Telecolumbus

17.08.18
Finanzierungen

Großinvestoren flüchten aus Tele Columbus

Die großen Investoren von Tele Columbus nehmen reihenweise Reißaus und bringen den Aktienkurs von Deutschlands drittgrößtem Kabelnetzbetreiber zum Absturz. Alle fürchten sich vor Anfang September.

Großinvestoren flüchten scharenweise aus der Aktie von Tele Columbus. Gestern nach Börsenschluss gab der Kabelnetzbetreiber bekannt, dass der US-Finanzinvestor The Capital Group seinen Anteil von 9,2 auf 3,8 Prozent reduziert hat. Auch der Smallcap-World-Fund aus Baltimore hat massiv Tele Columbus-Aktien auf den Markt geworfen und seine Beteiligung von 4,5 auf unter 2 Prozent gekappt. Zu Wochenbeginn hatte Tele Columbus bereits gemeldet, dass der US-Investor James Dinan von 4,2 auf 2,9 Prozent reduziert hat.

Ausverkauf zerreißt Aktie von Tele Columbus

Derzeit erschüttert eine massive Verkaufswelle die Tele Columbus-Aktie.  Seit Anfang August verzeichnet Xetra außergewöhnlich hohe Handelsumsätze in der Aktie, und der Kurs steht schwer unter Druck. Allein seit Monatsbeginn stürzte das Papier von 5,20 Euro auf Werte von nur noch knapp über 3 Euro ab. Im März notierte die Tele-Columbus-Aktie noch bei fast 10 Euro. Heute geht es erneut deutlich bergab.

Tele Columbus verschiebt Halbjahresbericht

Den Grund für die Anlegerpanik lieferte Tele Columbus selbst. Am vergangenen Freitag zu später Stunde gaben die Berliner über ihre Internetseite in drei dünnen Sätzen bekannt, dass sie die für den folgenden Dienstag geplante Präsentation der Halbjahreszahlen auf September verschieben müssen. Als Grund nannte die Firma „die Finalisierung des Integrationsprojekts“. 

Tatsächlich hat Tele Columbus die beiden Wettbewerber Primacom und Pepcom übernommen – allerdings schon 2015. Inzwischen ist bekannt, dass bei der Integration der Zukäufe massive Schwierigkeiten aufgetreten sind. Mit diesen begründete der Kabelnetzbetreiber im Mai auch eine Umsatz- und Gewinnwarnung. Diese kam am Markt vor allem deshalb schlecht an, weil Tele Columbus erst wenige Wochen zuvor eine Anleihe über 650 Millionen Euro platziert hatte. Den Investoren hatte das Management das Ausmaß der Integrationsprobleme damals nicht mitgeteilt. 

FINANCE-Köpfe

Frank Posnanski, Tele Columbus AG

Posnanski startet seine Karriere bei dem Handelskonzern Metro in Köln und führt sie bei dem Logistiker Schenker in Essen fort. In beiden Unternehmen ist er in verschiedenen Positionen im Bereich Controlling tätig. Mit einem Wechsel zu Berentzen steigt Posnanski zum Head of Controlling auf, bevor er als Director of Shared Services und Head of Controlling Europe zu Johnson Electric wechselt. Von 2006 bis 2008 führt er schließlich die Bereiche Controlling und Anlagenbuchhaltung beim Kabelnetzbetreiber Kabel BW in Heidelberg.

Anschließend übernimmt er von Ende 2008 bis Ende 2009 bei dem Medizintechnikhersteller Pulsion in Feldkirchen seine erste CFO-Position. Bei seiner nächsten Karrierestation Digital Identification Solutions, einem Lösungsanbieter im Bereich der digitalen Personenidentifikation, agiert Posnanski von Januar 2010 bis Juni 2011 als CFO. Anschließend wechselt er in gleicher Funktion zu dem Kabelnetzbetreiber Tele Columbus, den er im Jahr 2015 an die Börse führt. Im Frühjahr 2018 kündigt Frank Posnanski seinen Abschied von den Berlinern an.

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Bereitet Tele Columbus ein Kitchen Sinking vor?

Nun kursiert unter den Tele-Columbus-Investoren und -Analysten die Vermutung, dass das neue Management gerade ein „Kitchen Sinking“ vorbereitet, also das gesamte Unternehmen nach möglichen Altlasten durchkämmt.

Die Ausgangslage dafür wäre zumindest personell vorhanden. Im vergangenen Jahr kam Timm Degenhardt als designierter neuer CEO, zum Jahreswechsel übernahm er das Amt. Im April kündigte dann Finanzchef Frank Posnanski seinen Rückzug an und übergab den CFO-Posten an seinen Controlling-Chef Eike Walters. Zuvor hatte Posnanski noch ein millionenschweres Aktienpaket abgestoßen. Anfang September werden Degenhardt und Walters das ganze Ausmaß der Probleme ans Licht bringen, glauben viele Marktteilnehmer – und dabei womöglich die zu hohen Gewinnerwartungen des Marktes sowie aufgeblähte Bilanzposten bereinigen.

