Krise ohne Ausweg? Ein Webfehler in den Anleihebedingungen von KTG Agrar lässt eine mögliche Restrukturierung der in Not geratenen Anleihe in weite Ferne rücken.

KTG Agrar

21.06.16
Finanzierungen

Anleihe von KTG Agrar kaum restrukturierbar

Die Lage von KTG Agrar wird immer prekärer: Offenbar hat KTG keine realistischen Aussichten, seine Anleihe zu restrukturieren. Schuld ist ein verhängnisvolles Versäumnis beim Erstellen des Anleiheprospekts.

Das angeschlagene Landwirtschaftsunternehmen KTG Agrar ist noch immer mit der Zinszahlung auf seine fast 250 Millionen Euro schwere Mittelstandsanleihe in Verzug. Die Zahlung wäre eigentlich schon am Montag vor zwei Wochen fällig gewesen. Damit ist auch eine von KTG-Chef Siegfried Hofreiter selbst gesteckte Frist verstrichen. Er hatte beim eigentlichen Zinstermin erklärt, dass „mit einer Zinszahlung innerhalb der kommenden 14 Tage zu rechnen“ sei. In diesem Zeitraum wollte Hofreiter den Verkauf nicht betriebsnotwendiger Assets abschließen, der das nötige Geld in die leeren Kassen des Mittelständlers spülen sollte. Dies gelang offenbar nicht.

Jetzt gilt eine neue selbst gesetzte Frist. „Teile der Zwischenfinanzierung sind inzwischen gesichert“, sagte ein KTG-Sprecher auf FINANCE-Anfrage. „Aber die Gespräche dauern noch an. Wir hoffen nun, die Zinsen bis zur Hauptversammlung der KTG Agrar am 30. Juni zu bezahlen.“

Damit rückt die entscheidende Deadline immer näher: Laut des Wertpapierprospekts der Anleihe müssen innerhalb von 30 Tagen die Zinsen nachgezahlt werden. Dies wäre der 6. Juli. Sonst können die Bondholder ihre Forderungen fällig stellen, sprich: KTG in die Insolvenz stürzen. Abwegig ist dieses Szenario nicht. Die beiden KTG-Anleihen notieren nur noch bei 20 beziehungsweise 14 Prozent ihres Nennwerts, und auch bilanziell befindet sich KTG in einer sehr prekären Lage.

Gefährliches Versäumnis bei KTG Agrar

Die Krise von KTG Agrar dürfte sich dadurch noch weiter verschärfen, dass sich in den Anleihebedingungen nach FINANCE-Recherchen ein schwerer Webfehler befindet. Demnach hätte KTG Agrar offenbar nicht die Möglichkeit, den wankenden Bond nach dem seit 2009 geltenden neuen Schuldverschreibungsgesetz zu restrukturieren. Dieses gibt Emittenten die Möglichkeit, über einen Mehrheitsbeschluss der Anleihegläubiger die Anleihebedingungen nachträglich zu ändern.

Mehrere Unternehmen haben davon zuletzt Gebrauch gemacht, darunter der Maschinenbauer Singulus und die deutsch-russische Agrarholding Ekosem. Bei Singulus stimmte die nötige Mehrheit der Investoren einem Debt-to-Equity-Swap zu, bei Ekosem Agrar befürworteten die Bondgläubiger mehrheitlich eine deutliche Laufzeitverlängerung der ausstehenden Anleihen. Die CFOs beider Unternehmen – Markus Ehret (Singulus) und Wolfgang Bläsi (Ekosem Agrar) – können nun erst einmal durchatmen: Die Bondrestrukturierungen haben die akute Insolvenzgefahr gebannt. 

Entscheidender Passus fehlt im Bondprospekt von KTG Agrar

In den Anleihebedingungen der in Zinsverzug geratenen Anleihe von KTG Agrar findet sich jedoch der verräterische Satz „KTG verfügt über keine entsprechende Vertretung von Schuldtitelinhabern nach Schuldverschreibungsgesetz.“ Von FINANCE befragte Juristen vertreten die Ansicht, dass dies eine Restrukturierung der Anleihe im Zuge eines Mehrheitsbeschlusses nach dem neuen Schuldverschreibungsgesetz ausschließt – zumal in den Anleihebedingungen die dafür vorgesehene Standardklausel fehlt, die so gut wie alle Mini-Bond-Prospekte enthalten.

Bei Singulus heißt es beispielsweise: „Die Anleihebedingungen können durch die Emittentin mit Zustimmung der Anleihegläubiger aufgrund Mehrheitsbeschlusses nach Maßgabe des Schuldverschreibungsgesetzes geändert werden.“ Im Prospekt der KTG-Anleihe finden sich dieser oder ein vergleichbarer Passus nicht. KTG Agrar wollte zu diesem Thema keine Stellung nehmen.

Das Trickreiche am Schuldverschreibungsgesetz ist, dass die spätere Änderung der Anleihebedingungen vom Gesetzgeber optional als Möglichkeit eingeräumt wird, sie aber kein zwingender Teil der Anleihebedingungen ist. Die Unternehmen, die eine Anleihe begeben, müssen einen entsprechenden Restrukturierungsmechanismus also aktiv in ihren Anleihebedingungen verankern. KTG Agrar hat dies offenbar versäumt. Dies könnte KTGs Chancen, dem aktuellen Liquiditätsengpass zu entkommen, deutlich schmälern.    

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr Berichte zu KTG Agrar gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu KTG Agrar. Eine ausführliche Analyse zur Lage und den Finanzierungsoptionen von KTG Agrar finden Sie in der FINANCE-Ausgabe 4/2015, die als epaper hier erhältlich ist.