Weber Automotive geht zurück in Familienhand.

Weber Automotive

11.05.20
Deals

Neues Kapitel bei Weber Automotive

Wende bei Weber Automotive: Die Gründerfamilie will zentrale Assets des insolventen Automobilzulieferers wieder übernehmen. Ein Ende des Streits zwischen der Eigentümerfamilie und PE-Investor Ardian ist nicht in Sicht.

Die Gründerfamilie will bei Weber Automotive wieder das Steuer übernehmen: Wie der insolvente Automobilzulieferer mitteilte, hat die Gründerfamilie Weber „den maßgeblichen Teil“ der Weber Automotive Gruppe im Rahmen eines Asset Deals zurückgekauft. Die Vermögensgegenstände werden in eine neue Gesellschaft eingebracht.

Die Produktionsstandorte in Markdorf am Bodensee, in Bernau bei Berlin und im baden-württembergischen Neuenbürg sowie die Beteiligungen an Weber Magdeburg gehören künftig wieder der Familie Weber. Ebenfalls Teil des M&A-Deals sind Beteiligungen in den USA sowie in Ungarn. Die von dem Unternehmen genutzten Immobilien befinden sich nach wie vor zum großen Teil im Besitz der Familie Weber.

Das Closing soll „erst in einigen Wochen“ stattfinden, heißt es in der Mitteilung. Finanzielle Details wurden nicht bekannt.

Weber Automotive seit 2019 in Insolvenz

Weber Automotive, an dem die Private-Equity-Gesellschaft Ardian im Dezember 2016 eine Mehrheitsbeteiligung erworben hatte, hat im Juli 2019 Insolvenzantrag gestellt, das Verfahren wurde im Oktober eröffnet. Begleitet wurde die Insolvenz in Eigenverwaltung von Sachwalter Christian Gerloff (Kanzlei Gerloff Liebler) sowie von dem Generalbevollmächtigten Martin Mucha von der Kanzlei Grub Brugger.

„Einen Investor für das Unternehmen zu finden, gestaltete sich insbesondere in der aktuell schwierigen und unsicheren wirtschaftlichen Lage als besonders herausfordernd“, kommentierte Christian Gerloff den M&A-Prozess. Neben der Krise der Automobilindustrie setzte die Ausbreitung des Coronavirus Weber Automotive zu.

Die Weber-Tochter Saarotec mit Sitz im saarländischen St. Ingbert ist nicht Teil der Transaktion. Für sie will das Unternehmen eine „unabhängige Einzellösung“ finden. Saarotec produziert und montiert kubische Bauteile für die Automobilindustrie und ist seit 2015 Teil von Weber Automotive.

Ardian betonte auf FINANCE-Anfrage, dass die Familie im Rahmen des Insolvenzverfahrens der Weber Automotive einzelne Vermögensgegenstände erworben habe. Die Weber Automotive GmbH existiere mit den verbleibenden Assets unverändert fort, auch ihre Gesellschafterstruktur bestehe weiter. „Es fand insbesondere auch kein Kauf von Anteilen durch die Familie Weber oder ein Verkauf von Anteilen durch Ardian statt. Es gab dementsprechend auch keine ‚Einigung‘ zwischen den Gesellschaftern oder einen ‚Ausstieg‘ von Ardian“, heißt es in einem Statement.

Familie Weber ohne operative Rolle

Die mit den übernommenen Assets zu gründende neue Gesellschaft, die künftig unter dem Namen Albert Weber GmbH firmiert, soll den Geschäftsbetrieb der übernommenen Standorte weiterführen. Allerdings zieht sich die Familie Weber vollständig aus der operativen Führung zurück und begleitet das Unternehmen nur noch als Teil eines Familienbeirats.

Die Leitung des Unternehmens übernimmt Martin Bleimehl. Er ist kein Unbekannter: Bleimehl leitet derzeit das Werk des Gruppenunternehmens Saarotec. Die Weber Holding wird künftig Roger Breu führen. Er kennt sich mit der Automobilbranche aus, war unter anderem Geschäftsführer der Schweizer Group, als diese das erste Mal in die Insolvenz rutschte. Der bei Weber Automotive als Generalbevollmächtigter eingesetzte Martin Mucha hatte das Verfahren der Schweizer Group damals als Sachwalter begleitet.

Nach FINANCE-Informationen sollen der Gläubigerausschuss und Kunden aus dem Kreis der OEMs darauf gedrängt haben, dass das neue Unternehmen von einem externen Management geführt wird.

Insolvenz entfachte Streit zwischen Weber und Ardian

Um die Insolvenz von Weber Automotive schwelt immer noch ein heftiger Schlagabtausch zwischen dem Private-Equity-Investor Ardian und der Familie Weber. Aufgrund der Pleite erhob Ardian unter anderem den Vorwurf, die Familie hätte dem Finanzinvestor zu ambitionierte Wachstumspläne für das Unternehmen vorgelegt. Ardian erstattete daraufhin sogar Strafanzeige bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft, unter anderem wegen des Verdachts auf Betrug.

Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen die Familie Weber dauern noch immer an, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main gegenüber FINANCE bestätigt. Das Vertrauensverhältnis zwischen beiden Parteien ist zerrüttet: Die Unternehmerfamilie weist die Vorwürfe vehement zurück. Ardian hält dagegen daran fest.

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Die Insolvenz von Weber Automotive kam überraschend. Doch die Pleite hat ein Nachspiel: Der Investor Ardian erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen Mitgesellschafter. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft sogar wegen Betrugsverdachts.

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Weber Automotive will neue Branchen erschließen

Künftig soll das Geschäft des Automobilzulieferers breiter aufgestellt werden: „Wir haben in der Insolvenz wesentliche Rahmenbedingungen für den erfolgreichen Fortbestand von Weber Automotive gesetzt. Nach dem Verfahren ist das Unternehmen für die Zukunft gut gewappnet“, sagt Rechtsanwalt Martin Mucha.

Einen Zukunftsplan hat der Automobilzulieferer, der Antriebskomponenten für Pkws, Nutzfahrzeuge und Freizeitmobile herstellt, bereits: „Weber Automotive hat in den vergangenen Jahren damit begonnen, sein Geschäftsmodell weiter zu diversifizieren und über den Automobilsektor hinaus weitere Branchen zu erschließen“, so Christian Weber.

Diesen Weg wolle Weber „konsequent fortsetzen“. Dafür wollen die Markdorfer „massiv in neue Antriebstechnologien wie Elektroantriebe, Brennstoffzellen und synthetische Kraftstoffe investieren“. Auf diesem Wege will der Automobilzulieferer im Bereich der Medizintechnik oder im Flugzeugbau neue Kundengruppen erschließen.

Coronakrise macht auch Weber Automotive zu schaffen

Dennoch könne sich Weber Automotive den „gegenwärtigen starken operativen Auswirkungen“ der Coronakrise nicht entziehen. Seit Mitte April haben die Markdorfer Kurzarbeit im Betrieb angemeldet. „Trotzdem sind wir sehr optimistisch, zügig wieder zu voller Kapazität zurückzukehren, sobald eine Normalisierung des öffentlichen Lebens das zulässt“, so Christian Weber, Geschäftsführer der Weber Holding und Sohn des Gründers.

olivia.harder[at]finance-magazin.de