Der chinesische Investor Fosun will das operative Tom-Tailor-Geschäft übernehmen.

Sabine Skiba/TomTailor

14.07.20
Wirtschaft

Restrukturierungsnews: Tom Tailor, Bolero, LGW

Die chinesische Fosun will Tom Tailor übernehmen, die Restaurantkette Bolero durchläuft ein Eigenverwaltungsverfahren und die Luftfahrtgesellschaft Walter wird liquidiert: Die aktuellen Restrukturierungsnews im FINANCE-Überblick

Fosun übernimmt Tom-Tailor-Geschäft

Der chinesische Investor Fosun will die Tom Tailor GmbH von der insolventen Mutterholding übernehmen. Darauf habe man sich „grundsätzlich“ geeinigt, teilten die Unternehmen mit. In der GmbH ist das operative Geschäft des Modeunternehmens gebündelt, sie ist von der Insolvenz nicht betroffen.

Fosun hält die Mehrheit an der Tom Tailor Holding, die kürzlich Insolvenzantrag gestellt hat. Hintergrund dafür war ein Antrag auf ein Schutzschirmverfahren der Tochter Bonita, der aufgrund interner Verflechtungen den Insolvenzantrag der Holding auslöste.  

Das operative Tom-Tailor-Geschäft konnte sich durch einen Bürgschaftskredit retten, auch die Banken und Fosun verlängerten Finanzierungszusagen. Der vorläufige Gläubigerausschuss der Tom Tailor Holding hat den Eckpunkten für den Verkauf an die Fosun-Gruppe bereits zugestimmt, weitere Details wurden aber zunächst nicht bekannt. Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens über die Holding wird in dieser Woche gerechnet. Vorläufiger Insolvenzverwalter der Holding ist Nils Krause (Kanzlei Ecovis).

Bolero-Gruppe beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung

Die Restaurantkette Bolero hat Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gestellt. Betroffen sind die Holding sowie ihre Tochtergesellschaften in Braunschweig, Bremen, Kassel, Lübeck, Posthausen, Hamburg-Rotherbaum, Hamburg-Wandsbek, Rheine und Schwerin. Das Unternehmen will sich nun über einen Insolvenzplan neu aufstellen.

In allen neun Verfahren ist Tjark Thies (Reimer Rechtsanwälte) als vorläufiger Sachwalter eingesetzt. Die Geschäftsführung der Bolero-Gruppe wird von Andreas Romey (Kanzlei RNI Legal) und Sven Dübbers (Dübbers Management Consult) insolvenzrechtlich und kaufmännisch beraten. Die Restaurants sollen ihren Betrieb unter den geltenden Hygieneauflagen „an fast allen Standorten uneingeschränkt“ fortführen, hieß es in einer Mitteilung. Die Restaurant- und Barkette mit elf Standorten in Nord- und Mitteldeutschland war zum Jahreswechsel 2017/2018 von der Gastro Consulting an Aurelius Wachstumskapital verkauft worden.

Aus für Luftfahrtgesellschaft Walter

Die Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) hat den Betrieb eingestellt. Zuvor war infolge der Coronakrise mit Eurowings der wichtigste Auftraggeber weggebrochen. Das Unternehmen hatte im Frühjahr zunächst versucht, sich über eine Insolvenz in Eigenverwaltung zu sanieren. Während des vorläufigen Eigenverwaltungsverfahrens hatte LGW ein Sanierungskonzept erarbeitet, das auf den Einstieg eines oder mehrerer Investoren ausgerichtet war. Da sich unter den laut Insolvenzverwalter Dirk Andres (Andres Partner) kontaktierten mehreren hundert potentiellen Investoren keinen Käufer gefunden hat, wird das Unternehmen nun liquidiert.

Der Geschäftsbetrieb wurde bereits seit Mitte Juni komplett heruntergefahren, 350 Beschäftigte erhalten die Kündigung. LGW mit Sitz in Düsseldorf trat zuletzt als Teil der Zeitfracht-Gruppe mit der Schwestergesellschaft WDL Aviation unter der Marke German Airways am Markt auf und war im Zubringerverkehr für Eurowings tätig. Die Flugzeugflotte ist auf dem Flughafen im slowakischen Bratislava abgestellt.

