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Wirecards Drittpartnergeschäft soll nie existiert haben

Bis die Vorgänge bei Wirecard juristisch aufgearbeitet sind, werden noch Jahre vergehen. Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat nun erhebliche Zweifel gesät, ob es das TPA-Geschäft tatsächlich jemals gab. Foto: nikkimeel - stock.adobe.com
Bis die Vorgänge bei Wirecard juristisch aufgearbeitet sind, werden noch Jahre vergehen. Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat nun erhebliche Zweifel gesät, ob es das TPA-Geschäft tatsächlich jemals gab. Foto: nikkimeel - stock.adobe.com

Der ehemalige Chef des Skandalkonzerns Wirecard, Markus Braun, gerät durch einen Bericht des Insolvenzverwalters Michael Jaffé unter Druck. In seinem Sachstandsbericht, aus dem verschiedene Medien zitieren, führt Jaffé die neusten Erkenntnisse zum Drittpartnergeschäft („Third Party Acquiring“, kurz „TPA“) aus.

Hierbei geht es vor allem um die Frage, ob dieses überhaupt je existierte. Vor der Insolvenz im Sommer 2020 wies Wirecard in seiner Bilanz 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen aus, zuvor sollen Gelder in Singapur gelegen haben. Die 1,9 Milliarden Euro waren rund ein Drittel der Bilanzsumme der damaligen Wirecard. Das Fehlen dieser Summe löste damals die Insolvenz aus. Doch hat das Geld zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich existiert und wurde von einer Bande abgezogen? Oder gab es das Geld überhaupt nie?

Wirecard: Tanzbar statt TPA-Geschäft

Dieser Frage ist der Insolvenzverwalter Jaffé nachgegangen und hat laut Sachstandsbericht nun sämtliche Kontoauszüge der Bank in Singapur, bei der die Treuhandkonten geführt worden sein sollen, besorgt. Laut dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ kommt Jaffé zu einem klaren Fazit: „Damit steht nunmehr endgültig fest, was sich bereits vorher aus zahlreichen Indizien ergab: Das behauptete und bilanzierte TPA-Geschäft mit Milliardenerträgen hat es bei Wirecard nicht gegeben.“

Statt eines milliardenschweren Umschlagsplatzes eines Dax-Konzerns hat der Zahlungsdienstleister Jaffés Einschätzung nach nur einfache Spesenkonten geführt. Über die vermeintlichen Treuhandkonten sollen etwa Einkäufe beim Spielzeughändler „Toys’R’Us“ oder Tankfüllungen bezahlt worden sein. Allein 660 Zahlungen sind demnach an die Tanzbar Hedgehog in Singapur geflossen. Auf den Konten sollen sich teilweise nur mehrere 1.000 Euro befunden haben statt der bilanzierten hunderten Millionen Euro.

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Jaffé macht auch deutlich, wie es bei Wirecard ohne die angeblichen TPA-Summen stand: Wie das „Handelsblatt“ mit Bezug auf den Report des Insolvenzverwalters berichtet, habe sich der operative Verlust von Anfang 2015 bis 2020 auf rund 1,1 Milliarden Euro belaufen, der negative Cashflow aus betrieblicher Tätigkeit lag für den Zeitraum bei 900 Millionen Euro. Ein Großteil der Geldabflüsse stammt aus M&A-Deals wie etwa der umstrittenen, weil überteuerten, Übernahme der indischen Hermes-Gruppe.

Markus Braun will aus der Haft

Für Wirecards Ex-CEO Markus Braun könnten die Einschätzungen von Insolvenzverwalter Jaffé unangenehme Konsequenzen mit sich bringen. Der Österreicher sitzt seit Sommer 2020 in Untersuchungshaft in der JVA Augsburg. Das Oberlandesgericht München will Anfang Dezember erneut darüber entscheiden, ob Braun gegen Auflagen freikommt.

Braun weist weiterhin alle Vorwürfe von sich. Er argumentiert vor allem damit, dass es das Drittpartnergeschäft wirklich gegeben habe und er selbst Opfer eines Betrugs geworden sei. So ist auch eine Theorie der Ermittlungsbehörden, dass die Gelder womöglich von einer kriminellen Bande um Ex-Vorstand Jan Marsalek aus dem operativen Geschäft gestohlen wurden. In diesem Szenario wäre Braun ein Opfer, was seinen Anwälten in die Hände spielen würde.

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Zuletzt schien die Strategie tatsächlich zu verfangen: So berichtete ein Rechercheverbund von WDR, NDR und „Süddeutsche Zeitung“, man habe Belege gefunden, dass es tatsächliche unbekannte und dubiose Zahlungsabflüsse über Konten der konzerneigenen Wirecard Bank gegeben habe. Doch der Bericht von Insolvenzverwalter Jaffé deutet nun wieder in eine andere Richtung.

Michael Jaffé unzufrieden mit EY

Auch von Wirecards Wirtschaftsprüfer EY zeigt sich Jaffé enttäuscht. Der Abschlussprüfer und seine rechtlichen Vertreter hätten „jede Mitwirkung bei der Aufklärung der Vorgänge verweigert, sodass eine Auskunftsklage erhoben wurde“, heißt es im Sachstandsbericht. EY betont stets, dass die Mitarbeiter des Unternehmens „ihre Prüfungshandlungen nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt haben“. Das Big-Four-Haus habe „sämtliche Hinweise und Vorwürfe jederzeit ernst genommen“ und sei diesen gezielt nachgegangen.

EY war vor rund zwei Wochen erneut in die Schlagzeilen geraten, als das „Handelsblatt“ den lange unter Verschluss gehaltenen Wambach-Bericht veröffentlicht hatte. Dieser wurde von Martin Wambach, dem Vorstand des Instituts der Wirtschaftsprüfer, verfasst und stellte den Prüfern von EY ein schlechtes Zeugnis aus. EY hat wegen der Weitergabe des Berichts Strafanzeige gestellt.

jakob.eich[at]finance-magazin.de

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Jakob Eich ist Redakteur der Fachzeitungen FINANCE und DerTreasurer des Fachverlags F.A.Z Business Media, bei dem er auch sein Volontariat absolviert hat. Eich ist spezialisiert auf die Themen Digitalisierung im Finanzbereich und Treasury. Durch seine Zwischenstation bei der Schwesterpublikation „Der Neue Kämmerer“ ist 1988 geborene Journalist auch versiert beim Thema Kommunalfinanzen. Erste journalistische Erfahrungen hat der gebürtige Schleswig-Holsteiner in den Wirtschaftsmedien von Gruner+Jahr sowie in der Sportredaktion der Hamburger Morgenpost gesammelt.