Deutschland hat 2024 das zweite Jahr Wirtschaftskrise in Folge erlebt. Die Zahl der Insolvenzen ist weiter gestiegen, die geopolitischen Unsicherheiten haben zugenommen. Das macht sich auch im Consulting-Geschäft der Big Four bemerkbar. Konnten in den vorherigen beiden Geschäftsjahren alle vier Häuser jeweils zweistellig wachsen, verlief das Beratungsgeschäft im vergangenen bei Deloitte, PwC, EY und KPMG uneinheitlich.
Einst stabile Umsatzbringer, wie die Transaktionsberatung, schwächelten zum Teil aufgrund des angespannten Marktumfelds. Vor allem die Nachfrage nach kleineren Beratungsaufträgen wie etwa zur Optimierung von Lieferketten oder des Wareneinkaufs – „Brot- und Butter-Projekte“ – seien von schwindender Nachfrage betroffen, sagte Stefan Frühauf, CFO/COO von PwC bei der Vorstellung der Zahlen für das Geschäftsjahr 2023/2024 quasi stellvertretend für die Branche.
Transformationsprojekte zur Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz oder der CSRD-Richtlinie blieben weiterhin stark nachgefragt. Deloitte-CEO Volker Krug bestätigte diesen Eindruck seinerseits bei der Präsentation der Jahreszahlen des Big-Four-Hauses.
Deloitte erneut zweistellig
Diese Themen trieben bei Deloitte das Wachstum in den Geschäftsbereichen „Consulting“ und „Financial Advisory“ in die Höhe. Im Consulting konnte Deloitte den Umsatz um 10,4 Prozent auf fast 1,3 Milliarden Euro ausbauen, im Financial Advisory kletterte er um 4,9 Prozent auf 296 Millionen Euro. Zusammengenommen setzte Deloittes Beratungsgeschäft damit mehr als 1,55 Milliarden Euro um – rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes.
Im Financial Advisory glich die gestiegene Nachfrage für Beratungen und Dienstleistungen im Restrukturierungsbereich das rückläufige Geschäft der Transaktionsberatung aus, die unter dem schwächeren M&A-Markt litt. Einen Zuwachs konnte Deloitte auch bei den Forensic Services erzielen.
Mit Beginn des kommenden Geschäftsjahres am 1. Juni wird Deloitte sein Beratungsgeschäft umstrukturieren. Die Änderungen betreffen vor allem die Beratungsbereiche „Consulting“, „Financial Advisory“ und „Risk Advisory“. Diese werden künftig in den Geschäftsbereichen „Strategy, Risk & Transaction“ und „Technology & Transformation“ zusammengefasst.
Deloitte ernennt neue Chefin
Im Geschäftsbereich „Strategy, Risk & Transaction“ bringt Deloitte zudem die M&A-Beratung unter. Der Geschäftsbereich „Technology & Transformation“ wird künftig Beratungsdienstleistungen zu den Themenfeldern, Cybersecurity, Digitalisierung, nachhaltige Transformation und Künstliche Intelligenz umfassen. Im Zuge der Umstrukturierung können demnach einzelne Mitarbeiter neuen Teams und Bereichen zugeordnet werden.
Mit dieser will Deloitte sich vor allem an „veränderte Kundenbedürfnisse” anpassen. Außerdem sollen Doppelstrukturen aufgelöst und Teams thematisch zusammengeführt sowie deren Kompetenzen gebündelt werden. Die neue Struktur soll bis Juni 2025 eingeführt sein.
Eine Veränderung gab es auch an der Spitze des Beratungsgeschäfts. Dieses wird seit Mitte Juli von Maren Hauptmann geführt. Sie folgt auf Nicolai Andersen, der Anfang Juni in die Rolle des Global Lead „Strategy, Risk & Transactions“ geschlüpft war.
KPMG muss bangen
Ein knapp zweistelliges Wachstum im Advisory-Geschäft konnte auch KPMG erzielen. Die Gesamtleistung, die im Gegensatz zum reinen Umsatz die bis zum Bilanzstichtag am 30. September erbrachte Leistungen aus noch nicht beendeten Projekten berücksichtigt, wuchs um 9,8 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro an. Damit steuert das Beratungsgeschäft rund 43 Prozent zur Gesamtleistung der Big-Four-Gesellschaft bei.
Im Consulting trugen laut KPMG vor allem Projekte in den Bereichen Finance, Cloud-Computing und Cybersecurity dazu bei. Die Transaktionsberatung wuchs trotz des schwierigen M&A-Umfelds laut KPMG vor allem durch Deals, die darauf abzielten, Unternehmen digitaler, nachhaltiger und resilienter aufzustellen. Zum Ende des Geschäftsjahres 2024 war das Unternehmen laut Mergermarket führend bei der Zahl der in Deutschland abgeschlossenen Transaktionen. Auch an den Börsengängen von Birkenstock, Douglas, Renk und Springer Nature war KPMG beteiligt.
Allerdings gab es an der Spitze des M&A-Teams von KPMG gegen Ende des Geschäftsjahrs einen personellen Wechsel. Der Head of M&A, Alexander Bischoff, hat KPMG im Juli mit unbekanntem Ziel verlassen. Der Deal-Spezialist war rund 16 Jahre bei KPMG tätig. Er startete seine Big-Four-Laufbahn 2008 als Director im Deal Advisory und stieg im Oktober 2017 zum Partner und Head of M&A auf. Sein Nachfolger ist Steffen Wagner, der seit mehr als 27 Jahren bei KPMG und seit 2004 als Partner im Bereich Deal Advisory tätig ist.