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Das Münchener Modeunternehmen Jeans Kaltenbach will sich über eine Insolvenz in Eigenverwaltung sanieren. Thomas Klöckner (Kanzlei Lecon Restrukturierung) begleitet den Prozess als Geschäftsführer. Das Unternehmen sucht nun nach neuen Investoren. Vorläufiger Sachwalter ist Matthias Hofmann von der Kanzlei Pohlmann Hofmann.

Für das Areal der Brauerei Pfungstädter in der Innenstadt von Pfungstadt hat sich offenbar ein Käufer gefunden. Ein entsprechender Kaufvertrag sei bereits unterschrieben worden, die 97 Gesellschafter der Pfungstädter Brauerei müssten über diesen noch entscheiden, teilte die M&A-Beratung IMAP mit, die die Gesellschafter der Privatbrauerei in dem Prozess begleitet. Demnach laufen zudem „konkrete Verhandlungen“ mit dem Pforzheimer Bierbrauer Wolfgang Scheidtweiler, der ein Angebot für Erwerb und der Fortführung der Brauerei abgegeben haben soll. Noch würden vertragliche Details geklärt. Die Pfungstädter Brauerei ist seit Juni 2020 im Schutzschirmverfahren. Scheidtweiler hat in der Vergangenheit mehrere Brauereien übernommen, darunter etwa Hatz-Moninger in Karlsruhe. Auf dem Areal in Pfungstadt soll das Family Office des Mannheimer Unternehmers Daniel Hopp und der Projektentwickler Conceptaplan Wohnungen sowie in Abstimmung mit dem anderen Investor auch einen Neubau der Brauerei planen.

Der Modeproduzent Damrich hat beim Amtsgericht Aschaffenburg eine Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Vorläufiger Sachwalter ist Johannes Hancke (Kanzlei Lieser). Die Damrich-Geschäftsführung wird von Marion Gutheil (Kanzlei Mönning Feser Partner) als Verfahrensbevollmächtigter sowie dem Sanierungsberater Thomas Paul (SSC Corporate Recovery) beraten. Damrich entwickelt unter anderem Jacken und Blazer für das Eigenlabel „Duffel & Rums“ sowie für Markenhersteller, Einzelhandelsketten und Versandhändler. Das Unternehmen war in der Coronakrise in finanzielle Schieflage geraten, weil Kunden weniger Waren abnahmen und Bestellungen zurückzogen. Bei Herrenanzügen sei die Nachfrage fast komplett zum Erliegen gekommen. Das Unternehmen will künftig stärker auf saisonale Linien sowie Casual-Mode umstellen.

Thomas Dithmar (Schultze & Braun) ist zum vorläufigen Insolvenzverwalter des FSV Wacker 90 Nordhausen bestellt worden. Seiner ersten Einschätzung nach ist der Verein durch die Turbulenzen um die ebenfalls insolvente Spielbetriebs-GmbH sowie deren unzureichende wirtschaftliche Trennung vom Stammverein in Schieflage geraten. „Der Insolvenzantrag war leider unumgänglich, weil an den Verein Forderungen herangetragen wurden, die er aus seinen liquiden Mitteln nicht begleichen konnte“, heißt es in einer Erklärung. Einige mögliche Sponsoren hätten bereits „Bereitschaft erkennen lassen“, den Verein zu unterstützen.

Der Produzent von Gussprodukten KSM Castings will sich über ein Schutzschirmverfahren sanieren. Das Unternehmen hat weltweit neun Standorte, das Schutzschirmverfahren betrifft allerdings ausschließlich die deutsche Tochtergesellschaft mit rund 1.800 Mitarbeitern an vier Standorten. Gerrit Hölzle und Thorsten Bieg (beide Görg) begleiten die Sanierung in der Geschäftsleitung. Rainer Eckert (Eckert Law) wurde zum vorläufigen Sachwalter bestellt.

