Die Staatsanwaltschaft München hat auch Ex-Wirecard-CFO Burkhard Ley festgenommen.

Wirecard

22.07.20
Wirtschaft

Wirecard: Haftbefehl gegen Ex-CFO Ley

Die Staatsanwaltschaft München hat im Fall Wirecard weitere Beschuldigte festgenommen – darunter den ehemaligen CFO Burkhard Ley. Auch Ex-Chef Markus Braun befindet sich wieder in Haft.

Die Staatsanwaltschaft hat im Wirecard-Skandal drei ehemalige Führungskräfte verhaftet. Das teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München am Mittwochnachmittag mit. Unter den Beschuldigten ist auch der ehemalige Wirecard-CFO Burkhard Ley, der bis Ende 2017 im Amt war. Auch der frühere Head of Accounting von E. wurde festgenommen.

Der ehemalige Vorstandschef Markus Braun, der zuletzt gegen Kaution auf freiem Fuß war, ist ebenfalls wieder in Haft: Gegen ihn hat die Staatsanwaltschaft einen erweiterten Haftbefehl erlassen – diesmal ohne die Möglichkeit, auf Kaution wieder freizukommen. Der Ex-CEO war vor rund einem Monat erstmals verhaftet worden.

Die Beschuldigten wurden laut Staatsanwaltschaft aufgrund von Haftbefehlen in München festgenommen, sie hätten sich nicht freiwillig gestellt. Burkhard Leys Anwalt widersprach gegenüber der Nachrichtenagentur „Reuters“ dieser Darstellung: „Mein Mandant hat sich dem Verfahren gestellt und tut dies weiterhin. Er weist die Vorwürfe zurück.“ Der ehemalige Finanzchef, der nach seinem Weggang weiterhin als Berater für Wirecard tätig war, habe bereits freiwillig ausgesagt, der Haftbefehl sei daher nicht nachvollziehbar. Markus Brauns Verteidiger war „Reuters“ zufolge für eine Stellungnahme vorerst nicht zu erreichen.

Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe

Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Untreue, unrichtige Darstellung sowie Marktmanipulation in jeweils mehreren Fällen vor, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Unternehmen sich auf Basis mutmaßlich gefälschter Zahlen Kredite über insgesamt 3,2 Milliarden Euro bei Banken und Investoren gesichert haben soll. Den Beschuldigten sei „spätestens seit Ende 2015“ klar gewesen, dass der Konzern Verluste erzielte, so der Vorwurf.

Die Ermittlungen dauern noch an. Welche Vorwürfe den einzelnen Beschuldigten nach derzeitigem Ermittlungsstand im Detail gemacht werden, will die Staatsanwaltschaft aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit nicht genauer ausführen.

Die Ermittler stützen ihren Verdacht auch auf Aussagen eines Kronzeugen, der sich gemeldet hat: Neben „sehr intensiven Ermittlungen“ und „umfassenden Aussagen eines Kronzeugen“ hätten Zeugenaussagen und Urkunden zu den Einschätzungen geführt.

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Burkhard Ley, Wirecard AG

Nach erfolgreicher Bankausbildung bei der Stadtsparkasse Solingen startet Burkhard Ley zunächst auch seine Laufbahn im Banking. Im Jahr 1988 geht er zu Sal. Oppenheim, wo er in den Bereichen Corporate Banking und Corporate Finance tätig ist. Als er im Jahr 2000 die Kölner Privatbank verlässt, bekleidet er den Rang eines Direktors.

Anschließend wird er CFO des Münchener Medienunternehmens Kirch New Media. Nach etwas mehr als einem Jahr kehrt Ley Kirch den Rücken, um sich als Berater selbstständig zu machen. Er konzentriert sich auf die strategische Beratung von Unternehmen, Finanzdienstleistern, Investmentfonds und Private-Equity-Investoren. Der Schwerpunkt liegt auf Corporate Finance, insbesondere auf M&A- und Eigenkapitaltransaktionen.

Anfang 2006 wird Burkhard Ley CFO des Zahlungsabwicklers Wirecard und Vorstand der zum Konzern gehörenden Wirecard Bank. Im Juli 2017 wird bekannt, dass Ley Wirecard zum Ende des Jahres verlassen und als Berater zur Verfügung stehen wird.

