Auf die Banken kommen harte Zeiten zu: In den kommenden Monaten werden sie einen steigenden Anteil an Krediten wertberichtigen müssen, erwartet die Bundesbank.

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15.10.20
Banking & Berater

Bundesbank erwartet mehr faule Kredite

Die Bundesbank rechnet für 2021 mit mehr Insolvenzen und höheren Wertberichtigungen bei Krediten. Ein Knackpunkt dabei: die dürftige Personalausstattung in den Kriseneinheiten der Banken.

Die gute Nachricht zuerst: Bislang haben die Banken ihre Rolle in der Coronavirus-Pandemie erfüllt: „Das deutsche Finanzsystem hat sich als stabil erwiesen“, konstatiert Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank. Doch der große Härtetest dürfte vielen Häusern erst noch bevorstehen, zeigt der nun vorgelegte „Finanzstabilitätsbericht 2020“ der Bundesbank.

Der Grund: In den kommenden Monaten rechnet die Bundesbank damit, dass mehr Unternehmen in die Insolvenz rutschen. Bislang hatte die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für Corona-bedingt kriselnde Unternehmen für ruhigere Fahrwasser gesorgt. Für zahlungsunfähige Unternehmen ist die Aussetzung jedoch Ende September ausgelaufen, für überschuldete Krisenfälle läuft sie nur noch bis zum Jahresende. Bisher hat die Coronakrise daher bislang noch kaum zu höheren Wertberichtigungen in den Bankbilanzen geführt.

Doch die Zahl der Non-Performing Loans wird den Prognosen zufolge steigen, hat die Bundesbank in einer Simulation ermittelt: Demnach könnten sich die Wertberichtigungen in den kommenden Quartalen von zuletzt rund 0,2 Prozent auf 0,8 Prozent des Kreditbestands deutlich erhöhen. Wertberichtigungen werden beispielsweise notwendig, wenn Kredite nicht plangemäß zurückgezahlt werden oder der Schuldner zahlungsunfähig ist.

Mit den Wertberichtigungen einher geht ein erwarteter Anstieg der Insolvenzen: Die Anzahl der Insolvenzanträge in Deutschland hatte sich zuletzt bei etwa 5.000 Anträgen je Quartal eingependelt, für das erste Quartal 2021 rechnet die Bundesbank mit einem Anstieg auf mehr als 6.000 Anträge. 

Restrukturierer werden zum Engpass

Auf diese Welle sollen die Banken sich vorbereiten, mahnt die Bundesbank. „Wichtig ist jetzt, dass die Banken weiterhin ihre Aufgabe erfüllen: gute von schlechten Risiken zu unterscheiden – und Kredite an gute Kreditnehmer auch zu vergeben“, fordert Joachim Wuermeling, der im Bundesbank-Vorstand für die Bankenaufsicht zuständig ist. 

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Doch das ist leichter gesagt als getan: Der Umgang mit Krisenfällen und notleidenden Krediten dürfte einige Banken vor Herausforderungen stellen. Denn während die Zahl der Restrukturierungsfälle bereits vor der Coronakrise anstieg, ist die Zahl der Restrukturierer nicht mitgewachsen. Diesen Knackpunkt sieht auch die Bundesbank: „Ausreichende Kapazitäten und Erfahrung im Umgang mit Insolvenzen – sowohl bei den Banken als auch in der öffentlichen Verwaltung – dürften relevant für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sein“, schreibt sie. 

Allerdings haben einige Banken in den vergangenen Jahren ihre Workout-Units eher ausgedünnt und zentralisiert. Dass der Bereich Distressed Debt mancherorts aus dem Fokus gerückt ist, wird nun zum Nachteil: „Gerade weil in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt die Insolvenzen auf historisch niedrigem Niveau lagen, könnten die Kapazitäten im privaten und öffentlichen Sektor nicht ausreichen, um mit stark steigenden Insolvenzzahlen umgehen zu können“, fürchtet die Bundesbank.

