Der Skyper-Tower in Frankfurt ist die deutsche Heimat der US-Investmentbank-Boutique Houlihan Lokey – und ist über die Jahre stark gewachsen.

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26.05.20
Banking & Berater

Wie Houlihan Lokey die Coronakrise einschätzt

Definitiv mehr Restrukturierungsgeschäft und bald auch wieder mehr M&A-Mandate? Die Investmentbank Houlihan Lokey hat das Jahr 2020 trotz Corona noch nicht abgeschrieben – auch wegen Fällen wie Takko.

Die Coronavirus-Pandemie hat den M&A-Markt ausgetrocknet: Laufende M&A-Deals liegen auf Eis, Finanzierungen für neue Transaktionen sind teuer und obendrein limitiert. Das bekommen auch die M&A-Berater und Investmentbanken zu spüren, die das Jahr 2020 aber noch nicht gänzlich abschreiben wollen.

Dafür werden zwei Gründe ins Feld geführt: Auf der einen Seite könnten nach dem Sommer die ersten M&A-Buy-Side-Mandate in Sicht kommen, insbesondere dann, wenn Private Equity den Blick wieder nach vorne richtet. Vor allem aber füllen sich nach Jahren der Flaute die Auftragsbücher mit Restrukturierungen, da sich die Negativ-Folgen der Coronakrise nun auch in den Unternehmensbilanzen materialisieren. 

Sind Restrukturierungsmandate die Rettung?

Corporate-Finance-Berater, die in beiden Bereichen aktiv sind, dürften über die zunehmenden Restrukturierungsmandate zumindest einen Teil der Rückgänge im M&A-Geschäft kompensieren können. Eine dieser Boutiquen ist Houlihan Lokey. Mit Hauptsitz in den USA hat die Investmentbank weltweit 22 Büros, eines davon in Frankfurt, wo Tobias Rieg das Corporate-Finance-Geschäft leitet.

Die Boutique ist in drei Geschäftsfeldern aktiv: Mehr als die Hälfte des weltweiten Umsatzes stammt aus dem Corporate-Finance-Geschäft. Restrukturierungsmandate steuern 30, das Financial und Valuation Advisory 15 Prozent zu den Umsätzen bei.

Houlihan Lokey ist in Deutschland stark gewachsen

In Europa ist Houlihan Lokey zuletzt vor allem im Bereich Corporate Finance gewachsen, auch durch Zukäufe kleinerer M&A-Boutiquen wie beispielsweise Leonardo im Jahr 2015. Die Beschäftigtenzahl im Bereich Corporate Finance hat Houlihan Lokey nach eigener Aussage in den vergangenen fünf Jahren in Europa auf rund 170 Banker verdreifacht. Davon sind 25 Mitarbeiter im deutschen Corporate-Finance-Team, wo der Fokus auf dem Mittelstandsgeschäft liegt.  

Eine wesentliche Kundengruppe von Houlihan Lokey sind Private-Equity-Investoren. Für deren Betreuung unterhält die Boutique global eine eigene Einheit. In Deutschland kümmert sich Managing Director Christian Keller um das Private-Equity-Geschäft. Er kam vergangenes Jahr von der HSBC, wo er für das Leveraged-Finance-Geschäft und Übernahmefinanzierungen verantwortlich gewesen war. 

„Kreditlinien wurden gezogen, Working Capital abgebaut, Kurzarbeit eingeführt, Investitionen aufgeschoben.“ 

Christian Keller, Managing Director, Houlihan Lokey

Die Lage in der Private-Equity-Industrie schätzt Keller so ein: „Am Anfang der Krise lag der Fokus auf den Portfoliounternehmen, um deren Liquidität und Geschäftsbetrieb zu sichern. Kreditlinien wurden gezogen, Working Capital abgebaut, Kurzarbeit eingeführt, Investitionen aufgeschoben. Die Maßnahmen sind jetzt aber größtenteils umgesetzt.“ 

Private Equity muss sich jetzt positionieren

Nun richtet sich der Blick vieler Fonds schon wieder nach vorne, berichtet Keller: „Die Fonds haben viel Kapital, und die Maschine läuft weiter. Die Frage für Private-Equity-Investoren lautet jetzt, auf welche Unternehmen, Branchen und Dealstrukturen sie sich jetzt fokussieren sollen.“

Hier müsse sich jeder Investor richtungsweisende Fragen stellen: Investiert man ausschließlich in krisenresistente Firmen oder traut man sich auch an Restrukturierungsfälle? Wagt man den neuen Plattform-Deal oder setzt man zunächst auf günstigere Add-ons? Ist die Mehrheit zwingend nötig oder reicht zunächst auch eine Minderheitsbeteiligung? Geht die Finanzierung auch erst einmal „all Equity“? 

