Trotz über 4 Milliarden Euro Cash in schwerem Fahrwasser: die Lufthansa

Lufthansa

16.03.20
Wirtschaft

Lufthansa schnürt Krisenpaket

Den Airline- und Tourismuskonzernen droht die finanzielle Kernschmelze. Alle CFOs horten Milliardensummen an Cash. Trotzdem müssen gleich mehrere Konzerne Staatshilfe beantragen – allen voran die Lufthansa.

Als Reaktion auf die Corona-Krise hat die Lufthansa ein gewaltiges finanzielles Krisenpaket geschnürt. Wie der Dax-Konzern bekanntgab, wird die geplante Dividendenzahlung komplett gestrichen. Außerdem hat sich CFO Ulrik Svensson neue Kredite in Höhe von 600 Millionen Euro gesichert. Darunter dürfte auch der schnell drehende Schuldschein fallen, mit dem die Lufthansa in der vergangenen Woche am Markt war.

Zusammen mit weiteren Maßnahmen der vergangenen Tage, die die Liquidität sichern sollen, verfügt die Airline nach eigenen Angaben nun über Mittel in Höhe von 4,3 Milliarden Euro. Das sind 700 Millionen Euro mehr als der Dax-Konzern Ende September auswies. Darüber hinaus könnte Svensson noch auf bislang ungenutzte Kreditlinien in Höhe von 800 Millionen Euro zugreifen. In ähnlichem Maße mit Cash vollgesogen hat sich auch der Wettbewerber Air France KLM. Die Franzosen beziffern ihre aktuelle Liquidität sogar auf 5,5 Milliarden Euro.

Lufthansa will notfalls Flugzeuge beleihen

Doch die Lufthansa-Führung hat Sorge, dass selbst diese gewaltige Summe nicht reichen könnte. So verweist der Konzern darauf, dass notfalls auch noch Flugzeuge beliehen werden könnten, um sich weitere Kredite zu sichern. Das Potential dafür ist enorm, schließlich hält die Lufthansa anders als viele Wettbewerber nahezu ihren gesamten Flugzeugbestand im eigenen Besitz. Das sind fast 700 Flugzeuge, deren Buchwert Vorstandschef Carsten Spohr auf 10 Milliarden Euro beziffert.

Spohr zeigte sich überzeugt, dass die Lufthansa „diese schwierige Situation finanziell auf jeden Fall länger durchhalten“ könne als viele andere Airlines. Nichtsdestotrotz habe der Konzern bei den Regierungen seiner Netzwerk-Airlines in Berlin, Brüssel, Zürich und Wien staatliche Finanzhilfen zur Überbrückung der Corona-Krise angefragt.

Fraport droht Leverage-Grenze zu reißen

Auch bei den übrigen Luftfahrt- und Touristikkonzernen ist Cash King. Weil das Coronavirus sich ungebremst weiter ausbreitet, droht in Europa nahezu der gesamte Flugbetrieb eingestellt zu werden. Fraport-CFO Matthias Zieschang bezifferte die verfügbare Liquidität bei der Bilanzpräsentation in der vergangenen Woche auf 1,1 Milliarden Euro.

Doch anders als die Lufthansa kann Fraport nur sehr begrenzt auf die Investitionsbremse treten, da ein Stopp des 4 Milliarden Euro schweren neuen Terminalbaus in Frankfurt nach Aussagen des Managements „sehr teuer“ werden würde. Deshalb warnt Zieschang, dass die Nettoverschuldung des Flughafenbetreibers im Lauf dieses Jahres von 4,1 auf 5 Milliarden Euro anschwellen dürfte. Die Aussagen zu den Leverage-Grenzen, die Zieschang im Herbst gegenüber FINANCE-TV traf, dürften angesichts des bevorstehenden Gewinneinbruchs nicht mehr zu halten sein. 

Airline- und Reiseaktien brechen ein

Noch dramatischer ist die Situation bei dem Reisekonzern Tui, der heute Nacht bekanntgab, nahezu den kompletten operativen Geschäftsbetrieb bis auf weiteres einstellen zu müssen. Tui verfügt nach Aussage von Finanzchefin Birgit Conix aktuell zwar auch noch über eine Liquidität von 1,4 Milliarden Euro. Aber auch Tui hat Staatshilfen beantragt. Nach Auskunft des Konzerns geht es um „staatliche Garantien, bis der normale Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen werden kann“.

Das Problem sowohl der Reiseveranstalter als auch der Airlines ist, dass mit jeder Flug- oder Reisestornierung die Kundenanzahlungen zurück überwiesen werden müssen. Dadurch drohen selbst milliardenschwere Finanzpolster in rasanter Geschwindigkeit zusammenzuschmelzen. Goldman Sachs schätzt, dass Tui in diesem Jahr 1 Milliarde Euro an Barmitteln verbrennen wird. Die dadurch steigende Verschuldung dürfte den Konzern in den kommenden Jahren stark einschränken, so Analyst Felix Schlueter.

FINANCE-Köpfe

Birgit Conix, TUI AG

Birgit Conix beginnt ihre berufliche Karriere bei dem Medienkonzern RLX Group als Financial Analyst. Nach einer dreijährigen Station als Interne Auditorin bei dem Autozulieferer Tenneco durchläuft Conix von 1996 bis 2011 verschiedene Management- und Führungspositionen beim Healthcare-Konzern Johnson & Johnson. Sie ist in der Zeit sowohl in der Pharma- als auch in der Medizintechniksparte des Konzerns in Europa, im Mittleren Osten und in Afrika tätig.

Von 2004 bis 2007 agiert sie als Vice President Finance der Konzerntochter Janssen Deutschland. Von 2011 an ist Conix Senior Finance Director Western Europe beim internationalen Brauereikonzern Heineken. Zwei Jahre später wechselt sie zur belgischen Telenet, wo sie als CFO das Finanzressort verantwortet. Im Oktober 2018 übernimmt Conix den CFO-Posten bei dem Reisekonzern TUI. Seit Juli des gleichen Jahres war sie bereits Teil des Vorstands. Anfang Oktober 2020 gibt das Unternehmen bekannt, dass sich Conix im Sommer dazu entschlossen habe, ihre Vertragslaufzeit nicht zu verlängern und das Touristikunternehmen zum Jahresende verlassen werde.

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Die Aktienkurse der drei Konzerne reagieren dramatisch auf die zugespitzte Lage: In der ersten Handelsstunde brach Lufthansa um 13 Prozent, Fraport um 16 Prozent und Tui gar um 30 Prozent ein. Die Beratungsgesellschaft Capa sorgt heute mit einer düsteren Prognose für Aufsehen: Bis Ende Mai dürfte ein Großteil der Fluglinien auf der Welt zahlungsunfähig sein.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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