Die Normalität kehrt langsam zurück, und das ist nicht nur schön: Der neue Corona-Bericht von Berentzen-CFO Ralf Brühöfner.

Berentzen

19.06.20
CFO

„Bald ist endlich Urlaub“

Bei Berentzen geht es wieder aufwärts. Doch der Restart bringt auch Probleme mit sich – alte und neue, erzählt CFO Ralf Brühöfner in seinem zweiten Corona-Bericht.

„Um mal direkt mit dem besten zu starten: Nach wie vor haben wir unter unseren 500 Mitarbeitern keinen einzigen Covid-19-Fall zu verzeichnen, und das macht mich richtig glücklich. Der gute Verlauf der Infektionszahlen gibt uns außerdem Hoffnung, dass das gewohnte Lebensmodell mit Durst auf Geselligkeit und sozialer Interaktion in Deutschland spätestens im nächsten Jahr wieder zurückkommen wird, auch wenn wir jetzt in China ein erneutes Infektionsgeschehen beobachten.

Weil es auch für uns in der Berentzen-Gruppe wichtig ist, den persönlichen Austausch zu pflegen, haben wir in dieser Woche die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz wieder eingeführt. Wir haben aber auch gelernt, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen mehr Flexibilität beim Thema „Mobiles Arbeiten“ wünschen, und weil das während der Corona-Zeit sehr gut funktioniert hat, haben wir dauerhaft die Arbeit aus dem Home Office in gewissem Umfang ermöglicht. Die Krise hat also unsere „Ways of Working“ in kürzester Zeit zum Positiven hin verändert.

Die Stakeholder stellen wieder mehr Ansprüche

Aber die schrittweise Rückkehr zur Normalität hat auch ihre Schattenseiten. Obwohl wir uns natürlich auch bei Berentzen über die Lockerungen nach dem Corona-Lockdown freuen, ist meine Stimmung als CFO im Moment daher noch nicht im Hurra-Modus. Ich beobachte zum Beispiel, dass die Welle der Solidarität und der Toleranz für zügige und unorthodoxe Maßnahmen, das „Alle rücken zusammen“, leider wieder kleiner geworden ist.

Auch bei uns formulieren die verschiedenen Stakeholder-Gruppen wieder stärker ihre sehr eigenen Ansprüche. Menschen neigen dazu, in ihre bekannten Verhaltensmuster zurückzufallen, es gibt wieder mehr Widerstände.

„Die Rückkehr zur Normalität hat auch ihre Schattenseiten.“

Das ist intern so, aber das gilt natürlich auch im größeren Kontext, und dafür gibt es viele Beispiele, etwa aus der Bilanzierung. So musste ich mich gerade erst damit auseinandersetzen, dass die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA ihre Vorgaben zur Rechnungslegung in der Zwischenberichterstattung wieder deutlich nachgeschärft hat. Die Akzeptanz einer besonderen Situation auch für uns Rechnungsleger und Bilanzierer schwindet also offenbar selbst von behördlichen Seiten.

Manche dieser Entwicklungen haben mich überrascht, mit anderen konnte man eigentlich fest rechnen, so zum Beispiel mit eben dieser Stellungnahme der ESMA. Darum hatten wir die gerade erst publizierten Erwartungen der ESMA schon zum ersten Quartal 2020 weitestgehend umgesetzt, obwohl die Berentzen-Gruppe nur freiwillig zu Q1 und Q3 berichtet. So haben wir unter anderem per Q1 Impairment-Tests durchgeführt, und die haben dann leider auch Wertberichtigungsbedarf in einem Segment angezeigt.

Das Controlling hat Berentzen geholfen

Trotzdem hat die ersehnte Normalisierung ganz überwiegend gute Seiten. So haben sich in unserem Geschäft die anfänglich extremen Bestell- und Umsatzschwankungen in den vergangenen Wochen etwas stabilisiert.

