Der Zahlungsdienstleister Wirecard wartet immer wieder mit neuen Hiobsbotschaften auf. Nun scheinen die 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten sein sollten, tatsächlich nicht zu existieren.

Wirecard

22.06.20
Finanzierungen

Wirecard: 1,9 Milliarden Euro existieren wohl nicht

Was sich angedeutet hatte, wird nun immer wahrscheinlicher: Wirecard muss wohl fast 2 Milliarden Euro aus der Bilanz streichen. Um das Geschäft zu retten, setzt der Zahlungsdienstleister nun alle Hebel in Bewegung.

Bei Wirecard jagt eine schlechte Nachricht die nächste: Nun hat der Vorstand mitgeteilt, dass die Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“. Es waren eben diese fast 2 Milliarden Euro, über die Wirtschaftsprüfer EY gestolpert war und weswegen die Gesellschaft dem Zahlungsdienstleister vor wenigen Tagen vorerst das Testat verweigerte. Diese Nachricht löste ein Beben und einen dramatischen Kurssturz aus.

Wirecard müsse nun „die Annahmen über die Verlässlichkeit der Treuhandbeziehungen in Frage stellen“, erklärt das Unternehmen weiter. Der Verdacht, dass die 1,9 Milliarden Euro auf den Treuhandkonten womöglich nicht existierten, erhärtete  sich bereits am Freitag, als die beiden Banken BDO Unibank und die Bank of the Philippine Islands (BPI), bei denen die Guthaben liegen sollten, laut der Nachrichtenagentur Bloomberg jede Geschäftsbeziehung mit Wirecard abstritten. Kurz darauf trat auch CEO Markus Braun zurück.

Wirecard zieht kommunizierte Geschäftszahlen zurück

Die 1,9 Milliarden Euro – immerhin etwa ein Viertel der gesamten Bilanzsumme – hatte Wirecard auf der Aktivseite der Bilanz gebucht. Das Fehlen einer derart hohen Summe dürfte das Zahlenwerk von Wirecard stark belasten. Der Zahlungsdienstleister nimmt zum einen die Einschätzung des vorläufigen Ergebnisses des Geschäftsjahres 2019 zurück, für das ein Umsatz bei 2,8 Milliarden Euro (ein Plus von 38 Prozent zum Vorjahr) und ein Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 785 Millionen Euro (plus etwa 40 Prozent) kommuniziert wurde.

Ebenso zieht Wirecard das vorläufige Ergebnis des ersten Quartals 2020 (Umsatz: 700 Millionen Euro, Ebitda: knapp 200 Millionen Euro) zurück. Auch die Ebitda-Prognose 2020 und die „Vision 2025“ zu Transaktionsvolumen, Umsatz und Ebitda, die Wirecard im Oktober 2019 kommunizierte, gelten nicht mehr. „Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden“, heißt es weiter.

Wirecard spricht noch mit den Banken

Derweil hat Wirecard noch auf einer anderen Baustelle zu kämpfen: Nach wie vor ist unklar, ob Banken dem Zahlungsdienstleister Kredite in Höhe von rund 2 Milliarden Euro kündigen werden. Dass diese Möglichkeit besteht, davor hatte Wirecard gewarnt, sollten bis zum 19. Juni keine testierten Zahlen vorliegen – was nicht geschehen ist. 

Wirecard hat nun mitgeteilt, man stehe „weiterhin in konstruktiven Gesprächen mit seinen kreditgebenden Banken hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung, inklusive hinsichtlich einer Ende Juni bevorstehenden Verlängerung der bestehenden Ziehung“.

Parallel dazu prüfe man gemeinsam mit der Investmentbank Houlihan Lokey Möglichkeiten für „eine nachhaltige Finanzierungsstrategie“. Für Wirecard wird es immer schwieriger und teurer, sich zu finanzieren: Moody's hat nun das Rating für Wirecard zurückgezogen. Vor wenigen Tagen erst hat die Ratingagentur Moody’s das Unternehmen direkt um sechs Stufen auf B3 – und damit auf Ramschniveau – herabgestuft. Bereits Anfang Juni drohte Moody’s mit einer Herabstufung in den Junk-Bereich.  

Moody’s fürchtet raschen Kundenverlust

Das Downgrade begründete Moody’s mit den Bilanzunregelmäßigkeiten und den damit zusammenhängenden Folgen für die Liquidität des Unternehmens. Ein hohes Risiko sieht Moody’s jetzt darin, dass Wirecard aufgrund eines Vertrauensverlusts rasch Kunden verlieren könnte.

Neben einer Verlängerung der Kreditlinien prüft Wirecard weitere Maßnahmen, um „eine Fortsetzung des Geschäftsbetriebs zu gewährleisten“, wie es heißt. Dazu gehören Kostensenkungen sowie Umstrukturierungen, Veräußerung oder Einstellungen von Unternehmensteilen und Produktsegmenten.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Der Zahlungsdienstleister ist tief in die Krise gestürzt. Verfolgen Sie die ganze Historie auf unserer Themenseite zu Wirecard. Immer wieder sorgen Unternehmen mit Unregelmäßigkeiten in der Bilanz für Schlagzeilen. Mehr über Bilanzskandale finden Sie auf unserer Themenseite.