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Wie ESG-Kriterien Restrukturierungen beeinflussen

ESG spielt auch bei Restrukturierungen eine immer wichtigere Rolle: Werden die Kriterien nicht erfüllt, fallen einige Geldgeber aus.
ESG spielt auch bei Restrukturierungen eine immer wichtigere Rolle: Werden die Kriterien nicht erfüllt, fallen einige Geldgeber aus. Foto: etdesigner - stock.adobe.com

Andauernde Pandemie, auslaufende Corona-Hilfen, Lieferkettenprobleme: Die Restrukturierer in Deutschland stellen sich auf arbeitsame Monate ein. „Bei vielen Unternehmen stehen Hilfen wie KfW-Kredite zur Tilgung an, zugleich müssen die Unternehmen der Preisinflation begegnen. Das wird selbst bei gut laufenden Geschäftsmodellen den Druck zur Restrukturierung steigern“, beobachtet Oliver Kehren, Managing Director bei Morgan Stanley und seit kurzem Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Restrukturierung TMA Deutschland. Im Gespräch mit FINANCE gibt Kehren einen Einblick, welche Themen die Restrukturierer derzeit besonders umtreiben.

Herr Kehren, in den zurückliegenden Monaten haben umfassende Corona-Hilfen vielen Unternehmen durch die Krise geholfen – auch solchen, die schwer angeschlagen waren. Was erwarten Sie, wenn die Hilfen auslaufen?
Es wird wohl kein Heer an Zombie-Unternehmen in Deutschland geben, darin sind sich die meisten Marktteilnehmer einig. Wir werden zwar wieder mehr Restrukturierungen und Insolvenzen sehen, ich rechne aber eher mit einem graduellen Anstieg zurück auf das Vor-Covid-Niveau. Besonders brenzlig dürfte es dann für Unternehmen werden, die noch nicht ESG-konform aufgestellt sind. Sie werden in einer Schieflage künftig geringere Chancen auf einen Neustart mit einem neuen Investor haben. Die ESG-Kriterien „Environment, Social, Governance“ werden im Kontext von Restrukturierungen leider noch stark unterschätzt.

ESG wird bei Restrukturierungen zum Faktor

ESG wird bislang meist im Zusammenhang mit Green Finance oder der EU-Taxonomie diskutiert. Wo liegen die Berührungspunkte zu Restrukturierungen?
Es gibt im Markt bereits Fälle, in denen kriselnde Unternehmen keine neue Finanzierung bekommen haben, weil sie den ESG-Anforderungen der potentiellen Geldgeber nicht entsprachen. Dabei geht es nicht allein um den ökologischen Aspekt, auch wenn dieser sicherlich in der Debatte am stärksten im Fokus steht. Potentielle Investoren schauen auch auf soziale Standards und auf das Thema Governance, unter das auch die Entscheiderstrukturen im Unternehmen fallen. Wer dort Schwächen hat, wird sich bei der Investorensuche in Zukunft schwerer tun.

„Viele Fonds haben ESG-Gremien, vor denen potentielle Investments zunächst bestehen müssen.“

Spielen die ESG-Kriterien in erster Linie für Banken eine Rolle oder auch für Geldgeber, die etwas flexibler agieren können?
Sie sind auch für flexiblere Investoren, beispielsweise für Debt Fonds, ein Thema. Auch deren Geldgeber wollen wissen, wohin ihr Geld geht. Viele Fonds haben ESG-Gremien, vor denen potentielle Investments zunächst bestehen müssen, bevor Mittel fließen können. Wenn die Unternehmen die ESG-Anforderungen nicht erfüllen können, dann ist die Finanzierung auch keine Frage des Pricings mehr – ein Großteil der potentiellen Finanziers kann und wird dann einfach keine Mittel bereitstellen.

Für Unternehmen in einer Schieflage dürfte die ESG-Konformität vermutlich trotzdem nicht die höchste Priorität haben.
Das ist ein Dilemma – in der Krise haben die Unternehmen andere Sorgen als ESG, dennoch dürfen sie den Aspekt nicht aus dem Blick verlieren. Die wesentliche Arbeit sollte allerdings schon im Vorfeld passiert sein, um in der Krise die Chancen auf einen Neuanfang zu steigern.

Bei StaRUG-Evaluation mitsprechen

Oliver Kehren ist neuer Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Restrukturierung TMA Deutschland. Foto: Morgan Stanley

Sie haben gerade den Vorstandsvorsitz der TMA Deutschland übernommen. Worin sehen Sie für das kommende Jahr Arbeitsschwerpunkte der Restrukturiererbranche?
Die Nachbesserung der präventiven Sanierung nach dem StaRUG wird ein großer Schwerpunkt sein. Viele Punkte, die im Referentenentwurf noch enthalten waren, haben es doch nicht ins Gesetz geschafft.

Diese Änderungen in letzter Minute waren nicht zum Vorteil des Verfahrens. Das zeigt sich schon nach wenigen Monaten in der Praxis. Bei einer anstehenden Evaluation des StaRUG mit Praktikern wollen wir als TMA Änderungsvorschläge einbringen.

Welche Punkte stören sie konkret?
Ein wichtiger Punkt ist die Frage, ob ein Geschäftsführer ein StaRUG-Verfahren gegen den Willen der Gesellschafter beantragen darf oder ob der Gesellschafter dann Schadenersatz fordern kann. Da gibt es eine große Rechtsunsicherheit. Zudem wäre es wünschenswert, wenn Unternehmen in der präventiven Sanierung Dauerschuldverhältnisse einfacher kündigen könnten – dieser Punkt war zunächst vorgesehen, wurde dann aber nicht umgesetzt. Zudem sollte eindeutig geklärt werden, dass Finanzierungen, die im Zuge eines StaRUG gewährt werden, nicht nachrangig sind, falls das Unternehmen zu einem späteren Zeitpunkt doch noch in die Insolvenz rutschen sollte.

„Das StaRUG ist eine gute Ergänzung, weil es abschreckend wirkt.“

Können Sie dem Verfahren bei aller Kritik auch Positives abgewinnen?
Das kann ich in jedem Fall. Das StaRUG ist eine gute Ergänzung im Restrukturierungsbaukasten, weil es abschreckend wirkt. Es ermöglicht Mehrheitsentscheidungen unter den Gläubigern – und die Aussicht darauf, überstimmt zu werden, hat schon so manchen Abweichler kompromissbereit werden lassen. Das ist auch einer der Gründe, warum das Verfahren so selten zur Anwendung kommt: Häufig einigen sich die Parteien dann eben doch im Vorfeld.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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Sabine Reifenberger ist Chef vom Dienst der FINANCE-Redaktion. Ihre redaktionellen Themenschwerpunkte sind Restrukturierung, die Transformation der Finanzabteilung und Finanzierungsthemen. Seit 2012 moderiert sie beim Web-TV-Sender FINANCE-TV. Außerdem verantwortet sie den Themenhub FINANCE-Transformation, die Distressed Assets Konferenz und das FINANCE CFO Panel. Die Politologin volontierte bei einer Tageszeitung und schrieb während des Studiums als freie Journalistin unter anderem für das Handelsblatt und die Financial Times Deutschland.