Shortseller haben von der Corona-Krise ordentlich profitiert, doch nun schaut die Aufsicht genauer hin. Wie lange sind Leerverkäufe in Deutschland noch erlaubt?

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20.03.20
Finanzierungen

Diese Shortseller machen mit Corona Kasse

Das Coronavirus stürzt die Aktienmärkte ins Chaos. Das freut die Shortseller, die damit ordentlich Kasse machen. Ein US-Investor shortet sogar fast den halben Dax.

Wenn man als Shortseller in diesem Jahr nicht ausgerechnet auf den Beatmungsgerätehersteller Drägerwerk setzte, hatte man an der Börse leichtes Spiel, denn das Coronavirus hat einen flächendeckenden Börsen-Crash ausgelöst: Seit Mitte Februar verloren der Dax rund 38 Prozent, der MDax 37 Prozent, der TecDax 31 Prozent und der SDax 36 Prozent an Wert.

Shortseller, die auf fallende Aktienkurse wetten, hatten bei ihrer Titelauswahl die Qual der Wahl – vorausgesetzt, sie haben sich rechtzeitig mit Short-Positionen eingedeckt. Shortseller leihen sich für einen bestimmten Zeitraum Aktien und verkaufen diese direkt weiter. Sinkt während der Leihdauer der Aktienkurs des Unternehmens, können die Spekulanten die Aktie am Markt wieder günstiger kaufen, wenn sie die geliehene Aktie zurückgeben müssen. Die Kursdifferenz streichen sie als Profit ein. 

Die größten Positionen – ab über 0,5 Prozent des ausstehenden Aktienkapitals müssen sie im Bundesanzeiger veröffentlicht werden – hat FINANCE analysiert.

Lufthansa im Visier von Citadel und Marshall Wace

Besonders negativ wirkt sich das Coronavirus auf die Reise- und Tourismusbranche aus, die die Folgen der Reiserestriktionen unmittelbar treffen. In Deutschland bekommt das vor allem die Lufthansa zu spüren, deren Aktie seit Jahresbeginn rund 44 Prozent eingebüßt hat. Die Airline benötigt möglicherweise Staatshilfe und verlor vor wenigen Tagen ihr Investment-Grade-Rating.

Shortseller haben das frühzeitig erkannt: Citadel Europe und Marshall Wace haben bereits im Januar Short-Positionen gegen Lufthansa aufgebaut und diese in der Folge weiter aufgestockt. Marshall Wace hat der Leerverkäufer-Datenbank des „Handelsblatts“ zufolge derzeit offene Positionen über 2,73 Prozent und liegt mit diesem Trade bereits 30,9 Millionen Euro im Plus. 

Der Datenbank zufolge gibt es derzeit insgesamt sieben offene meldepflichtige Short-Positionen auf zusammengerechnet 10,42 Prozent des ausstehenden Aktienkapitals der Lufthansa. Nur Corestate Capital, Aixtron, K+S und Heidelberger Druckmaschinen sind derzeit noch stärker geshorted. Letztere gaben vor wenigen Tagen eine umfassende Restrukturierung bekannt

Leerverkäufer shorten Fraport und ignorieren Tui

Parallel mit der Lufthansa-Aktie riss die Corona-Krise auch den Flughafenbetreiber Fraport nach unten. Dessen Aktie hat sich seit Jahresbeginn halbiert. Leerverkäufer wie Citadel Europe hatten sich zwar im Januar auch bei Fraport positioniert, allerdings in deutlich geringerem Umfang als bei der Lufthansa. Die Short-Positionen bewegten sich bei Fraport zwischen 0,4 und knapp 1 Prozent. Der aktuelle Profit für Citadel mit 31,1 Millionen Euro lässt sich trotzdem sehen. 

Hart erwischte der Corona-Crash auch den Reisekonzern Tui, dessen Aktie seit Jahresstart um über 70 Prozent eingebrochen ist. Shortseller hatten das entweder nicht auf dem Schirm, bewegten sich mit ihren Trades unterhalb der veröffentlichungspflichtigen Schwelle oder fanden Tui schlicht nicht lukrativ genug: Jedenfalls verzeichnet der Bundesanzeiger in diesem Jahr mit Park West Asset Management und World Quant lediglich zwei Short-Positionen über 0,1 beziehungsweise 0,52 Prozent. 

Aufgrund von Corona dürfen die Menschen aber nicht nur weniger reisen. Auch Großveranstaltungen wie beispielsweise Konzerte wurden und werden abgesagt. Das wiederum schadet dem Eventticketverkäufer CTS Eventim, dessen Aktienkurs sich seit Jahresbeginn mehr als halbiert hat. Marshall Wace hatte das im Blick und seine bereits bestehende Position auf aktuell 1,1 Prozent aufgestockt. Der Shortseller liegt der Leerverkäufer-Datenbank zufolge dadurch aktuell mit 12,7 Millionen Euro im Plus. 

