mitglied des Vorstands bei dem insolventen Modekonzern Gerry Weber in Halle/Westfalen tätig. Dort ist er für die Entwicklung und Umsetzung aller operativen Maßnahmen der Restrukturierung und der Performance-Verbesserung im Unternehmen verantwortlich.

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Gerry Weber leidet unter Corona

Im Zuge der Ankündigung, frisches Cash aufzunehmen, bestätigte Gerry Weber auch die Erwartungen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2020. Man gehe unverändert von einem Konzernumsatz zwischen 260 und 280 Millionen Euro aus. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) werde einen negativen mittleren zweistelligen Millionenbetrag erreichen. Finale Zahlen für 2020 veröffentlicht der Modehändler Ende März.

Auch für das laufende Geschäftsjahr 2021 dürfte Gerry Weber Verluste einfahren: Das Ebitda werde sich zwar „voraussichtlich deutlich verbessern, aber weiterhin einen negativen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag erreichen“. Für den Konzernumsatz rechnet Gerry Weber mit der gleichen Spanne wie 2020.

desiree.buchholz[at]finance-magazin.de

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Desirée Buchholz ist Redakteurin bei FINANCE und Leitende Redakteurin der Schwesterpublikation DerTreasurer. Seit 2014 moderiert sie beim Web-TV-Sender FINANCE-TV. Desirée Buchholz hat einen Masterabschluss im Fach International Business and Economics und schrieb während des Studiums als freie Journalistin unter anderem für das Handelsblatt sowie die Wirtschaftsmedien von Gruner + Jahr.

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