Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen platzierte den größten Schuldschein des vergangenen Jahres.

ZF Friedrichshafen

20.01.20
Finanzierungen

Autobranche treibt den Schuldscheinmarkt

Der Schuldscheinmarkt war 2019 äußerst aktiv, vor allem die Automotive-Branche sorgte für milliardenschwere Deals. Und auch Innovationen gab es einige – das FINANCE-Schuldschein-Update.

Die Beliebtheit des Schuldscheinmarkts reißt nicht ab. 2019 wurden Schuldscheine über insgesamt 27,8 Milliarden Euro platziert. Das sind 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Transaktionen hielt sich mit 160 etwa die Waage mit dem Vorjahr. Das geht aus dem aktuellen FINANCE-Schuldschein-Update hervor, das der Datenanbieter Refinitiv vierteljährlich exklusiv für FINANCE aufbereitet. Das aktuelle Datenblatt können MeinFINANCE-Nutzer hier kostenlos herunterladen.

Schaut man sich den Verlauf am Schuldscheinmarkt genauer an, sieht man deutlich, dass gerade das zweite und dritte Quartal für das hohe Volumen sorgten. Mit Emissionen von über 10 Milliarden Euro hat der Markt im Frühjahr das stärkste Quartal jemals verzeichnet. Und das anschließend dritte Quartal reichte mit über 8 Milliarden Euro fast an diesen Rekordwert heran – von Sommerflaute keine Spur. Dank dieser beiden Quartale war 2019 laut Refinitiv das zweitstärkste Jahr, das der Schuldscheinmarkt je gesehen hat.

Automotive führt den Schuldscheinmarkt an

Im vierten Quartal schwächte sich das Geschäft zwar spürbar ab, allerdings gab es in diesem Zeitraum die größte Transaktion des Jahres: Mit einem Jumbo-Schuldschein über rund 1,7 Milliarden Euro verwies der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen im Oktober alle anderen Emittenten auf die Plätze (Insgesamt platzierte ZF sogar 2,1 Milliarden Euro. Refintiv erfasst in ihrer Top-10-League Table nur den Teil der Transaktion, der am 25. Oktober gesettelt wurde). Die Friedrichshafener hatten auch schon 2015 einen Schuldschein jenseits der 2-Milliarden-Marke platziert und damals neue Maßstäbe für die Aufnahmefähigkeit des Schuldscheinmarktes gesetzt.

Auf Platz 2 der Top-Transaktionen findet sich ebenfalls ein Emittent aus der Autoindustrie. Porsche platzierte einen Schuldschein über 1 Milliarden Euro, der zugleich für einen aktuellen Trend in der Unternehmensfinanzierung steht: Green Finance. Porsche platzierte als erster Autokonzern einen grünen Schuldschein, dessen Erlös ausschließlich für nachhaltige Projekte eingesetzt werden kann. Porsche nutzt die Mittel für Investitionen in das neue Modell „Taycan“, den ersten vollelektrischen Porsche der Geschichte.

Auf den nachfolgenden Plätzen liegen die Lufthansa mit einem Schuldschein über 800 Millionen Euro, das Immobilienunternehmen Gewobag mit 700 Millionen Euro und nur unwesentlich darunter Fresenius mit knapp 700 Millionen Euro. Auf den unteren Plätzen der Top Ten finden sich mit dem teilweise grünen Schuldschein von Barry Callebaut (Schweiz) und den Transaktionen von Valeo,  Peugeot und Iliad (Frankreich) auch einige ausländische Emittenten. Beschlossen werden die Top Ten vom dem Autozulieferer Continental mit einem Schuldschein über 500 Millionen Euro.

LBBW hält Konkurrenz auf Distanz

In den League-Tables der Banken gab es 2019 keine gravierenden Veränderungen, die vier-Top-Arrangeure des Jahres 2018 haben ihre Positionen verteidigt. Auf Platz 1 steht weiterhin die LBBW, auf sie entfällt mit 53 begleiteten Deals ein Marktanteil von 20 Prozent. Zur Jahresmitte hatte es zwischenzeitlich so ausgesehen, als könnte die BayernLB zum Sprung an die Spitze ansetzen, doch in der zweiten Jahreshälfte war die LBBW deutlich stärker.

