Flaute am M&A-Markt: In diesem Jahr glänzte Deutschland nicht gerade mit Riesen-Deals.

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13.11.19
Deals

Flaute bei transformatorischen M&A-Deals

Deutsche Unternehmen haben immer weniger Appetit auf transformatorische Mega-Deals. Manche M&A-Transaktion hat inzwischen auch mit internem Störfeuer zu kämpfen.

Die ganz großen M&A-Deals mit deutscher Beteiligung sind in diesem Jahr ausgeblieben. Fanden sich in den zurückliegenden Monaten Megadeals wie T-Mobile/Sprint mit einem Dealvolumen von knapp 60 Milliarden US-Dollar und E.on/Innogy mit einem Volumen von knapp 40 Milliarden Dollar in den Statistiken, hat Deutschland nach Zahlen von Goldman Sachs diesem Jahr (Stand Mitte November) lediglich drei Deals zu den Top 20 der europäischen angekündigten Transaktionen beigesteuert. Das zeigen aktuelle Analysen, die die US-Investmentbank in dieser Woche vor Journalisten in Frankfurt präsentiert hat.

Deutsche M&A-Deals in diesem Jahr kleiner

Zu den drei größten Transaktionen zählt demnach die Cypress-Übernahme durch Infineon für 10,4 Milliarden Dollar. Zukäufe im Ausland sind dabei laut Goldmans M&A-Chef Christopher Droege ein wesentlicher Dealtreiber in diesem Jahr: Bevorzugt hätten sich deutsche Unternehmen dabei Targets in den USA ausgesucht, unter anderem, weil auch hiesige Unternehmen von der US-Steuerreform profitieren.

Weitere Leuchtfeuer des bisherigen M&A-Jahres: Bayers Verkauf seiner Tiermedizinsparte für 7,6 Milliarden Dollar sowie die Wabco-Übernahme durch ZF Friedrichshafen mit einem Dealvolumen von rund 7 Milliarden Dollar.

Im europäischen Vergleich schneiden die deutschen Transaktionen damit in Bezug auf das Dealvolumen eher mau ab: Die für Infineon größte Übernahme der Unternehmensgeschichte schaffte es in dem Ranking von Goldman Sachs gerade einmal auf Rang neun der größten europäischen Deals 2019, Bayer und ZF belegen die Plätze 16 und 17.

Deutschland bleibt am M&A-Markt zurück

Auch im internationalen Vergleich präsentiert sich Deutschland in diesem Jahr nicht nur mit weniger Mega-Deals, sondern auch mit einem insgesamt sinkenden Dealvolumen. Dieses beläuft sich den aktuellen Zahlen von Goldman Sachs zufolge auf 118 Milliarden Euro, im Vorjahr lag das Volumen mit 233 Milliarden Euro noch fast doppelt so hoch. Zwar werden im Dezember noch weitere Deals abgeschlossen werden, dennoch ist bereits jetzt abzusehen, dass das Jahr 2019 mit Blick auf die M&A-Aktivität hinter 2018 zurückbleiben wird.

Damit entwickelt sich der deutsche M&A-Markt allerdings entgegen des internationalen Trends: „Während in Deutschland die großen Deals zurückgehen, liegt die globale M&A-Aktivität mit annualisiert fast 3,9 Billionen US-Dollar in diesem Jahr nahezu auf Vorjahresniveau“, berichtet Christopher Droege. Eine Erklärung für diese Entwicklung könnte dem M&A-Chef zufolge die hohe Deal-Volatilität am deutschen M&A-Markt sein.

Aktivistische Investoren stören deutschen M&A-Markt

Dass in diesem Jahr allerdings kaum transformatorische Deals in Deutschland stattgefunden haben, führt er auf das aktuell schwierige geopolitische und makroökonomische Umfeld und die drohende Konjunkturflaute zurück. Doch es gibt noch einen zweiten Grund, an dem diverse M&A-Deals scheitern: Viele Unternehmen müssen intern mit Widerständen kämpfen.

„Es ist mittlerweile auch in Deutschland ein Trend, dass immer mehr passive Investoren wie Indexfonds sich auf die Seite von aktivistischen Investoren schlagen und deren Aufbegehren in Hauptversammlungen unterstützen“, beobachtet Droeges Kollege Tibor Kossa. Ein aktuelles Beispiel: Sowohl der Aktivist AOC als auch der Großaktionär Enkraft haben sich bereits gegen das PNE-Übernahmeangebot durch Morgan Stanley ausgesprochen.

„Auch in Deutschland schlagen sich immer mehr passive Investoren auf die Seite von Aktivisten.“

Tibor Kossa, M&A-Chef, Goldman Sachs

Es gibt noch einen weiteren Faktor, der in diesem Jahr ein Hemmnis für Transaktionen war: Die Bewertungen von Unternehmen gehen teilweise extrem weit auseinander: „Besonders im Rahmen von LBOs agieren Investoren heutzutage wesentlich selektiver“, so Kossa.

Besseres Finanzierungsumfeld 2019

Einen positiven Nebeneffekt gibt es immerhin: Das aktuelle Niedrigzinsumfeld spielt vor allem Unternehmen mit Kapitalbedarf und guter Bonität in die Hände – und es macht auch die M&A-Finanzierung einfacher.

Demgemäß zeigen die von Goldman Sachs vorgelegten Zahlen, dass Unternehmen mehr Kapital einsammeln: Allein im dritten Quartal 2019 haben sich europäische Unternehmen am Kapitalmarkt frische Mittel in Höhe von 101 Milliarden Euro besorgt (drittes Quartal 2018: 68 Milliarden Euro), in diesem Jahr waren es insgesamt bis Mitte November schon 329 Milliarden Euro (Gesamtjahr 2018: 276 Milliarden Euro).

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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