Wirecard AG

13.07.20
Wirtschaft

Sammelklagen gegen Wirecard und EY

Auf den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard kommt weiterer Ärger zu: In den USA strengen Kanzleien Sammelklagen von geschädigten Investoren an – gegen ehemalige Wirecard-Vorstände und die Prüfer von EY.

Der Bilanzskandal um den insolventen Dax-Konzern Wirecard könnte in den USA vor Gericht landen. Zwei amerikanische Kanzleien haben bereits Sammelklagen gegen den Zahlungsdienstleister eingereicht. Vor einem Gericht im US-Bundesstaat Pennsylvania verlangen sie nun jeweils Schadenersatz für die geschädigten Investoren des Konzerns. Das gaben die New Yorker Kanzleien Rosen Law Firm sowie Bragar Eagel & Squire auf ihren Internetseiten bekannt und bestätigten damit entsprechende Medienberichte.

Die Anwälte beider Kanzleien werfen Wirecard wiederholte Verstöße gegen das US-Aktienrecht vor. Im Zeitraum vom 17. August 2015 bis 24. Juni 2020 habe der Konzern in offiziellen Mitteilungen falsche Angaben zur Lage des Unternehmens veröffentlicht, heißt es in den Pressemitteilungen beider Kanzleien. Die Verlautbarungen der Kanzleien wurden gesondert veröffentlicht, enthalten jedoch sehr ähnliche, zum Teil gleichlautende Anschuldigungen.

Kanzleien nehmen Wirecard und EY ins Visier

So habe der Konzern seine Finanzergebnisse falsch dargestellt und unter anderem zu hohe Umsätze und Ergebnisse vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) ausgewiesen. Außerdem habe Wirecard seine Cash-Bestände zu hoch angegeben, indem es die angeblich auf Treuhandkonten auf den Philippinen liegenden Guthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro verbucht habe.

Vor gut drei Wochen musste der Konzern einräumen, dass dieses Geld vermutlich gar nicht existiert. Der Wirtschaftsprüfer EY hatte kurz zuvor das Testat für den Jahresabschluss verwehrt, da der Konzern keine ausreichenden Nachweise für das Guthaben vorlegen konnte. Generell verfüge Wirecard nicht über ein ausreichendes Risikomanagement, heißt es in den Mitteilungen der Kanzleien weiter.

Mit ihrer Sammelklage nehmen die beiden Kanzleien auch die deutsche EY ins Visier: Dem Wirtschaftsprüfer werfen die Kläger vor, die Abschlussprüfer hätten es unterlassen, Wirecard gemäß den geltenden Prüfungsgrundsätzen zu prüfen. In Deutschland hatte bereits die Kanzlei Tilp Klage gegen Wirecard, aktuelle und ehemalige Vorstandsmitglieder sowie die deutsche Tochtergesellschaft von EY eingereicht und ein Musterverfahren beantragt. Auch die Kanzlei Schirp & Partner hat Klage gegen EY eingereicht, während die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger SdK Strafanzeige gegen zwei amtierende und einen ehemaligen EY-Prüfer gestellt hat. 

Sammelklage richtet sich gegen Wirecard-Vorstände

Die Rozen Law Firm hat zudem auch ihre komplette Klageschrift veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass sich die Vorwürfe der Anwälte gegen sechs frühere und amtierende Topmanager richten. Neben dem langjährigen Vorstandschef Markus Braun führt die Kanzlei auch CFO Alexander von Knoop und Ex-CFO Burkhard Ley als Beschuldigte.

Braun war Mitte Juni zurückgetreten. Kurz darauf nahm ihn die Staatsanwaltschaft München fest, der Österreicher kam gegen Kaution und Auflagen jedoch wieder frei. Die Ermittler werfen Braun vor, die Bilanzsumme und die Umsätze von Wirecard durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. Auch wegen Marktmanipulation wird ermittelt. Nach wie vor per Haftbefehl gesucht wird dagegen Jan Marsalek, der frühere Asien-Vorstand von Wirecard. Auch er wird in der Anklageschrift als Beschuldigter erwähnt.

M&A-Prozess für Wirecard kommt voran

Während die juristische Aufarbeitung des Bilanzskandals noch ganz am Anfang steht, treibt der Insolvenzverwalter von Wirecard, Michael Jaffé, die Zerschlagung des Konzerns voran. Dem „Handelsblatt“ zufolge ist die Zahl der Interessenten, die Jaffé vergangenen Mittwoch noch mit über hundert angegeben hatte, weiter gewachsen.

Am Freitag habe der Insolvenzverwalter die ersten virtuellen Datenräume geöffnet. Für das USA- und das Brasilien-Geschäft könnten potenziellen Interessenten nun Due-Diligence-Prüfungen vornehmen. An letzterem soll laut „Handelsblatt“ unter anderem die Bank Caixa interessiert sein.

Auf besonderes Interesse stößt dem Bericht zufolge jedoch die Wirecard-Bank, die bislang nicht Teil des Insolvenzverfahrens ist. Als erstes wolle Jaffé aber das Kerngeschäft von Wirecard veräußern, heißt es weiter. Dazu zählt das Acquiring, bei dem der Konzern für Händler die Abrechnung von Kreditkartenumsätzen bei Online- und Terminalzahlungen übernimmt, sowie das Issuing, also die Vergabe von Karten an Endkunden.

Als potentielle Interessenten galten schon länger die Deutsche Bank und Berliner Solarisbank. Das Handelsblatt nennt nun auch die französische Crédit Agricole. Darüber hinaus werden Private-Equity-Häuser wie KKR und Advent, die bereits im Bereich Zahlungsverkehr aktiv sind, ebenso als Bieter gehandelt wie die großen Wirecard-Wettbewerber Wordline aus Frankreich, Nets aus Dänemark sowie Fiserv/First Data aus den USA.

desiree.buchholz[at]finance-magazin.de

Die komplette Chronologie der Ereignisse sowie alle Neuigkeiten bei dem Zahlungsabwickler haben wir auf der Themenseite Wirecard zusammengestellt.