Am Ende reichte es für die Münchener sogar nur zu Platz 3 mit 23 Transaktionen und einem Marktanteil von 11 Prozent. Platz zwei verteidigte die Helaba (34 Deals, 13 Prozent Marktanteil), Platz vier sicherte sich die Unicredit mit 10 Prozent und 28 Deals.

Deutlich mehr Bewegung gab es dahinter. Größter Gewinner: Die Deutsche Bank, die neun Plätze nach vorne auf Platz 5 preschte. Als Neueinsteiger in die zehn größten Schuldscheinarrangeure präsentiert sich die Société Générale mit 12 begleiteten Transaktionen und einem Marktanteil von 3 Prozent auf Platz 10. Alle weiteren Platzierungen finden Sie im FINANCE-Schuldschein-Update.

Schuldscheinmarkt wird grüner und digitaler

Zwei Trends, die schon 2018 den Schuldscheinmarkt prägten, haben sich im abgelaufenen Jahr verfestigt. Zum einen verbreiten sich digitale Schuldscheinplattformen immer weiter. Das zeigte sich auch bei den zwei größten Deals des Jahres. Sowohl ZF als auch Lufthansa setzten bei ihren Transaktionen auch auf die Vermarktung über den digitalen Weg. Ein Thema, das zudem wichtiger werden könnte, ist die E-Signatur bei Schuldscheindarlehen, durch die keine physische Unterschrift zum Abschluss einer Transaktion mehr notwendig ist.

Zum anderen locken grüne Finanzierungen (wie oben bereits erwähnt) neue Emittenten an. Neben der Lufthansa platzierten auch VW Immobilien, Porr, Mann + Hummel und noch einige weitere Unternehmen Papiere, deren Erlöse ausschließlich für nachhaltige Projekte eingesetzt werden dürfen. Gleichzeitig sorgte der Maschinenbauer Dürr für den ersten ESG-linked Schuldschein, dessen Marge an die Nachhaltigkeits-Performance gekoppelt ist. Die Ratingagentur Scope sagt voraus, dass sich diese Entwicklung auch 2020 fortsetzt: Demnach soll der Büromaterialhersteller Faber-Castell schon den nächsten ESG-linked Schuldschein in der Vermarktung haben. Bei dem Versorger Verbundnetz Gas sei ein Green Schuldschein in der Mache.

Belastungstest für Schuldscheinmarkt

Trotz aller Innovationen könnte der Enthusiasmus am Schuldscheinmarkt in diesem Jahr aber etwas abnehmen. Scope geht davon aus, dass die Verlangsamung der globalen Wirtschaft auch am Schuldscheinmarkt Spuren hinterlassen wird und rechnet deshalb für 2020 mit einem Emissionsvolumen von 20 bis 25 Milliarden Euro. Dies wäre kein Einbruch, aber ein Ende des Booms.

Scope geht davon aus, dass Investoren in einem schwieriger werdenden Umfeld gerade bei Emittenten aus zyklischen und wirtschaftlich sensiblen Wirtschaftszweigen höhere Margen verlangen werden. Die Schwierigkeiten bei dem Autozulieferer Leoni, der 2020 Schuldscheine über 200 Millionen Euro zurückzahlen muss, aber auch einigen weiteren Emittenten hätten als Warnsignal gewirkt. Auch die Pleite von Gerry Weber sorgte im abgelaufenen Jahr für Missstimmung am Schuldscheinmarkt.

Scope glaubt, dass es 2020 zu einem Belastungstest am Schuldscheinmarkt kommen könnte. Die Kernfrage lautet, wie hoch die Qualität speziell der ungerateten Schuldscheine in einem widrigen Konjunkturumfeld wirklich ist.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de
 

Die größten Deals, die aktivsten Banken: Alle wichtigen Infos auf einen Blick im FINANCE-Schuldschein-Update, das hier kostenlos verfügbar ist. Die Daten werden von Refinitiv, früher Thomson Reuters LPC, exklusiv für FINANCE zusammengestellt.