Die US-Ratingagentur Moody's nimmt die Bonität des Zahlungsdienstleisters Wirecard genauer unter die Lupe.

Wirecard

03.06.20
Finanzierungen

Moody’s stellt Rating von Wirecard auf den Prüfstand

Die US-Ratingagentur Moody’s hat das Rating von Wirecard unter Beobachtung gestellt – es droht eine Herabstufung in den Junk-Bereich.

Schon wieder schlechte Nachrichten für Wirecard: Nachdem der Zahlungsdienstleister in der vergangenen Woche seine Bilanzvorlage erneut verschieben und dafür heftige Kritik einstecken musste, droht den Münchenern nun auch noch ein Rating-Downgrade.

Wie die US-Ratingagentur Moody’s mitteilte, hat sie die Ratings für den gesamten Konzern sowie für die 500 Millionen Euro schwere Unternehmensanleihe auf „unter Beobachtung für eine Herabstufung“ gesetzt. Der Ausblick wurde von „stabil“ auf „under review“ geändert. Die Ratingagentur sieht anhaltende Unsicherheiten „in Bezug auf die Vorwürfe über betrügerische Rechnungslegungspraktiken“ als ein Risiko.

Die Bonität des Unternehmens sowie die der Anleihe bewertet Moody’s derzeit mit Baa3 und demnach auf der untersten Stufe des Investmentgrade. Damit ist Wirecard nur einen Notch vom Junk-Status entfernt – und könnte so durch ein Downgrade in den Non-Investmentgrade-Bereich rutschen.

Moody’s wartet auf Wirecard-Bilanz

Im Kern sieht die Ratingagentur drei Faktoren, die über die weitere Rating-Entwicklung entscheiden: Ein wichtiger Faktor wird der Konzernabschluss sein, den EY prüft und dessen Vorlage sich bereits mehrfach verzögert hat. Auch auf den von KPMG erstellten Sonderbericht, dessen finale Fassung derzeit entsteht, will die Agentur ein Auge werfen. Sollten darin Fragen offenbleiben, könnte dies das Rating unter Druck setzen.

Insbesondere zu dem wenig transparenten, aber hochkonzentrierten Drittpartnergeschäft von Wirecard erwartet Moody’s weitere Aufklärung. An den Umsätzen dieses Drittpartnergeschäfts hatten Kritiker wiederholt Zweifel angemeldet. Die mangelnde Kooperationsbereitschaft der „Third Party Acquirer“ nannte KPMG explizit als Untersuchungshemmnis bei seiner jüngsten Sonderprüfung. Dadurch konnten die Sonderprüfer zahlreiche bilanzrelevante Geschäfte zwischen Wirecard und diesen Anbietern nicht verifizieren.

Wie steht es um Wirecards Compliance?

Der zweite Aspekt, den Moody’s bei seiner Überprüfung in den Fokus rücken will, sind die internen Compliance- und Risikomanagement-Systeme. Schon im vergangenen Jahr hätten mögliche Compliance-Risiken das Rating belastet – damals wirkte sich Moody’s zufolge aber positiv auf das Rating aus, dass Wirecards Geschäft von einem „profitablen Wachstum“ sowie einem „relativ niedrigen Leverage“ profitierte, schreibt die Agentur.

Bei Governance, Compliance und Risikomanagement sieht Moody’s jedoch immer noch Risiken. Da die Veröffentlichung eines testierten Konzernabschlusses für 2019 mehrfach verschoben wurde und auch der KPMG-Report Wirecard nicht vollständig entlastet hat, fürchtet Moody’s, dass sich bestehende Kunden nun aus Reputationsgründen von Wirecard abwenden könnten.

Bilanzvorlage wird entscheidend

Im Gegensatz zum vergangenen Jahr kann Wirecard derzeit auch nicht mehr auf Auftrieb aus dem generellen Geschäftsumfeld hoffen: Das Geschäftsmodell ist nach Einschätzung von Moody’s – ebenso wie das zahlreicher weiterer deutscher Unternehmen – stark von der Coronavirus-Krise betroffen. Wirecard sei stark abhängig von Zahlungsflüssen in der Reise- und Mobilitätsindustrie, die mit am heftigsten von den Lockdown-Maßnahmen getroffen wurde. Der wirtschaftliche Einbruch im Tourismussektor könne daher auch die Umsätze von Wirecard „bedeutend“ belasten, folgern die Analysten.

Die Fähigkeit, in dem schwierigen Wirtschaftsumfeld weiterhin stabile Wachstumsraten zu erzielen, ist daher der dritte Faktor, den Moody’s bei der Ratingüberprüfung ins Visier nehmen will. Beispielsweise darf der Leverage nicht den Faktor 3x Ebitda übersteigen und sich die Liquiditätslage des Zahlungsdienstleisters nicht erheblich verschlechtern.

Für Wirecard wird das Ergebnis der Bilanzprüfung durch EY daher immer wegweisender. Als aktueller Veröffentlichungstermin wird der 18. Juni angepeilt. Doch die Zeit des Wartens ist anhaltend unruhig. So droht Vorstandschef Markus Braun juristischer Ärger mit Finanzaufsicht, nachdem er vergangene Woche für 2,5 Millionen Euro Wirecard-Aktien erworben hatte. Die Vorschriften sehen vor, dass Vorstände vier Wochen vor der geplanten Veröffentlichung eines Finanzberichts nicht in den Papieren des eigenen Unternehmens handeln dürfen.

DWS senkt Wirecard-Beteiligung

Daneben wurde gestern nach Börsenschluss auch noch bekannt, dass die DWS sich von Wirecard abwendet. Deren Fondsmanager Tim Albrecht hatte im vergangenen Herbst hohe Wetten auf Wirecard abgeschlossen und die Aktie in mehreren von ihm gemanagten Deutschlandfonds bis zu siebenfach übergewichtet und den maximalen Anteil am Gesamtfonds von 10 Prozent fast komplett ausgeschöpft. Nun hat die DWS ihren Anteil an Wirecard auf unter 3 Prozent gesenkt.

Nach der Veröffentlichung des Moody's-Reports am gestrigen Nachmittag sackte der Kurs der Wirecard-Aktie um fast 5 Prozent ab und fiel in die Nähe der 90-Euro-Marke.

Mehr über den Zahlungsdienstleister erfahren Sie auf unserer Themenseite zu Wirecard. Mehr über die Karriere des Wirecard-CFOs erfahren Sie auf dem FINANCE-Köpfe-Profil von Alexander von Knoop.