Langfristige Leerverkaufswetten zahlen sich aus

Den größten Profit haben Shortseller zuletzt aber mit Wetten gegen Unternehmen gemacht, die auch vor der Corona-Krise bereits Probleme hatten und folglich schon länger im Visier der Leerverkäufer waren. Das sind vor allem Aixtron, Bilfinger, Leoni und K+S. Deren Kurse sind wegen Corona jetzt noch weiter abgestürzt.

Hier haben Shortseller ihre Positionen zuletzt daher sogar noch ausgebaut. CPMG wettet beispielsweise aktuell auf 4,83 Prozent des ausstehenden Aktienkapitals von Aixtron und ist mit dieser Position der Leerverkäufer-Datenbank zufolge mit 14,3 Millionen Euro im Plus. Blackrock hat Bilfinger mit gut 5 Prozent geshorted und würde bei Glattstellung derzeit 12,4 Millionen Euro kassieren.

Bei K+S ist Blackrock derzeit mit knapp 20 Millionen Euro im Plus, was einer Short-Position von 1,64 Prozent entspricht. Bei dem kriselnden Autozulieferer Leoni, der sich gerade erst frisches Geld von seinen Banken besorgen konnte, hat ENA Investment Capital derzeit mit 2,68 Prozent die größte offene Leerverkaufsposition und ist damit mit 6,5 Millionen Euro in der Gewinnzone.

Shortseller profitieren von Corona gleich doppelt

Die Shortseller profitieren von der Corona-Krise damit gleich doppelt: Zum einen nimmt sie den kompletten Aktienmarkt in Sippenhaft, wodurch Short-Strategien gegen komplette Indizes wie beispielsweise den Dax aufgehen. Darüber hinaus zahlen sich die aufgebauten Leerverkaufspositionen gegen die schon länger kriselnden Unternehmen aus, deren Lage sich durch das Coronavirus nun noch einmal verschärft.

„Das Virus war ein völlig zufälliger Katalysator, der die angespannte Finanzierungssituation bei solchen Unternehmen jetzt aufdeckt.“ 

Felix Eisel, Partner, Conduction Capital

Shortseller hatten den richtigen Riecher, sicherlich aber auch ein wenig Glück, wie Felix Eisel von Conduction Capital einräumt: „Wir hatte einige Shorts auf Industrieunternehmen wie Elring Klinger oder Heidelberger Druckmaschinen, vor allem wegen der hohen Nettoverschuldung. Das Virus war ein völlig zufälliger Katalysator, der die angespannte Finanzierungssituation bei solchen Unternehmen jetzt aufdeckt.“ Sich nun hinzustellen und zu sagen, dass man dieses Event perfekt antizipiert habe, halte er ein wenig für „Hindsight Bias“. 

Ray Dalio shortet den Dax

Und das Ende der Fahnenstange bei den Wetten der Shortseller ist noch nicht erreicht. Mitte März platzierte der Hedgefonds des US-Investors Ray Dalio, Bridgewater, eine gigantische Wette auf den Dax. Der Leerverkäufer-Datenbank zufolge ist Bridgewater nun bei zwölf der 30 Dax-Konzerne short. 

Die größten Short-Positionen hält Dalio aber nicht bei den typischen Shortseller-Lieblingen. Die größten Leerverkaufspositionen hält sein Hedgefonds dem „Handelsblatt“ zufolge bei SAP (864 Millionen Euro), Allianz (492 Millionen Euro) und Siemens (463 Millionen Euro). Die restlichen Wetten beziehen sich auf Daimler, Deutsche Börse, Deutsche Post, Deutsche Telekom und Fresenius. Zuletzt kamen dann noch Münchener Rück, Bayer, BASF und Adidas hinzu.  

Eine ähnliche Wette gegen den Dax ging Bridgewater schon einmal ein. Vor fast genau zwei Jahren shortete Ray Dalio beinahe den halben Dax. Damals ging die Wette gegen einen flächendeckenden Dax-Absturz noch nicht komplett auf – Corona könnte nun das Blatt wenden, sofern die Aufsichtsbehörden den Spekulanten keinen Strich durch die Rechnung machen. 

Wie lange sind Leerverkäufe noch erlaubt?

Die Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde Esma hat wegen der Corona-Krise bereits die Transparenzregeln für Short-Positionen auf Aktien verschärft. Leerverkäufer müssen ihre Netto-Short-Positionen künftig bereits melden, sobald sie 0,1 Prozent des ausstehenden Aktienkapitals des geshorteten Unternehmens ausmachen. Bisher lag die Schwelle bei 0,2 Prozent. Die Regelung gilt zunächst für drei Monate.

In Österreich wurden nun sogar noch drastischere Maßnahmen ergriffen. Deren Finanzmarktaufsicht hat Wetten auf Aktienkursverluste ab sofort für einen Monat komplett verboten. Bereits zuvor hatten dies komplett oder teilweise bereits Frankreich, Spanien, Italien und Belgien veranlasst. 

Was die Leerverkäufer in Deutschland sonst so treiben und welche Kampagnen sie derzeit verfolgen, erfahren Sie auf der FINANCE-Themenseite zu Shortseller-Attacken.