Ich hatte vor gut einem Monat an dieser Stelle darüber berichtet, wie intensiv ich unser Controlling trotz aller Unvorhersehbarkeiten diverse Szenarien durchrechnen ließ. Rückblickend kann ich sagen, dass das gut investierte Zeit und alles andere als eine sture akademische Übung war. Die diversen Simulationen gaben uns eine gute Orientierung, und zwar weniger, weil sie genauso eintrafen, sondern vielmehr, weil wir uns mit falschen und richtigen Annahmen auseinandersetzen mussten und das aktuell auch noch tun. Trotz der einmaligen Situation mit dem Ausbruch des Coronavirus erwiesen sich unsere Datengrundlagen als belastbar. Unsere integrierten Planungs- und Kontrollsysteme sind flexibel und schnell. 

Sogar die Simulation der Liquidität post-Corona hat sich als verlässlich erwiesen. Unsere Liquiditätsbedarfe haben die Besonderheit, dass in jedem Monat an einem besonderen Stichtag (es ist immer der 5.) die inländischen Alkoholsteuern aus unserem Geschäft mit Spirituosen zur Zahlung anstehen. Das ist etwa ein Drittel unserer gesamten kurzfristigen Schulden. An diesem Tag haben wir unseren Maximalbedarf, und den müssen wir immer ziemlich genau kennen, trotz der mitunter hohen Schwankungen. Dieser Maximalbedarf entwickelte sich sowohl im Lockdown als auch beim langsamen Wiederhochfahren des Geschäfts ziemlich genau so wie erwartet.

FINANCE-Köpfe

Ralf Brühöfner, Berentzen-Gruppe AG

Nach seinem Studienabschluss als Diplom-Kaufmann beginnt der Berufsweg von Ralf Brühöfner im Jahr 1992 bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouse. Drei Jahre später wechselt er ins operative Geschäft und bekleidet Führungspositionen in der Behälterglasindustrie (Hermann Heye KG, heute ArdaghGroup) und im Maschinenbau (Balcke-Dürr AG). Ende 2001 wechselt er zur Berentzen-Gruppe Aktiengesellschaft und steigt zunächst zum Generalbevollmächtigten des Unternehmens auf. Im Sommer 2007 wird er dann zum Finanzvorstand berufen.

zum Profil

Das lag auch daran, dass wir bisher keine Überraschungen bei Forderungsausfällen oder zusätzliche Belastungen beim Working Capital hatten. Schlimmer wäre es geworden, wenn wir Lieferanten hätten wechseln müssen oder Kreditversicherungslimite großflächig-pauschal gekürzt worden wären. Dass das nicht passiert ist, liegt bestimmt auch an dem Hilfspaket, mit dem der Bund den Warenkreditversicherern zur Seite gesprungen ist. Das war eine kluge und hilfreiche Maßnahme für die Stabilisierung der Liefer- und Zahlungskreisläufe. Außerdem waren unsere eigenen Lieferketten super-stabil.

„Unsere Verkaufspunkte? Festivals und Karneval“

Gerade jetzt ist das wichtig, denn wir profitieren davon, wenn Hotels und Gastronomiebetriebe wieder öffnen und investieren. Für einen Teil unseres Markengeschäfts mit Spirituosen hängt die Messlatte für eine wirklich umfassende Erholung aber noch etwas höher.

„Unsere Lieferketten waren super-stabil.“ 

Schätzen Sie mal: Was sind dort die zentralen Verkaufspunkte und Konsumumgebungen für uns? Festivals, Strandpartys, Karneval. Glauben Sie, dass es im nächsten Jahr wieder Karneval geben wird, so wie wir ihn kennen? Für unsere Jahresplanung 2021 werden wir bald dazu Annahmen treffen müssen, spätestens nach dem Sommer.

Weniger komplex ist die Lage in unserem Private-Label-Geschäft für die großen Handelsketten. Gegenüber meinem vorherigen Bericht hat sich da nichts geändert, dieses Geschäft läuft nach wie vor richtig gut.