Trifft dies zu, könnte es ein unruhiger Herbst für die Berliner werden, denn schon jetzt ist Tele Columbus mit über 5x Ebitda sehr hoch verschuldet. Einige Investoren sorgen sich bereits, dass ein Rückgang  des operativen Gewinns den Leverage auf Höhen treiben könnte, bei denen sogar Covenants aus Kreditverträgen in Gefahr geraten könnten, berichtet ein Analyst gegenüber FINANCE. Welche Schwellenwerte in den Kreditklauseln festgeschrieben sind, hält das Unternehmen unter Verschluss. 

Die gerade erste begebene Anleihe bröckelt ab

Auch die Eigenkapitalposition ist prekär. Zwar wies Tele Columbus Ende März noch eine Eigenkapitalquote von fast 25 Prozent aus. Allerdings bilanzieren die Berliner immaterielle Vermögenswerte von fast 1,4 Milliarden Euro. Das entspricht nahezu dem dreifachen Wert des Eigenkapitals. Darin enthalten ist auch der Goodwill aus den Akquisitionen von Pepcom und Primacom.

Sollten CEO Degenhardt und der erst seit wenigen Wochen amtierende Finanzchef Walters im Zuge eines Kitchen Sinkings tatsächlich die Wertansätze von Pepcom und Primacom deutlich korrigieren müssen, würde dies an der Eigenkapitalbasis des gesamten Konzerns zehren.

Diese Sorge belastet auch den Kurs der gerade erst begebenen Anleihe, die nur vier Monate nach der Platzierung schon auf 91 Prozent ihres Nennwerts nachgegeben hat. Auch hier ereignete sich der Großteil des Kursrutschs in dieser Woche. 

Wie reagiert Großaktionär United Internet?

Nun richtet sich der Blick einiger Tele-Columbus-Investoren in Richtung Montabaur. Dort sitzt der mit Abstand größte Aktionär von Tele Columbus, United Internet. Der TecDax-Riese ist im Februar 2016 bei den Berlinern eingestiegen und hält inzwischen 28,5 Prozent. Das Kabelnetz und die Kundenzugänge zu zahllosen Hausverwaltungen und Immobilienkonzernen, über die Tele Columbus verfügt, haben das strategische Interesse von United-Internet-Chef Ralph Dommermuth geweckt. Nun könnte er günstig zuschlagen und den Kurssturz nutzen, um sich die Mehrheit an Deutschlands drittgrößtem Kabelnetzbetreiber zu sichern, lautet eine derzeit kursierende Spekulation. 

Die Bilanzsituation ist prekär: Die immateriellen Vermögenswerte übersteigen das Eigenkapital um mehr als das Doppelte.

Doch die Sache hat drei Haken: Erstens dürfte auch für den Großaktionär die aktuelle Situation von Tele Columbus unübersichtlich sein. Zweitens verdaut United Internet gerade erst die Übernahme des Mobilfunkers Drillisch aus dem vergangenen Jahr. Und drittens würden die Westerwälder den übrigen Tele-Columbus-Aktionären einen üppigen Kursaufschlag bezahlen müssen, selbst wenn sie jetzt ein Übernahmeangebot lediglich zum regulatorischen Minimum lancieren würden. Dies wäre der Durchschnittskurs der zurückliegenden drei Monate. 

Platzen die M&A-Träume von Tele Columbus?

Hinzu kommt: Eine opportunistisch eingefädelte Übernahme wäre für United Internet nicht so ohne weiteres zu stemmen. Noch immer bringt es Tele Columbus auf eine Marktkapitalisierung von rund 450 Millionen Euro – ohne Übernahmeprämie. Hinzu kommen noch Nettofinanzschulden von fast 1,4 Milliarden Euro.

Und dann müsste wohl auch noch frisches Geld in das Unternehmen gepumpt werden, wenn sich die M&A-Hoffnungen der Berliner erfüllen sollen. Tele Columbus sieht sich als drittgrößter deutscher Kabelnetzanbieter in einer guten Position, von dem geplanten Zusammengehen der beiden Marktführer Kabel Deutschland und Unitymedia profitieren zu können. Schließlich ist es wahrscheinlich, dass die beiden Fusionspartner für den Erhalt der kartellrechtlichen Genehmigung Unternehmensteile verkaufen müssten. Tele Columbus könnte dann günstig Zugriff auf wertvolle Netze und Kundenzugänge bekommen. Doch dem natürlichen Käufer scheint gerade finanziell die Puste auszugehen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de