Delivery Hero übernimmt für 360 Millionen Dollar den Lebensmittel-Bringdienst Instashop.

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27.08.20
Deals

Delivery Hero kauft wieder zu

Delivery Hero übernimmt den Bringdienst Instashop für 360 Millionen Dollar – dabei steckt der Dax-Neuling noch immer in den roten Zahlen. Analysten sind zwiegespalten.

Nach rund einer Woche im Dax gibt Delivery Hero gleich die nächste Übernahme bekannt: Wie der Essenslieferdienst mitteilte, hat er Instashop übernommen, eine Online-Lebensmittelplattform im Nahen Osten und Nordafrika. Die Bewertung liegt bei 360 Millionen US-Dollar (rund 305 Millionen Euro), der anfängliche Kaufpreis beläuft sich auf rund 270 Millionen Dollar.

Einen weiteren Teil des Kaufpreises zahlen die Berliner in den kommenden Jahren an die Gründer, abhängig vom Wachstum und der Profitabilität des Unternehmens. Auch nach dem M&A-Deal wird Instashop eine eigenständige Marke bleiben. Bereits in der vergangenen Woche kündigte CFO Emmanuel Thomassin an, nach möglichen Zukäufen Ausschau zu halten.

Instashop mit positiver Ebitda-Marge

Instashop wurde im Jahr 2015 gegründet. Delivery Hero zufolge erwirtschaftetet das Unternehmen im zweiten Quartal annualisiert einen Bruttowarenwert (GMV) von rund 300 Millionen Dollar, was eine Steigerung von 330 Prozent zum Vorjahr sei. Die Ebitda-Marge sei positiv.

Das Geschäftsmodell von Instashop ist Marktplatz-basiert: Das Unternehmen agiert als Schnittstelle zwischen dem Kunden und dem Händler und wickelt den Kauf ab. Die Lieferung übernehmen die Geschäfte wiederum selbst. Instashop bietet derzeit Lieferungen in unter 45 Minuten an und kooperiert dabei mit über 1.500 Händlern.

Die Umsätze generiert Instashop im Mittleren Osten und in Nordafrika (MENA): Instashop ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Ägypten und im Libanon vertreten. Die MENA-Region ist nach Asien die umsatzstärkste Region von Delivery Hero: Sie steht derzeit für rund ein Drittel des Gesamtumsatzes der Berliner. In der MENA-Region ist Delivery Hero bereits mit dem Essenslieferdienst und Marktführer Talabat vertreten. Zudem hatte der Konzern im vergangenen Jahr bereits das Nahost-Geschäft des Konkurrenten Zomato gekauft.

Delivery Hero erschließt mit Deal neues Geschäftsfeld

Die Übernahme ergibt für die Berliner aus mehreren Gründen Sinn. Zum einen stärken sie ihre Position in dem Segment für Lebensmittel-Lieferungen. Bisher ist Delivery Hero hauptsächlich für Essenslieferungen bekannt.

Zum anderen will Delivery Hero gemeinsam mit Instashop neue Märkte erschließen. In Frage kommt dabei vor allem der asiatische Markt, wo Delivery Hero den Großteil seiner Umsätze macht und zuletzt den koreanischen Wettbewerber Woowa übernommen hat. Dort will Delivery Hero vor allem in den japanischen Markt einsteigen. Die Berliner haben angekündigt, gemeinsam mit Instashop in weiteres Wachstum investieren zu wollen.


Außerdem markiert der Deal den nächsten Schritt auf dem Weg zum Pionier im Q-Commerce, heißt es in der Mitteilung der Berliner. Q-Commerce ist eine Wortneuschöpfung auf den Worten „quick“ und „E-Commerce“ und steht für schnellen Onlinehandel – ein neues Geschäftsfeld, das die Berliner gerade erschließen.

FINANCE-Köpfe

Emmanuel Thomassin, Delivery Hero SE

Emmanuel Thomassin ist nach seinem Studium der Betriebswirtschaft in Frankreich und Deutschland ab 2001 für sechs Jahre Finanzleiter der operativen Beteiligungen der Radioholding Regiocast und Mit-Geschäftsführer der zur Regiocast gehörenden Forschungsgruppe Medien sowie der TOP Radiovermarktung.

