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Restrukturierungsnews: Insolvenzzahlen 2022, Prophete, Compleo

Die Zahl an Großinsolvenzen ist 2022 um knapp zwei Drittel im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Foto: Axel Bueckert - stock.adobe.com

Zahl an Großinsolvenzen stieg 2022 deutlich

2022 gab es deutlich mehr Großinsolvenzen als im Vorjahr. Die Zahl der Insolvenzen von Unternehmen ab 20 Millionen Euro Umsatz stieg um 61 Prozent, wie Daten der Restrukturierungsberatung Falkensteg zeigen, die FINANCE exklusiv vorab erhalten hat. 2021 lag die Zahl der Großinsolvenzen noch bei 72, 2022 stieg sie auf 122. Inklusive 92 Insolvenzen in der Größenordnung von 10 bis unter 20 Millionen Umsatz kletterte die Zahl an größeren Unternehmensinsolvenzen in Deutschland damit von 163 auf 214, ein Zuwachs um ein knappes Drittel.

Besonders betroffen ist laut den Falkensteg-Daten die Elektrotechnikbranche, dort hat sich die Zahl der Insolvenzen ab 10 Millionen Euro Umsatz mehr als verdoppelt. Während es 2021 nur elf Insolvenzen in dem Sektor gegeben hatte, waren es im vergangenen Jahr 23 Insolvenzen. Auch bei den Automobilzulieferern gab es einen Zuwachs, dort spricht Falkensteg-Partner Tillmann Peeters von einer „Dauerkrise aufgrund des tiefgreifenden Transformationsprozesses“.

Grundsätzlich sieht Peeters aber nach wie vor keine Insolvenzwelle in Deutschland, der Falkensteg-Berater spricht stattdessen von einer „Normalisierung auf das Niveau vor Corona.“

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Fahrradhersteller Prophete ist insolvent

Das Traditionsunternehmen Prophete aus Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) ist insolvent. Der Hersteller von Fahrrädern und E-Bikes hatte am 20. Dezember sowohl für die Muttergesellschaft als auch für die Tochter Cycle-Union Insolvenz anmelden müssen. Was die Gründe für die Krise bei Prophete sind, ist bisher nicht bekannt.

Als vorläufiger Insolvenzverwalter ist Manuel Sack (Brinkmann und Partner) eingesetzt. Das Familienunternehmen Prophete beschäftigt insgesamt rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und machte im Geschäftsjahr 2020/2021 einen Umsatz von rund 101 Millionen Euro. Gegründet wurde es bereits 1908.

Compleo muss in die Eigenverwaltung

Auch Compleo Charging Solutions befindet sich in der Krise. Der Hersteller von Ladesäulen und Wallboxen für Elektroautos hatte kurz vor Weihnachten Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden müssen. Als Grund hat das börsennotierte Unternehmen angegeben, dass Gespräche mit potenziellen Investoren und Stakeholdern über die kurzfristige Bereitstellung zusätzlicher Finanzierungsmittel gescheitert seien. Die Zahlungsfähigkeit von Compleo sei damit „nicht nachhaltig gewährleistet“. Betroffen von der Insolvenz ist auch die Tochter Compleo Charging Technologies GmbH.

Gut sieht es nicht aus für Compleo, in einer Mitteilung kurz vor der Einleitung des Insolvenzverfahrens teilte das Unternehmen mit, die „positive Fortführung des Unternehmens“ sei „nicht mehr überwiegend wahrscheinlich“. Laut Compleo behalten aber sowohl der CFO als auch der CEO des Unternehmens ihre Vorstandsposten. Unterstützt wird der Vorstand in der Sanierung von Jochen Sedlitz (Grub Brugger) als Generalbevollmächtigtem. Zum vorläufigen Sachwalter ist Martin Lambrecht (Lambrecht) bestellt.

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Die Strohhekerschulz-Unternehmensgruppe muss sich sanieren. Der Werkzeughersteller aus Baden-Württemberg hat am vergangenen Montag Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Über die konkreten Ursachen für die Eigenverwaltung teilte PwC Legal, die Strohhekerschulz in der Sanierung beraten, nichts mit. Als vorläufiger Sachwalter ist Philipp Grub (Grub Brugger) eingesetzt.

Distressed M&A-Deals

Für das insolvente Medizintechnikunternehmen Magforce ist ein Käufer gefunden. Es wird von einer ausländischen Unternehmensgruppe übernommen, genaueres über den Käufer ist nicht bekannt. Durch den Verkauf gebe es die Möglichkeit, die von Magforce entwickelte Nanopartikel-Technologie weiterzuentwickeln und auf dem Markt zu etablieren, so Tim Bauer, Projektleiter bei der Kanzlei Enomyc, die Magforce zuletzt bei der Investorensuche unterstützt hatte. Als Insolvenzverwalter fungierte Rüdiger Wienberg (HWW Hermann Wienberg Wilhelm).

