Traton

11.09.20
Deals

Traton erhöht Angebot für Navistar

Die VW-Tochter Traton macht bei den Übernahmeplänen für den US-Wettbewerber Navistar ernst und bietet nun 700 Millionen Dollar mehr. Parallel kündigt die Tochter MAN Truck & Bus eine große Restrukturierung an.

Seit Tagen wurde darüber spekuliert, nun ist es offiziell: Der LKW-Bauer Traton hat das bestehende Übernahmeangebot für den US-Wettbewerber Navistar um rund 700 Millionen Dollar aufgestockt. Wie die VW-Tochter mitteilte, bietet Traton den Navistar-Aktionären nun 43 US-Dollar pro Aktie, zuvor waren es nur 35 Dollar. Dadurch erhöht sich das Angebot deutlich von 2,9 Milliarden auf 3,6 Milliarden Dollar.

Die Offerte unterliegt noch der Bedingung, dass sich beide Unternehmen auf einen Zusammenschluss einigen („Merger Agreement“). Auch die Due Diligence steht noch aus, zudem müssen die Aktionäre beider Unternehmen dem M&A-Deal ebenfalls zustimmen. Eigentlich hätte die Transaktion noch in diesem Jahr abgeschlossen werden sollen, aufgrund der Coronakrise pausierte der Deal jedoch. Analysten der UBS rechnen wegen der Verzögerung nun eher mit einem Abschluss Mitte 2021. 

Analysten loben Traton-Angebot

Traton hält bereits 16,8 Prozent an Navistar und würde bei Annahme des Angebots Alleineigentümer. Der Nutzfahrzeugmarkt in Nordamerika ist für VW strategisch von großem Interesse. Den UBS-Analysten zufolge kann sich das höhere Angebot für den LKW-Bauer rechnen: Die Synergien bei dem Deal veranschlagen sie auf rund 1 Milliarde Dollar. Trotz des erhöhten Angebots sehen die Analysten für Traton nun einen möglichen Wertzuwachs von 2 statt zuvor 1 Dollar pro Aktie.

Die Analysten begründen dies mit niedrigeren Kapitalkosten von 10,8 anstatt zuvor angenommener 11,3 Prozent. Sie legen dabei zugrunde, dass Traton die Übernahme komplett in Cash zu einer Zinsrate von 2 Prozent finanziert. Analyst Himanshu Agarwal von Jefferies Research geht davon aus, dass sich der Nutzfahrzeugmarkt in den USA schneller erholt als erwartet – die Transaktion würde daher teurer, je länger VW warte, meint er. 

Wie reagiert Carl Icahn auf das Angebot?

Die Traton-Mutter Volkswagen hatte sich vor mehr als drei Jahren an Navistar beteiligt und bezahlte damals 15,76 Dollar pro Aktie, was einem Gesamtpaket von 256 Millionen Dollar entsprach. Der Börsengang von Traton im Juni 2019 heizte bereits die Spekulationen über eine Komplettübernahme an. Im Januar folgte schließlich das Übernahmeangebot an Navistar durch die verselbstständigte Traton.

Navistars Aktienkurs schnellte daraufhin auf 35 Dollar nach oben und heizte damit Phantasien für ein höheres Angebot an. Mit Carl Icahn (16,8 Prozent) und MHR (16,3 Prozent) sind zwei der drei Ankeraktionäre von Navistar aktivistische Investoren, die bei Übernahmen für gewöhnlich auf einen höheren Kaufpreis drängen. 

Traton bewegt Navistar-Aktie

Traton: Milliarden-Deal trotz Cash-Drain

Die Coronavirus-Krise brachte den Prozess in den zurückliegenden Monaten dann jedoch ins Stocken. Nicht zuletzt, weil Traton selbst getroffen ist. Die VW-Tochter hatte mit einem Cash-Drain zu kämpfen. Der operative Gewinn im ersten Quartal 2020 brach gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als zwei Drittel von 490 auf 160 Millionen Euro ein. Der Netto-Cash-Abfluss betrug in diesem Zeitraum 170 Millionen Euro, nachdem im Vorquartal noch ein positiver Cashflow von 1,6 Milliarden Euro zu Buche stand. 

Inzwischen kann Traton die Investition wieder in den Fokus nehmen: Ende Juli verschaffte sich das Unternehmen finanziellen Spielraum und schloss seinen ersten eigenen Konsortialkredit ab. 21 Banken stellten Traton über einen ESG-linked-Loan 3,75 Milliarden Euro zur Verfügung.  

CFO Christian Schulz kann sich zudem weiterhin auf die finanzielle Rückendeckung des Mutterkonzerns verlassen: VW hat die „grundsätzliche Bereitschaft bestätigt, Mittel auch zur Finanzierung des erhöhten Angebots bereitzustellen“, teilte Traton mit. 

FINANCE-Köpfe

Christian Schulz, Traton SE

1999 beginnt Christian Schulz seine berufliche Laufbahn bei dem Autobauer Daimler. Nach verschiedenen Funktionen im Bereich Finanzen, Controlling und Risk Management in der Lkw-Sparte von Daimler übernimmt er 2006 die Leitung Finanzen & Controlling für den Produktbereich Getriebe und das Werk Gaggenau. Von 2008 bis 2011 verantwortet er als Direktor die Finanzbereiche für Einkauf, Produktion und Entwicklung der Daimler-Tochter Mitsubishi Fuso Truck & Bus in Tokio. 2011 wechselt Schulz zu der Pkw-Sparte Mercedes-Benz, wo er bis 2016 als Direktor die weltweiten Controlling Operations (Produktion und Einkauf) sowie die wesentlichen globalen Beteiligungen des Unternehmens verantwortet.

Anfang 2017 verlässt Schulz den Daimler-Konzern und wechselt zu Volkswagen Truck & Bus, der Lkw-Sparte des Wolfsburger Autokonzerns Volkswagen. Dort ist er zunächst für die Bereiche Unternehmensentwicklung, Strategie und M&A verantwortlich, bis er im Juni 2018 zum CFO der VW-Sparte befördert wird, die kurz darauf in Traton umfirmiert wird.

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MAN will 9.500 Mitarbeiter entlassen

Wie stark die Nutzfahrzeugsparte trotz der Wachstumsphantasien an anderer Stelle zu kämpfen hat, zeigt eine zweite Meldung aus dem Hause Traton: Parallel zu der Angebotsaufstockung kündigten MAN und MAN Truck & Bus eine umfassende Restrukturierung an. Die operative Umsatzrendite der Traton-Tochter soll dadurch bis 2023 auf 8 Prozent steigen.

Das Unternehmen verspricht sich zudem eine Ergebnisverbesserung von rund 1,8 Milliarden Euro. Um diese Ziele zu erreichen, will MAN im Truck & Bus-Geschäft alle Bereiche grundlegend restrukturieren. Das Entwicklungs- und Produktionsnetzwerk soll neu aufgestellt werden, weltweit stehen bis zu 9.500 Stellen auf dem Spiel. 

MAN zufolge stehen die Produktionsstandorte Steyr sowie die Betriebe in Plauen und Wittlich auf dem Prüfstand. Wegen der Coronakrise musste Traton nahezu alle Werke von MAN und Scania vorübergehend schließen. Für Zehntausende Mitarbeiter wurde Kurzarbeit angemeldet. Das Unternehmen veranschlagt nun Restrukturierungsaufwendungen im mittleren bis oberen dreistelligen Millionenbereich.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de