PwC schrumpft in der Beratung
Während Deloitte und KPMG robuste Wachstumszahlen präsentieren konnten, schrumpfte bei PwC das Beratungsgeschäft um 1,9 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Damit bleibt PwC die zweitgrößte Big Four in diesem Segmant. Im Vorjahr war PwC noch um 19,4 Prozent gewachsen, zuvor betrug das Wachstum sogar 24,9 Prozent und selbst im Corona-Jahr 2021 konnte PwC immerhin ein Mini-Wachstum von 1,6 Prozent verzeichnen.
Verantwortlich für den Rückgang sei das aktuell sehr herausfordernde Marktumfeld mit Inflation, Kriegen und Rezession. Unternehmen hätten deshalb die Beratungsbudgets für kleinere Aufträge gekürzt und stattdessen auf größere Transformationsprojekte zur Digitalisierung oder Nachhaltigkeit aufgeteilt. Auch das schleppend verlaufende Transaktionsgeschäft habe zu dem Rückgang beigetragen.
Künftiges Wachstum erhofft sich die größte deutsche Big-Four-Gesellschaft im laufenden Geschäftsjahr vor allem von Transformationsprojekten zu den Themen Nachhaltigkeit, KI und der Anpassung von Geschäftsmodellen.
Info
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Ex-Innenminister ist Geschäftsführer
Dabei helfen soll der frühere hessische Innenminister Peter Beuth, der ab Juli als Geschäftsführer der Strategieberatung Strategy& Deutschland startet. Er soll hauptsächlich Klienten aus dem öffentlichen Sektor in strategischen und operativen Fragen unterstützen. Als Teil der Geschäftsführung soll er eng mit dem Leitungsteam um Rainer Bernnat zusammenarbeiten, der den Fachbereich „Öffentlicher Sektor” bei PwC Deutschland leitet.
Nicht als Berater für PwC tätig ist dagegen Forensik-Experte Stefan Heissner, der vergangenen Juli als Senior Managing Director bei FTI Consulting die Leitung der Bereiche Forensik, Fraud Investigations und Litigation Consulting in der DACH-Region übernommen hat. Heissner hat PwC damit nach nicht einmal zweieinhalb Jahren wieder verlassen. Im Februar 2022 kam Heissner von EY zu der Wettbewerberin, wo er seitdem als Co-Lead den Bereich Risk & Regulatory in Deutschland sowie PwC Forensics in der EMEA-Region verantwortete.
| Umsatz/Gesamtleistung (GL) 2022/2023 | Prozentuales Wachstum | |
| Deloitte | 1,55 Mrd. Euro Umsatz | 9,2 |
| PwC | 1,5 Mrd. Euro GL | -1,9 |
| EY | 1,1 Mrd. Euro Umsatz | k.A. |
| KPMG | 1,1 Mrd. Euro GL | 9,8 |
EY verdient mit Beratung mehr als 1 Milliarde Euro
Sein alter Arbeitgeber EY durfte sich dafür über den Durchbruch einer Umsatzschallmauer freuen: Erstmals setze EY in Deutschland im Beratungsgeschäft mehr als 1 Milliarde Euro um. Im Vorjahr lag der Umsatz in diesem Segment noch bei 970 Millionen Euro, auch wenn die Zahlen aufgrund der Umstrukturierung der Geschäftsbereiche nicht direkt vergleichbar sind.
Im Consulting erwirtschaftete EY im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 587 Millionen Euro, die Strategie- und Transaktionsberatung setzte 465 Millionen Euro um – insgesamt ist das ein Umsatz von 1,1 Milliarden Euro. Da EYs Umsatz nur rund 80 Millionen Euro unter KPMGs Gesamtleistung liegt, ist es gut möglich, dass beide Big-Four-Gesellschaften ihre Plätze getauscht haben. Auch bei EY dominierten die Transformationsthemen KI und ESG.
Einen erhöhten Beratungsbedarf hat EY im Technology Consulting zu den Themen Automatisierung, Cybersecurity und SAP-Beratung ausgemacht. Diese seien klare Wachstumsfelder im Consulting, heißt es seitens der Big-Four-Gesellschaft. Unternehmen würden das Nachhaltigkeitsreporting zunehmend in die IT integrieren, was zu großem Beratungsbedarf in diesem Bereich führe. Wie auch die übrigen Big Four setzt EY dabei auf Allianzen mit führenden Technologieunternehmen wie Microsoft, SAP oder ServiceNow.
Einen personellen Verlust musste dagegen der Bereich „FS Consulting, Financial Crime, Compliance & Conduct“ hinnehmen. Dieser verlor mit Burkhard Eisele den Bereichsleiter. Eisele wechselte mit einem Team zur wesentlich kleineren Beratung LPA. Obwohl EY zuletzt das meiste Personal an die Big Four verlor, sieht das Prüfungs- und Beratungshaus allerdings keinen Berater-Exodus. Personalberater, mit denen FINANCE gesprochen hat, bestätigen den Eindruck.
EY will seine Dienstleistungsbereiche künftig noch stärker integrieren und zu einer ganzheitlichen Transformationsberatung weiterentwickeln. Für weiteres Wachstum soll zudem die geopolitische Beratung sorgen, die laut EY schon im abgelaufenen Geschäftsjahr gut nachgefragt gewesen sei. Mit einer massiven Aufstockung der Kapazitäten im Beratungsfeld Cybersecurity sieht sich EY gut auf die stark steigende Nachfrage bei diesem Thema eingestellt.
Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.