Das Entsorgungsunternehmen Remondis steigt bei den insolventen Stadtwerken Bad Belzig ein. Die Stadtwerke werden in einer Public Private Partnership von der Stadt Bad Belzig und Remondis übernommen, die Stadt bleibt mit 51 Prozent Mehrheitseigner der Stadtwerke. Diese waren wegen drastischer Fehlspekulationen in Millionenhöhe in wirtschaftliche Misere geraten und hatten Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden müssen. Das Insolvenzverfahren kann laut dem Sanierungsspezialisten Christoph Weber (BBL) aufgehoben werden, falls keine der Gläubiger gegen den Insolvenzplan Rechtsmittel einlegen. Als Sachwalter agierte Jürgen Spliedt (Spliedt).

Für den insolventen Automobilzulieferer Bukuma wurde eine Investorenlösung gefunden. Das auf  Restrukturierungen spezialisierte Unternehmen Restart übernimmt den Zulieferer mit seiner auf Automotive ausgerichteten Beteiligung Heinze Solutions im Rahmen einer übertragenden Sanierung. Restart will alle 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter beschäftigen. Als Insolvenzverwalter agierte Stefan Meyer (Pluta). Im Laufe des Sanierungsverfahrens habe sich die Umsatz- und Auftragslage von Burkuma im Vergleich zu den Vorjahren in beiden Geschäftsbereichen (Automotive und Baumaschinen) deutlich verbessert.

Das Land Hessen übernimmt die insolvente Höchster Porzellanmanufaktur. Die Hochschule für Gestaltung Offenbach wird den Betrieb der zweitältesten Porzellanmanufaktur Deutschlands mit einem neuen Konzept weiterführen und damit das handwerkliche und künstlerische Know-how für Forschung und Lehre nutzen. Geplant ist die Gründung eines „Institute for Advanced Material Studies“. Die Hochschule will einen Teil der Beschäftigten übernehmen. Ein privatwirtschaftlicher Weiterbetrieb der Manufaktur sei laut Insolvenzverwalter Frank Schmitt (Schultze & Braun) nicht möglich gewesen, Gespräche mit anderen potentiellen Investoren nicht erfolgreich verlaufen.

Beendete Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Das Bühnentechnik-Unternehmen Salzbrenner Media hat seine Insolvenz in Eigenverwaltung mit einem positiven Ergebnis beenden können. Der Insolvenzplan wurde einstimmig von den Gläubigern angenommen. Damit werden die Verbindlichkeiten des Unternehmens restrukturiert. Als Insolvenzverwalter war Christian Abel (PwC Legal) tätig, als Sachwalter war Klaus Pannen (Prof. Dr. Pannen Rechtsanwälte).

Das Insolvenzverfahren des insolventen Pflegedienstes PZA GmbH aus Augsburg ist beendet. Wie der Insolvenzverwalter Georg Jakob Stemshorn (Pluta) mitteilte, konnte eine Insolvenzquote von 100 Prozent für die Gläubiger des Unternehmens erreicht werden. PZA hatte schon vor dem Insolvenzantrag 2020 den Beschäftigten gekündigt und den Geschäftsbetrieb eingestellt.

Weitere Restrukturierungen und Branchennews

Der von dem angeschlagenen Immobilienkonzern Adler avisierte Sanierungsplan ist knapp gescheitert. Adler wollte die Bedingungen der sechs emittierten unbesicherten Anleihen ändern und hätte dafür die Zustimmung von 75 Prozent der Anleihegläubiger bei allen sechs Anleihen gebraucht. Der Konzern erreichte diese Schwelle jedoch nur bei fünf von sechs Anleiheserien, die Gläubiger der 2029 fällig werdenden Anleihe stimmten dem Restrukturierungskonzept nur zu 57,7 Prozent zu. Nun muss Adler eine Alternativlösung finden.

Der Immobilienfinanzierer Corestate kommt in seinem Restrukturierungsprozess voran. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 20. Dezember haben die Aktionäre zu 99,7 Prozent für die geplante Kapitalerhöhung gestimmt. Damit ist der Corestate-Vorstand nun berechtigt, das Grundkapital des Unternehmens durch Ausgabe von bis zu 200 Millionen Aktien um bis zu 15 Millionen Euro zu erhöhen. Das frische Kapital will Corestate für den mit Anleihegläubigern und Aktieninvestoren vereinbarten Debt-to-Equity-Swap nutzen. Dabei will der Immobilienkonzern Schuldverschreibungen gegen Aktien aus der Kapitalerhöhung tauschen. Corestate hatte erst jüngst die Ernennung eines CROs bekannt gegeben.

Info

Paul Siethoff ist Redakteur bei Finance und schreibt vorrangig über Transformations-Themen. Er hat Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Erfurt und in Mainz studiert. Vor seiner Zeit bei FINANCE schrieb Paul Siethoff frei für die Frankfurter Rundschau für die Ressorts Wirtschaft und Politik.