Mehr zu diesem Thema bei

alternativer_text

Die FINANCE-Plattform für Restrukturierung
und unternehmerischen Wandel

Zum Newsletter anmelden

Das Unternehmen Gräfenthaler Kunststofftechnik (GKT) will sich über ein Eigenverwaltungsverfahren sanieren. Die Gruppenunternehmen Zittauer Kunststoff und Neuhäuser Kunststoff sind davon nicht betroffen. GKT befindet sich seit rund zweieinhalb Jahren in einem Sanierungs- und Umstrukturierungsprozess. Durch die Corona-Pandemie musste das Unternehmen nach eigenen Angaben Umsatzeinbrüche von über 60 Prozent hinnehmen. Die Geschäftsführung wird bei der Restrukturierung begleitet von Rolf Rombach (Rombach Rechtsanwälte), Sascha Leese (Kanzlei Leese Hildebrandt Esser) sowie der K&K Steuerberatungsgesellschaft. Vorläufiger Sachwalter ist Bernd Krumbholz (Kanzlei Krumbholz & Collegen).

Der bayerische Glasformenhersteller Zitzmann hat Insolvenzantrag gestellt. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie habe sich eine Liquiditätskrise verschärft. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist Klaus-Christof Ehrlicher (Kanzlei Linse). Der Geschäftsbetrieb soll zunächst vollständig weiterlaufen. Ziel sei nun eine sogenannte übertragende Sanierung, es liefen Gespräche mit neuen Investoren.

Die auf technische Gebäudeausstattung spezialisierte Rehms Building Technology hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Bereits im Februar hatte die Gruppe eine Konsolidierung angekündigt. Doch aufgrund der Corona-Pandemie musste das Unternehmen zuletzt Einnahmeausfälle aufgrund verschobener Projekte verbuchen. „Die im Februar 2020 angekündigte und notwendige Konsolidierung der Gruppe verzögert sich erheblich“, sagte Geschäftsführer Hans-Michael Göpfert. Mike Westkamp und Nils Meißner (beide Görg) beraten die Geschäftsführer in der Sanierung. Stephan Karl Michels (Michels Insolvenzverwaltungen) wurde zum vorläufigen Sachwalter der Rehms Building Technology bestellt. Er ist ebenso zuständig für weitere Gruppengesellschaften, die in Eigenverwaltungsverfahren saniert werden sollen, betroffen sind die Unternehmen NRW Building Technology, TePmA, Eckstein, J. Rehms sowie HSV Kälte-Klima Technik und HSV Wartungs GmbH, SHG und SRP. Alle Unternehmen der Rehms-Gruppe führen den Geschäftsbetrieb fort.

Distressed M&A-Deals

Das insolvente Berliner Dentallabor van Ghemen ist im Rahmen einer übertragenden Sanierung an Investoren aus dem Kreis der bisherigen Gesellschafter verkauft worden. Die 50 Mitarbeiter wechseln zu der neuen van Ghemen Zahntechnik. Finanzielle Details wurden nicht bekannt. Die Kanzlei Leonhardt Rattunde hat die Transaktion beraten. Als Insolvenzverwalter war Florian Linkert (Kanzlei BBL) tätig.

Die Berliner Zeitfracht-Unternehmensgruppe übernimmt zum 1. August die insolventen niedersächsischen Unternehmen First Wise Media und Jöllenbeck mit zusammen mehr als 300 Beschäftigten. Details zu dem Verkauf wurden nicht bekannt. Beide Gesellschaften waren Teil derselben Unternehmensgruppe und hatten aufgrund der Corona-Folgen im Mai beide Insolvenzantrag gestellt. Sie erwirtschaften gemeinsam einen Jahresumsatz von mehr als 150 Millionen Euro. Als Insolvenzverwalter war Tjark Thies (Reimer Rechtsanwälte) tätig.

Das Unternehmen Schulz Fashion hat 104 Geschäfte des insolventen Einzelhändlers Colloseum übernommen. Dem Fachportal „Textilwirtschaft“ zufolge steht hinter dem Käufer Silke Schulz, Witwe des Colloseum-Gründers Rainer Schulz. Colloseum betrieb zuletzt 136 Läden in Deutschland. Colloseum hatte Anfang April Insolvenantrag gestellt, zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Axel Schwentker (Schwentker Bückmann) bestellt.

Der Möbelhersteller Niemann Formholztechnik aus Preußisch Oldendorf hat einen neuen Investor gefunden. Die Emotion Warenhandels GmbH aus Bremen übernimmt den Geschäftsbetrieb sowie die Produktion am Standort. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Niemann ist ein Tochterunternehmen des Möbelherstellers Karl W. Niemann. Beide Gesellschaften stellten im März aufgrund von Liquiditätsschwierigkeiten Insolvenzanträge. Insolvenzverwalter in beiden Verfahren ist Stefan Meyer (Pluta). Für die Muttergesellschaft läuft dem Verwalter zufolge noch der „durchaus aussichtsreiche Investorenprozess“, eine Entscheidung wird im Laufe des Monats Juli erwartet.