2007 wird Thomassin zum CFO von MetaDesign, einer Agentur für Markenberatung, -Management und –Design berufen. Dort ist er für den kaufmännischen Bereich, das operative Geschäft, Kundenbeziehungen und Personalentwicklung verantwortlich. 2013 beruft der Berliner Inkubator Team Europe Thomassin zum CFO. Dort leitet er das sechsköpfige Finance & Legal Department und ist daneben für Investor Relations und Portfolio-Management mitverantwortlich.

Seit 2014 ist Emmanuel Thomassin CFO bei Delivery Hero. Der Essenslieferant ging im Sommer 2017 an die Börse. Der IPO hatte ein Volumen von fast 1 Milliarde Euro.

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Das Ziel dabei: Waren wie Lebensmittel, Arzneien, Elektrogeräte oder Blumen in unter 15 Minuten an den Kunden zu liefern, wie es auf der Unternehmenswebsite heißt. Damit konkurriert Delivery Hero unter anderem mit dem US-Riesen Amazon, der ähnliche Dienstleistungen anbieten will.

Delivery Hero finanziert Übernahme mit Wandelanleihen

Finanzielle Flexibilität für weitere Zukäufe hatten sich die Berliner zuletzt mit der Emission einer Wandelanleihe in Höhe von 1,5 Milliarden Euro verschafft. Auch für die Finanzierung des Woowa-Deals setzten die Berliner schon auf dieses Finanzierungsinstrument.

Zukäufe sind ein zentraler Pfeiler der Unternehmensstrategie – dabei stecken die Berliner immer noch in der Verlustzone, wie die heute veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigen. Auf einen Umsatz von rund 1,13 Milliarden Euro kommt immer noch ein bereinigter Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 320 Millionen Euro.

Dennoch konnte Delivery Hero beim Umsatz deutlich zulegen: Noch im ersten Halbjahr 2019 lag der Gruppenumsatz bei rund 582 Millionen Euro und damit bei gut der Hälfte. Der Verlust fiel mit 171 Millionen Euro allerdings auch noch geringer aus. Als Grund führt der Essenlieferdienst vor allem höhere Kosten aufgrund der Coronavirus-Krise an.

Delivery Hero vom Breakeven noch immer weit entfernt

In fast allen Regionen, in denen Delivery Hero vertreten ist, schreibt das Unternehmen noch immer rote Zahlen. Einzig in der MENA-Region erwirtschaftete Delivery Hero im ersten Halbjahr bei einem Umsatz von 368 Millionen Euro ein positives Ebitda von knapp 19 Millionen Euro. Damit bleibt es CFO Emmanuel Thomassin seinen Aktionären noch immer schuldig, den Breakeven auf Gruppenebene endlich zu schaffen.

Auch in diesem Jahr soll das noch nicht gelingen: Die Berliner wollen einen Umsatz zwischen 2,6 und 2,8 Milliarden Euro erzielen. Die Ebitda-Marge wird voraussichtlich bei minus 14 bis minus 18 Prozent liegen.

Delivery Hero: So bewerten Analysten den Deal

Die Übernahme und die Pläne von Delivery Hero kamen bei den Analysten größtenteils gut an: So schrieb RBC-Analystin Sherri Malek, die Übernahme sei ein weiterer wichtiger Schritt für das Q-Commerce-Geschäft. Jefferies-Analyst Giles Thorne meint, der Deal sei ein erneut guter Zukauf. Manche sind hingegen nicht so überzeugt, so stellt etwa UBS-Analyst Hubert Jeaneau „die langfristige Wirtschaftlichkeit des Quick-Commerce“ in Frage. Die Börse reagierte mit gemischten Gefühlen: Die Aktie rutschte am heutigen Morgen um etwas mehr als 1 Prozent ins Minus auf rund 94 Euro.

Vor allem die Strategie von Delivery Hero, auf starkes Wachstum zu setzen, wenngleich das Unternehmen noch nicht profitabel ist, stößt immer wieder auf Kritik. Michael Muders, Fondsmanager bei der Union Investment, stellt sich hinter die Berliner: „In der Essenslieferbranche muss man gleich aggressiv expandieren, sonst hinkt man hinterher und kann das nie wieder aufholen“, sagte er in der vergangenen Woche. Daher sei die Strategie von Delivery Hero absolut nachvollziehbar – denn schnelles Wachstum koste eben auch Geld.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Mehr über den CFO des Dax-Neulings lesen Sie auf dem FINANCE-Köpfe-Profil von Emmanuel Thomassin.