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Die Ermittlungsergebnisse begründeten den Verdacht, dass Markus Braun, Burkhard Ley, der frühere Accounting-Chef sowie der Geschäftsführer der Cardsystems MiddleEast in Dubai gemeinsam mit weiteren Personen bereits 2015 übereingekommen seien, die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen des Unternehmens durch Vortäuschen von Einnahmen aus dem Drittpartnergeschäft aufzublähen, heißt es von Seiten der Staatsanwaltschaft.

Wirecard: 3,2 Milliarden Euro wahrscheinlich verloren

„Das Unternehmen sollte finanzkräftiger und für Kunden und Investoren attraktiver dargestellt werden, um so regelmäßig Kredite von Banken und sonstigen Investoren zu erhalten und daraus fortwährend eigene Einkünfte zu generieren“, erklärt die Sprecherin die Annahme der Staatsanwaltschaft.

Insgesamt 3,2 Milliarden Euro hätten Kreditgeber aus Deutschland und Japan Wirecard im Vertrauen auf richtige Jahresabschlüsse bereitgestellt. Hoffnung darauf, die Forderungen noch einmal wiederzusehen, macht die Staatsanwaltschaft den Gläubigern nicht: „Die Gelder sind aufgrund der Insolvenz der Wirecard AG höchstwahrscheinlich verloren“, heißt es in einem Statement.

Zeugen sprechen von strenger Wirecard-Hierarchie

Den früheren Vorstandschef, den Ex-CFO und den ehemaligen Accounting-Chef könnte auch die M&A-Strategie des Zahlungsdienstleisters einholen: Die drei werden verdächtigt, Übernahmen zu überhöhten Preisen getätigt und damit das Unternehmensvermögen geschädigt zu haben.

Die große Frage lautet nach wie vor, wie die dubiosen Machenschaften des Konzerns so lange unentdeckt bleiben konnten. Die Gespräche der Staatsanwaltschaft mit Zeugen gewähren nun Einblicke in eine offenbar sehr spezielle Unternehmenskultur: „In Vernehmungen wird von einem streng hierarchischem System, geprägt von Korpsgeist und Treueschwüren gegenüber dem CEO als Führungsperson berichtet“, so die Sprecherin.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun „ergebnisoffen in alle Richtungen, auch zu einer möglichen Entlastung der Beschuldigten“ weiter. Weitere Kronzeugen lockt die Staatsanwaltschaft mit der Aussicht auf Strafmilderungen – sie gibt aber auch den Hinweis, dass Informationen an Wert verlören, je weiter die Ermittlungen vorankämen. Nach wie vor sind längst nicht alle Rätsel rund um Wirecard gelöst – nach wie vor unklar ist beispielsweise, wo sich der ehemalige Vorstand Jan Marsalek derzeit aufhält.

Michael Jaffé will Wirecard als Ganzes verkaufen

Unterdessen zeichnet sich im Verkaufsprozess offenbar ab, dass Insolvenzverwalter Michael Jaffé versuchen will, das Kerngeschäft sowie die Wirecard Bank als Ganzes zu verkaufen. Das berichtet das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Insider. Die Wirecard-Tochter soll demnach gemeinsam mit der zugehörigen Technik von Wirecard angeboten werden. Dass die Wirecard Bank geschlossen werden oder ein Zahlungsverbot erhalten könne, sei dagegen kein Thema mehr. Die Anwaltskanzlei Noerr begleitet den Verkaufsprozess.

Im Verkaufsprozess des US-Geschäfts, das offenbar bis zu 100 Millionen Euro wert sein könnte, erwartet die mandatierte Investmentbank Moelis & Co bis Freitag die ersten Übernahmeangebote für den Bereich „Citi Prepaid Card Services“.

Für das britische Wirecard-Geschäft sucht die Beratung Alvarez & Marsal nach Kaufinteressenten. Zuletzt sollen mehr als 100 Parteien Interesse an Wirecard-Teilen signalisiert haben. Unter ihnen befinden sich übereinstimmenden Medienberichten zufolge hauptsächlich Finanzinvestoren. Wirecard-Wettbewerbern sei eine Übernahme zu riskant.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Mit dem Wirecard-Ticker bleiben Sie bei dem Bilanzskandal des insolventen Zahlungsdienstleisters immer auf dem Laufenden. Noch mehr Infos und Hintergründe finden Sie auf der FINANCE-Themenseite Wirecard.

Mehr über den Ex-Finanzchef lesen Sie auf dem FINANCE-Köpfe-Profil von Burkhard Ley.