Mit dieser Sorge steht sie nicht allein: Bereits Ende März äußerte mehr als die Hälfte der Teilnehmer der virtuellen Distressed-Assets-Konferenz, dass es nicht genügend Restrukturierer geben könnte, um steigende Fallzahlen zu meistern. Und sogar 86 Prozent stimmten der These zu, dass anstelle von Restrukturierungen verstärkt die schnelleren Liquidationen von Unternehmen genutzt werden dürften. 

Weitere Kreditausfälle nicht ausgeschlossen

Dass die Banken die Herausforderungen der Coronakrise bislang stabil bewältigen konnten, liegt auch daran, dass die besonders hart betroffenen Branchen wie das Gastgewerbe nur einen kleinen Teil ihres Kredit-Exposures ausmachen: Gegenüber dem Gastgewerbe in Deutschland halten die Banken dem Bundesbankreport zufolge lediglich Kredite über 28 Milliarden Euro. Das sind knapp 2 Prozent des Kreditvolumens, das deutsche Banken an inländische Unternehmen vergeben haben. 

Zum Vergleich: Der bislang recht stabile Wohnungs- und Grundstückssektor vereint 476 Milliarden Euro an Kreditforderungen auf sich und steht damit für 23 Prozent der Forderungen bei den großen, systemrelevanten Banken und sogar für 32 Prozent der Inlandskredite bei den übrigen Banken. 

Verlaufen die Marktanpassungen ähnlich wie in der Vergangenheit, „dürfte dies für die Banken verkraftbar sein“, so das Fazit der Bundesbank. Allerdings sind die Hochrechnungen mit Unsicherheit behaftet – sie beruhen auf Daten und Erfahrungswerten der Vergangenheit, von denen nicht klar ist, inwieweit sie sich auf die Situation in der Corona-Pandemie übertragen lassen. Es sind daher „auch Szenarien möglich, in denen Insolvenzen und die damit verbundenen Kreditausfälle unerwartet stark steigen“, warnt die Bundesbank – mit entsprechend negativen Folgen für die Kapitalquoten der Banken.

Was passiert bei Rating-Herabstufungen?

Ein Risiko sieht die Bundesbank in möglichen Rating-Herabstufungen. Solche Downgrades zeigen sich mit etwas Verzögerungen oft auch am Kreditmarkt: Eine Auswertung der Bundesbank deutet darauf hin, dass die Ausfallraten von Unternehmen rund sechs Monate nach umfangreichen Rating-Herabstufungen steigen, heißt es in dem Report. Die Ausfallraten der besonders riskanten Unternehmen des High-Yield-Segments sind demnach von März bis Juni 2020 in Europa von 2,7 auf 3,5 Prozent gestiegen, Standard & Poor’s rechnete im August mit einem Anstieg auf 8,5 Prozent bis Juni 2021.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Entwicklung bei Anleihen: Zwischen Ende Februar und Ende August dieses Jahres wurden der Bundesbank zufolge Anleihen von Unternehmen außerhalb des Finanzwesens mit einem Nominalvolumen von 177 Milliarden Euro mit einem negativen Ausblick versehen – rund ein Drittel des gesamten Nominalvolumens, das geratete, nicht-finanzielle Unternehmen ausstehen haben. 

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Folgt dem negativen Ausblick eine Herabstufung, steigen die Finanzierungskosten für diese Unternehmen. Doch viele Rating-Herabstufungen in kurzer Zeit setzen auch die Banken unter Druck: Halten sie das entsprechende Papier im Portfolio, sinkt dessen Wert. Zudem müssen die Banken Wertpapiere mit schlechteren Ratings häufig mit mehr Eigenmitteln hinterlegen.

