Die Rechnungslegung nach IFRS kann äußerst kompliziert sein. Das ist einer der Gründe für die Bilanzierungsfehler, die die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung regelmäßig findet.

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25.01.19
Finanzabteilung

Indexunternehmen machen mehr Bilanzierungsfehler

Gerade bei den Konzernen aus der renommierten Dax-Familie hat die Bilanzpolizei 2018 überraschend viele Fehler in den Büchern gefunden. Deutlich verbessert hat sich dagegen die Fehlerquote der Mittelständler.

Die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) – im Volksmund auch „Bilanzpolizei“ genannt – erntet die Früchte ihrer Arbeit: Die Fehlerquote in den Geschäftsberichten der deutschen Unternehmen lag 2018 auf einem niedrigen Niveau von 15 Prozent. 2011 hatte die Fehlerquote noch 25 Prozent betragen, seit 2014 pendelte sie sich dann aber deutlich darunter ein. Auch 2017 lag die Fehlerquote bei 15 Prozent.

Die DPR wurde 2005 nach der großen Welle der Bilanzskandale gegründet und prüft seitdem jährlich die Geschäftsberichte ausgewählter Unternehmen auf Fehler in der Rechnungslegung. 2018 hat sie insgesamt 84 Prüfungen abgeschlossen. Während der allergrößte Teil der geprüften Unternehmen zufällig per Stichprobe ausgewählt wurde, wurden drei Prüfungen auf einen konkreten Verdacht hin angestoßen. Eine Prüfung geschah auf Verlangen der Bafin. 

Indexunternehmen machen mehr Fehler


Interessant an den Untersuchungsergebnissen ist, dass 2018 überraschend viele Fehler bei Unternehmen mit Indexzugehörigkeit – also Dax, MDax, SDax oder TecDax – gefunden wurden. Bei insgesamt 16 Prozent aller Prüfungen bei Indexunternehmen fand die DPR Fehler – 2017 hatte die Bilanzpolizei keinen einzigen Fehler gefunden, und auch in den Vorjahren kamen Verstöße nur sehr vereinzelt vor.

DPR-Präsident Edgar Ernst, Ex-CFO der Deutschen Post, vermutet, dass es sich dabei um einen Ausreißer handele: „Ich glaube nicht, dass zweistellige Fehlerquoten bei Indexunternehmen zum Trend werden“, sagte er am gestrigen Donnerstag im Gespräch mit Journalisten. Gerade Indexunternehmen hätten meist große Accounting-Abteilungen, wodurch viele Fehler vermieden werden könnten.

Anders ist es oft bei Unternehmen ohne Indexzugehörigkeit, die die DPR (sofern sie kapitalmarktorientiert sind) ebenfalls prüft. In kleinen oder mittelständischen Unternehmen sind die Finanzabteilungen deutlich weniger stark ausgestattet. Das spiegelte sich in den vergangenen Jahren auch in deutlich höheren Fehlerquoten wider, die im Schnitt bei 22 Prozent lagen.

Aber nicht so 2018: Nur bei 15 Prozent aller Prüfungen der Unternehmen ohne Indexzugehörigkeit konnte die DPR Fehler feststellen. Ob auch das nur ein Ausreißer ist oder ob die kleineren Unternehmen ihre Rechnungslegung stärker professionalisiert haben, muss sich nun in den kommenden Jahren zeigen.

DPR findet Fehler bei M&A-Deals und Goodwill

Über alle Unternehmen hinweg gab es die meisten Fehler bei der Bilanzierung von M&A-Deals und Goodwill. Ernst bezeichnet dies als „Dauerbrenner“. Ebenfalls fehleranfällig sei die Darstellung des Anlagevermögens sowie der Finanzinstrumente. Auch die Anhang-Angaben haben vielen Unternehmen 2018 Probleme bereitet.

Dafür zeigen sich die meisten Unternehmen einsichtig: Mehr als 80 Prozent der Unternehmen mit fehlerhaften Geschäftsberichten haben die Forderungen der DPR nach Korrekturen akzeptiert – ein Wert, mit dem DPR-Chef Ernst zufrieden ist. Akzeptiert ein Unternehmen den Fehler, muss es ihn nicht nur rückwirkend korrigieren, sondern auch im Bundesanzeiger veröffentlichen. Im Vorjahr stimmten ungewöhnlicherweise 100 Prozent der Unternehmen dieser Forderung zu, davor lag die Zustimmungsquote meist zwischen 50 und 70 Prozent.

Stimmt ein Unternehmen mit der Meinung der DPR nicht überein, leitet im nächsten Schritt die Bafin eine nochmalige Prüfung ein, was den gesamten Prozess deutlich verlängert. In Extremfällen können betroffene Firmen sich danach noch an das Oberlandesgericht Frankfurt wenden.

DPR hat neue IFRS-Standards im Fokus

Auf welche Themen die Bilanzpolizei bei der diesjährigen Prüfung ganz besonders achten wird, hat sie bereits vor einigen Wochen mit der Veröffentlichung der Prüfungsschwerpunkte angekündigt – das bedeutet allerdings nicht, dass andere Bilanzierungsthemen keine Rolle spielen werden, betont die DPR regelmäßig.

Wie zu erwarten war, werden unter anderem die neuen Bilanzierungsregeln IFRS 15 (Umsatzrealisierung) und IFRS 9 (Finanzinstrumente) auf der Agenda stehen, die erstmals in den Geschäftsberichten 2018 angewandt werden mussten.

Ebenfalls wird sie einen genauen Blick darauf werfen, wie Unternehmen mit dem neuen Standard IFRS 16 (Leasingbilanzierung) umgehen werden. Dieser wird zwar erst in den Geschäftsberichten für 2019 Anwendung finden, doch schon jetzt müssen Unternehmen angeben, mit welchen potentiellen Auswirkungen auf ihre Kennzahlen sie rechnen.

Kann die Fehlerquote noch weiter sinken?

Diese IFRS-Standards sind nicht nur für Unternehmen Neuland – auch die DPR selbst sammelt erstmals Erfahrung mit deren Prüfung. Bisher hat sie häufig die Berichterstattung bei außergewöhnlichen Transaktionen wie M&A-Deals geprüft, die in Unternehmen nicht alltäglich vorkommen und daher fehleranfällig sind. Doch die Prüfung von neuen Standards, die wie bei der Umsatzrealisierung IFRS 15 fast das komplette Zahlenwerk betreffen, bringt auch für die DPR noch einmal ganz andere Herausforderungen mit sich.

Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass die Fehlerquote mit den jetzt erreichten 15 Prozent einen Tiefstand erreicht haben dürfte. DPR-Präsident Ernst glaubt nicht, dass die Quote in den kommenden noch nennenswert sinken werde, sagte er kürzlich in einem Interview mit FINANCE-TV. Ganz ausmerzen könne man Fehler ohnehin nicht, manchmal stecke beispielsweise auch kriminelle Energie dahinter. Meistens liegt die Ursache für Bilanzierungsfehler laut Ernst aber in der Komplexität der internationalen IFRS-Vorgaben.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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In unserem FINANCE-Blog „Abgeschminkt“ nimmt Carola Rinker kuriose Bilanzierungsfehler unter die Lupe.