Mit Zukunftskonzept durch die Krise: Modeeinzelhändler Gerry Weber.

Gerry Weber

06.05.20
Wirtschaft

So will sich Gerry Weber in der Coronakrise retten

Gerade erst aus dem Insolvenzverfahren raus, wurde auch Gerry Weber vom Coronavirus kalt erwischt. Um sich zu retten, bittet der Modehändler seine Gläubiger ein weiteres Mal um Geld und Geduld.

Der gerade erst frisch sanierte Modehändler Gerry Weber will mit einer Reihe von Maßnahmen sein weiteres Bestehen in Zeiten der Coronavirus-Pandemie sichern. „Wir haben sehr frühzeitig in den vergangenen Wochen ein umfangreiches Zukunftskonzept erarbeitet, das von allen Beteiligten schmerzhafte Beiträge zur Bewältigung dieser nie dagewesenen Krise abverlangt", ließ sich CFO und CRO Florian Frank in einer Unternehmensmitteilung zitieren.

Gerry Weber bittet Gläubiger um Stundung

So will das Modehaus im ersten Schritt mehr als 200 seiner über 3.000 Mitarbeiter entlassen. „Im Kontext aller Maßnahmen, die wir aktuell ergreifen, um Gerry Weber zu retten, ist die erneute Reduzierung der Belegschaft die mit Abstand bitterste, und es fällt uns unglaublich schwer, diesen Schritt zu gehen“, so CEO Alexander Gedat. Für den Großteil von ihnen hatte das Unternehmen zuletzt Kurzarbeit beantragt. Zudem habe es mit den Geschäftspartnern und Lieferanten Neuverhandlungen der Verträge gegeben, um die Liquidität zu sichern.

Auch die Eigentümer von Gerry Weber, die Finanzinvestoren Whitebox Advisors und Robus Capital Management, hätten zugesagt, „erhebliche Beiträge“ zu leisten. Dazu gehöre insbesondere die Aufstockung der Betriebsmittellinie. Als letzte Maßnahme will das Unternehmen den Großteil der ehemaligen Insolvenzgläubiger um eine vorübergehende Teilstundung bitten.

Im Detail sollen diese „35 Prozent ihrer Forderungen bis zum 31. Dezember 2023 stunden“, ließ Gerry Weber wissen. Das Geld solle später nachgezahlt werden. Ein Sprecher des Unternehmens wollte auf FINANCE-Anfrage weder konkrete Zahlen zur Betriebsmittellinie noch zur möglichen einbehaltenen Liquidität durch eine vorübergehende Teilstundung nennen.

FINANCE-Köpfe

Florian Frank, Gerry Weber International AG

Florian Frank beginnt seinen beruflichen Werdegang im Jahr 2000 als Assistant Manager Corporate Restructuring bei KPMG in Düsseldorf und Hamburg. Zu seinen Aufgaben gehören Audits insbesondere im Einzelhandelssektor. 2006 wechselt er zu Hanse Management Consulting in Hamburg und ist dort vier Jahre als Projektleiter Restrukturierung und Ertragssteigerung mit Schwerpunkt auf den Handels- und Bausektor tätig. Ab Juli 2010 ist er bei Dr. Wieselhuber & Partner in Hamburg verantwortlich für Restrukturierung und Performance Improvement.

Im Rahmen seiner betreuten Mandate wird Florian Frank mehrfach als CFO und Chief Restructuring Officer (CRO) eingesetzt. Seit Oktober 2018 ist er als CRO und Mitglied des Vorstands bei dem insolventen Modekonzern Gerry Weber in Halle/Westfalen tätig. Dort ist er für die Entwicklung und Umsetzung aller operativen Maßnahmen der Restrukturierung und der Performance-Verbesserung im Unternehmen verantwortlich.

zum Profil

Gerry Weber sieht Licht am Ende des Tunnels

Laut Unternehmen hätten die Schließungen während der Coronakrise zu einem „unwiederbringlichen Umsatzausfall von deutlich mehr als 100 Millionen Euro“ geführt. Doch das Unternehmen zeigt sich auch vorsichtig optimistisch: Nachdem die Geschäfte, die seit Mitte März geschlossen waren, nun langsam wieder öffnen, hätten die Umsätze sukzessive angezogen, und der Umsatz pro Kundin liege derzeit sogar höher als vor der Coronakrise. „Zwar haben wir noch nicht das Umsatzniveau vor der Krise erreicht, aber im Januar und Februar lagen wir deutlich über Plan", so CEO Gedat weiter.

Damit deutet Gedat an, dass sich das Geschäft nach Abschluss des Insolvenzverfahren im Dezember zunächst wieder gut entwickelt hatte. Gerry Weber musste Ende Januar 2019 Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden. Nach Abschluss des Investorenprozesses präsentierte der Modehändler im Juli einen außergewöhnlichen Insolvenzplan, bei dem die Gläubiger zwischen verschiedenen Optionen wählen konnten. Zu Jahresbeginn zeigte sich das Unternehmen dann sehr optimistisch und sprach von einem Neustart, doch schon Anfang April musste Gerry Weber im Zuge der Coronakrise massiv zurückrudern.

CFO und CRO Florian Frank, dessen Vertrag jüngst bis Ende des Jahres verlängert wurde, sprach sogar von „existenzbedrohenden“ Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Unternehmen. Bereits damals war die Rede von Verhandlungen mit Finanzierungspartnern und Lieferanten. Zudem hatte Gerry Weber mit allen Vermietern Gespräche aufgenommen, um Entlastungen für die Mieten zu erreichen – diese Gespräche dauern bis heute noch an, erklärte ein Sprecher auf Anfrage.

Gerry Weber kappt Umsatzprognose

Infolgedessen korrigierte der Modehändler seinen Ausblick nach unten. Für das Gesamtjahr 2020 rechnet die Gesellschaft nun mit einem Umsatz zwischen 260 bis 280 Millionen Euro, zuvor war man noch von 370 bis 390 Millionen Euro ausgegangen. Zuletzt hatte das Unternehmen für das nur neun Monate laufendende Rumpfgeschäftsjahr 2019 einen Umsatz von knapp 331 Millionen Euro ausgewiesen.

Auch auf der Gewinnseite kam es zu Veränderungen: Statt mit einem ausgeglichenen bis leicht negativen normalisierten Ebitda (ohne Berücksichtigung von IFRS 16) geht der Konzern nun von einem Verlust in zweistelliger Millionenhöhe aus. Im Rumpfgeschäftsjahr wies Gerry Weber ein normalisiertes Ebitda von minus 6,2 Millionen Euro aus.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

Gerry Weber musste durch eine harte Sanierung. Wie es zu der Krise kam und was der aktuelle Stand ist, lesen Sie im Überblick auf unserer FINANCE-Themenseite zu Gerry Weber.

Mehr über die Karriere des CFO und CRO von Gerry Weber erfahren Sie auf dem FINANCE-Köpfe-Profil von Florian Frank.

Welche Spuren die Coronakrise in der Corporate-Finance-Welt hinterlässt, erfahren Sie auf unserer Themenseite zum Coronavirus.