 „Die Anleiheportfolios von deutschen Banken, Investmentfonds und Versicherern waren im Juni 2020 deutlich stärker von Rating-Herabstufungen betroffen als zuvor“ bilanziert die Bundesbank. Die Anleihen, die zwischen April und Juni dieses Jahres herabgestuft wurden, standen demnach für 8 Prozent der gesamten Anleihebestände deutscher Banken, Fonds und Versicherer – der mehrjährige Durchschnitt liegt bei 3 Prozent. Der Anteil von Anleihen mit negativem Rating-Ausblick in den Portfolios lag im Juni bei 32 Prozent und war damit mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen vier Jahre (14 Prozent).

Banken sollen Kapitalpuffer nutzen

Die größte Sorge der Bundesbank ist eine Abwärtsspirale: So könnten Banken schlimmstenfalls die Kreditvergabe einschränken, um die Vorgaben für ihre Eigenkapitalquoten einzuhalten – und dadurch der Wirtschaft schaden. Eine Kernforderung lautet daher: Um die Kreditvergabe aufrecht zu erhalten, sollen die Banken ihre Kapitalpuffer nutzen.

Die EZB hatte bereits im Frühjahr für Entlastung im Bankensektor gesorgt. So durften Banken beispielsweise auch Nachranganleihen zur Befüllung ihres Kapitalpuffers einsetzen, nicht mehr nur hartes Kernkapital. Allerdings mahnt der Bericht zur Finanzstabilität auch: „Wenn die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie überwunden sind, müssen die Puffer mittelfristig wieder aufgebaut werden.“ Die im Frühjahr 2020 gewährten regulatorischen Erleichterungen „dürfen nicht permanent aufrechterhalten bleiben“.

Aktien raus, sichere Anleihen rein

Der Bundesbankreport zeigt aber auch, wie genau sich die Banken in den ersten Wochen und Monaten der Pandemie aufgestellt haben, als von Ende Februar an die Aktien- und Anleihekurse rapide einbrachen. „Viele Marktteilnehmer fragten verstärkt liquide Mittel nach und flüchteten in sicherere Anlagen“, resümiert die Bundesbank. Ein Grund war demnach der steigende Bedarf an hochliquiden Sicherheiten, um Nachschusspflichten (Margin Calls) bei besicherten Transaktionen wie Repo-Geschäften bedienen zu können. 

Die Banken waren demnach doppelt unter Druck: Zum einen stieg die Nachfrage ihrer Firmenkunden nach Kreditlinien, zugleich brauchten sie selbst vermehrt Sicherheiten für Repo-Geschäfte und Transaktionen mit zentralen Gegenparteien (Central Counterparties, CCPs). Die Banken schichteten entsprechend ihre Portfolien um: Sie trennten sich dem Report zufolge vor allem von Aktien und von Anleihen im High-Yield-Segment. Deutlich stärker gefragt als im Vorquartal waren dagegen als sicher und liquide geltende Wertpapiere, etwa Anleihen mit einem AAA- oder AA-Rating.  

Seit Ausbruch der Pandemie haben die deutschen Banken sich zudem stärker über die Zentralbank refinanziert, wohl in erster Linie aus Sicherheitsüberlegungen heraus: „Banken dürften vorsorglich mehr Liquidität nachgefragt haben, um für einen etwaigen Abzug von Einlagen oder die Inanspruchnahme von Kreditlinien gerüstet zu sein“, heißt es im Report.

Banken sollen auf „erfahrenes Personal“ setzen

Mit der bisherigen Performance der Banken in der Corona-Pandemie zeigt sich die Bundesbank insgesamt zufrieden: Die Banken seien im Vergleich zu vorangegangenen Krisen besser kapitalisiert, hätten zusätzliche Kapitalpuffer und könnten diese flexibler nutzen. Künftig gehe es nun darum, „bestehende Verwundbarkeiten zu begrenzen“.

Die Bundesbank sieht den Schlüssel zu einer guten Vorbereitung auf steigende Insolvenzen darin, „ausreichende administrative Kapazitäten zu schaffen, erfahrenes Personal bereitzustellen und die Vereinfachung von Insolvenzverfahren zu prüfen“. Wie dies auf die Schnelle gelingen kann, lässt der Report jedoch offen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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