Investor Jomoo Deutschland, Tochter der chinesischen Jomoo Group, übernimmt Poggenpohl Möbelwerke. Erst vor einigen Wochen hieß es noch, dass die Lux Group und die deutsche Unternehmerfamilie Wolf bei dem Küchenhersteller einsteigen wollen. Dieser Deal kam aber nicht zustande, wie Jomoo Deutschland bekanntgab. Der Deal findet im Rahmen einer übertragenden Sanierung statt. Insolvenzverwalter Manuel Sack führt die Geschäfte von Poggenpohl für den Käufer fort. Taylor Wessing hat Poggenpohl unter Federführung von Hendrik Boss bei dem Verkauf beraten.

Beendete Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Die Gläubiger des Unternehmens Drahtwerk Friedr. Lötters haben den von der Geschäftsführung vorgelegten Insolvenzplan einstimmig angenommen. Der Plan war in Zusammenarbeit mit dem Restrukturierungsbevollmächtigten Dirk Andres (Andres Partner) erarbeitet worden. Sachwalter war Jan Janßen (Görg). Das Unternehmen hatte im September 2019 einen Antrag auf Eigenverwaltung gestellt, das Verfahren wurde im Dezember eröffnet. Im Zuge der Restrukturierung hatten rund 30 Mitarbeiter das Angebot bekommen, in eine Transfergesellschaft zu wechseln. Der Geschäftsbetrieb in zwei Werken und 65 Arbeitsplätze wurden gesichert. Das Insolvenzverfahren wird nun zeitnah aufgehoben.

Weitere Restrukturierungen und Branchennews

Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof schrumpft womöglich weniger als zunächst gedacht. Sachwalter Frank Kebekus hofft darauf, weniger als 50 Standorte schließen zu müssen, sagte er gegenüber dem Magazin „Der Spiegel“. Ursprünglich sollten 62 der 172 Kaufhäuser schließen. Einzelne Filialen wurden gerettet, wie Vermieter Zugeständnisse machten. Der Gesamtbetriebsrat von Galeria Karstadt Kaufhof und das Unternehmen haben sich bereits auf einen Interessenausgleich und einen Sozialplan geeinigt. Zudem haben die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) einen Sanierungstarifvertrag abgeschlossen. Der Gesamtbetriebsrat wurde von der Kanzlei BBL in sanierungsrechtlichen sowie von Apitzsch Schmidt Klebe in arbeitsrechtlichen Fragen beraten. Für das Unternehmen war neben dem Generalbevollmächtigten Arndt Geiwitz (SGP) die Kanzlei Seitz beteiligt. Der Warenhauskonzern war Anfang April in ein Schutzschirmverfahren gegangen.

Restrukturierer-Personalien

Das Beratungshaus Alvarez & Marsal will ein Team für den Schweizer Restrukturierungsmarkt unter Leitung von Alessandro Farsaci aufbauen. Seit 2019 ist Alvarez & Marsal mit einem Büro in Zürich in der Schweiz vertreten. Farsaci war bis Mai bei KPMG in Zürich, zuletzt als Director im Restrukturierungsbereich. Bis Jahresende will Alvarez & Marsal sein Schweizer Restrukturierungsteam auf mindestens sechs Berater ausbauen.

Marcus Katholing ist zum weiteren Geschäftsführer von Pluta Management berufen worden, die Unternehmen bei der Restrukturierung berät. Katholing ist seit 2009 für Pluta tätig und begleitet neben Restrukturierungen regelmäßig auch M&A-Prozesse sowie Verfahren in Eigenverwaltung. Er ist zudem als Interims-Manager und Chief Restructuring Officer (CRO) tätig.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Sie haben eine interessante News, die in unserem nächsten Restrukturierungsticker nicht fehlen sollte? Dann schreiben Sie uns an sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de.

Die wichtigsten Nachrichten aus der Welt der Restrukturierung finden Sie künftig in unserem neuen Themen-Hub „Transformation by FINANCE“ sowie regelmäßig auch im zugehörigen Newsletter.