Klischee eines Aufsichtsrates: Der Trend geht vom „abnickenden Frühstücksdirektor“ hin zum strategischen Sparringspartner für den Vorstand.

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29.05.20
CFO

Warum CFOs die besseren Aufsichtsräte sind

Wenn es um die Besetzung von Aufsichtsräten geht, stehen Finanzchefs seit jeher hoch im Kurs. Doch nicht nur die Herausforderungen während der derzeitigen Coronakrise machen die Kontrolleure mit Finanzexpertise so wertvoll.

Finanzvorstände sind heiß begehrt: Ende April haben dies sowohl Ex-Daimler-CFO Bodo Uebber als auch Ex-Bahn-Finanzchef Alexander Doll bewiesen. Statt in den Ruhestand zu gehen, übernehmen die erfahrenen Finanzmanager lieber den Chefsessel im Aufsichtsrat. Während Uebber bei der deutschen Dependance der Investmentbank Evercore anheuert, fängt Doll als Chefaufseher bei der M&A-Beratung Lincoln International an.

Dass die Wahl beide Male auf einen ehemaligen Finanzvorstand fiel, überrascht Klaus Weigel, Geschäftsführender Gesellschafter bei Board Xperts, nicht. „Für beide Häuser spielen eindeutig die Kontakte und die M&A-Erfahrung eine Rolle“ sagt der Experte. Gerade letzteres falle in der Regel in das Aufgabengebiet eines CFO, so Weigel. Der ehemalige Banker mit Erfahrung in Private Equity und Corporate Finance hat sich seit fast 15 Jahren auf die Vermittlung von Aufsichtsräten und Beiräten spezialisiert.

Aufsichtsrat: Finanzer oben auf der Wunschliste

Während Beteiligungsgesellschaften die Finanzexpertise meist selbst in den Aufsichtsrat einbringen und eher Experten für Vertrieb, Forschung und Entwicklung oder Technik suchen, gehört in anderen Unternehmen das Profil des Finanzexperten zum Standard im Aufsichtsrat. War für Aktiengesellschaften der Finanzer im Aufsichtsrat zeitweise  sogar verpflichtend, begeben sich viele Unternehmen nun zunehmend freiwillig auf die Suche nach geeigneten Finanzexperten für den Aufsichts- oder Beirat.

In der Vergangenheit kam die Expertise allerdings häufig von Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern, inzwischen geht es aber mehr und mehr in Richtung gestandenem CFO. „Viele wünschen sich jemand, der nicht nur in der Zahlenwelt zu Hause ist, sondern auch die Themen Compliance und Liquiditätsmanagement bedienen kann“, weiß der Aufsichtsratsvermittler Weigel zu berichten.

Digitalisierung rückt im Aufsichtsrat in den Fokus

Für ihn gehe der Trend weg vom „abnickenden Frühstücksdirektor“ hin zum strategischen Sparringspartner, der mit Blick auf die Herausforderungen der nächsten Jahre gesucht werde. „Jemand, der verschiedene Themen einbringen, Rat geben, Fragen stellen und den Finger in die Wunde legen kann“, so der Berater.

In Zeiten des Coronavirus zeige sich nachdrücklich, wie wichtig die Themen Liquiditätsmanagement und Digitalisierung sind. Gerade letzteres sei mit Blick auf Geschäftsmodelle oftmals noch nicht umgesetzt worden. Auch beim Thema Supply-Chain werde aktuell bereits heiß über alternative Lieferketten und Notfallpositionen diskutiert. „Da jemanden im Gremium zu haben, der über entsprechende Erfahrung und  Netzwerke verfügt und den operativen Vorstand oder Geschäftsführung mit entsprechenden Rat unterstützen kann, ist Gold wert.“

CFO-Persönlichkeit dient auch als Aushängeschild

Auch nach Corona wird die Frage nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten und Finanzierungsinstrumenten außerhalb der klassischen Hausbanken stärker in den Fokus rücken, was ebenfalls für einen erfahrenen Finanzmanager spricht.

Zu guter Letzt dürfe nach Meinung des Experten auch die Außenwirkung eines gut besetzen Aufsichtsrats nicht außer Acht gelassen werden. „Gerade für ein mittelständisches Unternehmen ist es ein gewisses Aushängeschild, wenn ich eine CFO-Persönlichkeit bei mir im Aufsichtsrat beziehungsweise Beirat habe, die bei Banken ein gutes Renommee hat.“

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de