In der Coronakrise sind neue Fähigkeiten von Restrukturierern gefordert.

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01.04.20
Wirtschaft

Wie Restrukturierer auf die Coronakrise blicken

Die Zahl der Sanierungsfälle steigt durch das Coronavirus sprunghaft an – im Gegensatz zur Zahl der Restrukturierer. Wie lässt sich die heranrollende Welle bewältigen?

Die Restrukturierungwelle rollte in den ersten Branchen bereits im zweiten Halbjahr 2019 an, doch durch die Coronavirus-Krise wird sie nun noch heftiger. Dabei zeigt sich ein Problem, wie eine Expertenrunde um Thomas Dohrmann (NordLB), Lars Hengsberger (ComPart Consulting), Peter Mauritz (Prolimity Capital Partners) und Steffen Reusch (BDO Restructuring) auf der diesjährigen Distressed-Assets-Digitalkonferenz diskutierte. Während die Zahl der Restrukturierungen gestiegen ist, ist die Zahl der Restrukturierer gleich geblieben. Einige Banken kürzten sogar ihre Workout-Units und stellten sie stärker zentralisiert auf.

Mehr als die Hälfte der DAK-Teilnehmer sieht das jetzt als Nachteil, wie eine TED-Befragung ergab: Sie fürchten, dass es nicht genug Restrukturierer geben könnte, um die steigenden Fallzahlen zu meistern. Die an der Diskussionsrunde teilnehmenden Experten finden, dass von den vorhandenen Fachkräften neue Qualifikationen und Qualitäten gefragt sind. Steffen Reusch, Partner von BDO Restructuring, findet: „Die Frage ist, welche Kapazitäten tatsächlich gesucht werden. Ich bin skeptisch, dass wir derzeit mit den alten Mechanismen – und gerade insolvenzrechtlichen Mechanismen – gut aufgestellt sind.“

In den kommenden „Corona-Sanierungen“ seien andere Fähigkeiten von Restrukturierern gefordert als in klassischen Insolvenzfällen. „Im Gegensatz zu den harten Insolvenzszenarien ist jetzt eher betriebswirtschaftliches Verständnis von den Restrukturierern gefordert“, meint Reusch. 

Restrukturierer fordern neue Rahmenbedingungen

Um diese neuen Fähigkeiten einzusetzen, ist es aus Expertensicht notwendig, dass der Gesetzgeber neue Rahmenbedingungen schafft. „Wir brauchen den neuen Restrukturierungsrahmen der EU, damit wir noch eine Eskalationsstufe vor dem ESUG haben. So können wir am besten die Unternehmen retten, die weiterhin eine wirtschaftliche Existenzberechtigung haben“, sagt Reusch. Für die Umsetzung des neuen Restrukturierungsrahmens, der Möglichkeiten für die präventive Sanierung eröffnet, haben die Mitgliedsstaaten noch bis 2021 Zeit.

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Kurzfristig sollen staatliche Hilfen den von Corona betroffenen Unternehmen unter die Arme greifen, etwa der KfW-Kredit. Reusch unterstützt das allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. „Den Unternehmen mit einer wirtschaftlichen Existenzberechtigung sollte man auch die Chance geben, ohne einen neuen Investor zu überleben. Dafür muss natürlich auch die Regulatorik bei den Corona-Hilfen seitens beziehungsweise bezüglich der Banken mitspielen.“ Auch Dohrmann von der NordLB sieht den KfW-Kredit bei Unternehmen, die vorher in einer wirtschaftlich guten Lage waren, als gute Unterstützung. „Von ihnen sollen die Restrukturierer die Finger lassen. Es geht eher um die Unternehmen, die das Umdenken in neuen Welten nicht schaffen.“

Banken müssen schnell abwickeln können

Zudem sei die Schnelligkeit bei den Banken ein entscheidender Punkt bei der Überlebensfähigkeit der Unternehmen. So gibt es die Befürchtung, dass zum Beispiel die Abwicklung des KfW-Coronakredits zu lange dauern würde. Mauritz, Managing Partner bei Prolimity Capital Partners, sieht das besonders kritisch bei den Unternehmen, die schon kurz vor den staatlichen Corona-Hilfen in einen ESUG-Schutzschirm gegangen sind: „Es ist klar, dass dies nicht per se wirtschaftlich schwache Unternehmen sind, sondern deren Geschäftsleitungen angesichts des wirtschaftlichen Corona-Tsunamis weitsichtig und schneller gehandelt haben als andere Unternehmen in Schockstarre – die Banken scheinen hier aber nun zum Richter zu werden“.

Das Zeitproblem und die Personalengpässe in der Restrukturiererwelt sind für kriselnde Unternehmen keine gute Kombination: 86 Prozent der Teilnehmer der virtuellen Distressed-Assets-Konferenz stimmen in einer TED-Befragung der These zu, dass anstelle von Restrukturierungen verstärkt die schnelleren Liquidierungen von Unternehmen genutzt werden dürften. Mehr als die Hälfte glaubt, dass durch die rasant steigende Zahl an Krisenfällen die Chance des einzelnen Unternehmens auf eine erfolgreiche Sanierung geschmälert wird.

Auch Lars Hengsberger von ComPart Consulting teilt diese Auffassung, sieht jedoch große Chancen für Unternehmen, wenn die Stakeholder (auch mit initiativer Rolle der Arbeitnehmer) entschlossen gemeinsam handeln. Der Austausch im Sinne einer vorinsolvenzlichen Sanierung könnte hier nach seiner Erfahrung entscheidend sein. 

Dokumentation ist das A und O

Damit kriselnde Unternehmen von den Erleichterungen profitieren können, die für wirtschaftliche Schäden infolge der Corona-Pandemie vorgesehen sind, ist Dokumentation ein wichtiger Punkt. „Der erste Schritt ist es, sich auf die Dokumentation in den Unternehmen zu konzentrieren. Also zum Beispiel transparent zu machen, wie die Situation vor dem 31. Dezember 2019 war und wie die Planung ohne Corona ausgesehen hat. Danach muss die Kausalität zu Corona hergestellt werden“, erklärt Reusch.

Je fundierter ein Unternehmen dokumentieren kann, dass die Krise tatsächlich im Zusammenhang mit den Corona-Folgen steht, umso besser. Bestimmte Erleichterungen – etwa die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht – gelten explizit nur für Corona-bedingte Krisenfälle. Experten stimmen jedoch aber darin überein, dass diese Abgrenzung schwierig zu treffen sein wird.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

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