Die Schattenseiten von virtuellen Roadshows

Im Tagesgeschäft beschäftigen mich jetzt gerade schwerpunktmäßig aber weder die Planung für 2021 noch akutes Krisenmanagement. Stattdessen sind es virtuelle Roadshows und die Vorbereitung unserer ersten virtuellen Hauptversammlung.

Virtuelle Roadshows werden von manchen ja jetzt als große Innovation gepriesen. Ja, sie sind tatsächlich ein effizienter Weg, um die Investoren und das Management schnell mal miteinander ins Gespräch zu bringen. Aber wenn es darum geht, eine Vertrauensebene mit Investoren aufzubauen, ist die Wirkung des Virtuellen doch schon sehr begrenzt. Nichts geht über eine persönliche Begegnung, ich mag das jedenfalls.

Und der Titel „Roadshow“ ist in diesem Zusammenhang ja irgendwie auch unpassend – wir sind weder „on the road“, noch ist es eine „show“ im Sinne eines Präsentations-Events. Im Großen und Ganzen sind das Conference Calls mit Videofunktion. Und auch wenn die Technik heute weiter ist als vor einigen Jahren: Bei vielen Banken und Investoren funktionieren irgendwelche Video-Tools nicht, manchmal auch wegen zu geringer Bandbreiten in den Home Offices. Video über Unternehmensgrenzen hinweg ist dann doch nicht so einfach!

„Im Investorenkontakt geht nichts über eine persönliche Begegnung. Ich mag das jedenfalls.“

Ralf Brühöfners „private Herausforderung“

Als nächstes steht jetzt unsere virtuelle HV an – ein absolutes Novum, mal sehen, wie das wird. Es ist schon schade, dass wir unsere Aktionäre in diesem Jahr nicht persönlich treffen können und es eine rein monologische Veranstaltung in klinischer Atmosphäre werden wird.

Kein Vorstand freut sich auf allzu aggressive Dispute, wie sie bei einer Präsenzveranstaltung ja auch mal vorkommen können. Aber wir schätzen einen guten und fruchtbaren Dialog mit den Aktionären, und eine Präsentation und Generaldebatte ist auch immer ein bisschen ein Selbsttest, der zur Reflektion taugt. Außerdem werden die Rechte der Aktionäre mit einer virtuellen HV schon nennenswert eingeschränkt. Das geht in diesem Jahr nicht anders, aber gerade deshalb glaube ich, dass die virtuelle Hauptversammlung bei Berentzen eine einmalige Ausnahme bleiben wird. Wir werden dennoch das Beste draus zu machen.

„Die virtuelle HV ist ein absolutes Novum für uns – mal sehen, wie das wird!“

Nach der HV geht es dann endlich irgendwann in den Urlaub. Mein letzter Urlaub war im September, und jetzt müssen sich Kopf und Körper mal für einen Moment von den ganzen Corona-Themen freisprengen!

Wir müssen noch spontan ein Ferienhaus finden, das ist meine private Herausforderung. Aber das wird schon klappen, und dann kann ich einmal tief durchatmen! Große Projekte – Finanzierungen, Akquisitionen oder ähnliches – werden diesmal während meiner Ferien im Hintergrund nicht laufen. Das sage ich jetzt, natürlich kann sich das noch ändern. Aber wenn es so bliebe, wäre das eine der angenehmeren Folgen von Corona.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

In dieser Reihe begleiten wir mehrere CFOs auf ihrem Weg durch die Corona Krise. Sie berichten ganz persönlich von ihren Erlebnissen beim Kampf gegen die Folgen der Krise in ihren Unternehmen. Mit dabei sind die CFOs Carsten Bovenschen (Akasol), Ralf Brühöfner (Berentzen) und Matthias Zieschang (Fraport).

Alle bisherigen Erfahrungsberichte finden Sie auf unserer Themenseite CFO in der Coronakrise.