„Bei Strategen erwarten wir mehr Carve-outs. Im Private-Equity-Sektor wird es wieder mehr zunächst rein eigenkapitalfinanzierte Transaktionen geben.“

Tobias Rieg, Managing Director, Houlihan Lokey

„Viele Private-Equity-Häuser sagen, dass sie relativ flexibel sind, wenn es um die Frage nach Mehrheit oder Minderheit geht. Aber nur wenige können auch so flexibel sein und ins Debt gehen,“ ist sich Keller sicher. Der LBO-Banker erwartet kreativere Transaktionsstrukturen und kann sich mehr Fälle vorstellen, wo der Käufer zunächst eine Minderheitsbeteiligung eingeht, sich aber eine Call-Option sichert, um das Unternehmen später komplett zu übernehmen. 

Managing Director Tobias Rieg aus dem Corporate-Finance-Team sieht das ähnlich: „Bei Strategen erwarten wir mehr Carve-outs. Im Private-Equity-Sektor wird es wieder mehr zunächst rein eigenkapitalfinanzierte Transaktionen geben, um Deals zu machen. Auch Verkäuferdarlehen – sogenannte Vendor Loans  – werden wir mehr sehen.“ Für Private-Equity-Investoren sind dies eher untypische Finanzierungswege, doch der Markt für klassische LBO-Kredite ist aktuell sehr eingeschränkt. 

Was Debt-Fonds von Private Equity fordern

Vor allem die Banken tun sich nach Einschätzung von Houlihan Lokey aktuell schwer, neue LBO-Kredite zu vergeben. „Das liegt zum einen daran, dass sie viel damit zu tun haben, der Antragsflut an KfW-Krediten Herr zu werden. Zum anderen ist es derzeit schwer, bei neuen Deals das Ebitda und den Leverage richtig zu bestimmen“, meint Patrick Schoennagel aus dem Debt-Capital-Markets Team von Houlihan Lokey.

Private Debt ist in dieser Situation flexibler, so gesehen bei der Übernahme von Schülke durch EQT oder bei den jüngsten Deals von Gimv und Hannover Finanz. Ihre Finanzierungsbereitschaft lassen sich die Debt-Fonds aber auch gut bezahlen. Schoennagel zufolge fordern Kreditfonds neben einem höheren Zins vor allem die Sicherheit, dass die Kredite zu diesen Konditionen länger ausstehen. 

„Akzeptiere ich diese Bedingungen oder finanziere ich die Übernahme zunächst all Equity und wette darauf, dass sich der Markt wieder bessert?“  

Patrick Schoennagel, Managing Director, Houlihan Lokey

Private-Equity-Investoren müssen darum jetzt abwägen: „Akzeptiere ich diese Bedingungen oder finanziere ich die Übernahme zunächst all Equity und wette darauf, dass sich der Markt wieder bessert und der Leverage später zu besseren Konditionen nachgezogen werden kann“, fragt Schoennagel. 

Houlihan Lokey mischt bei Sanierung von Takko mit

Fraglich ist auch, wer in Krisensituationen der unkompliziertere Finanzierungspartner ist: Bank oder Debt-Fonds? Die Kreditfonds werben hierzulande zwar damit, flexibler zu sein als die meisten Banken. Die Kreditgeber haben hierzulande aber noch nicht gezeigt, wie konstruktiv sie mit Restrukturierungen umgehen und wie hoch die eigene Sanierungskompetenz tatsächlich ist.

Das lockt Restrukturierungsexperten an. Houlihan Lokey beispielsweise mischt einem Bericht der Ratingagentur Moody’s zufolge derzeit bei der Restrukturierung von Takko mit. Das Modeunternehmen kann seine Anleihezinsen nicht bezahlen und steht vor einer umfassenden Bilanzsanierung. Houlihan Lokey vertritt in diesem Fall die Interessen einer Gruppe von Anleihegläubigern. 

Ob neuer Private-Equity-Deal oder Restrukturierungsfall: In der Corona-Unsicherheit kommt es nach Ansicht von Houlihan Lokey mehr denn je auf Sektor-Knowhow an. Im vergangenen Jahr holte die Boutique mit Martin Bastian einen Branchenspezialisten von der Citigroup, der das europäische Chemie-Sektor-Team von Houlihan Lokey leitet. Weitere sollen folgen. 

Keller findet, dass auch viele Private-Equity-Investoren die Flaute am M&A-Markt genutzt haben, um Spezialwissen aufzubauen. „Wir führen unglaublich viele Gespräche mit Private Equity darüber, wo jetzt und zukünftig die Investitionschancen liegen“, berichtet Keller. Das zweite Halbjahr wird zeigen, ob Private Equity diese auch nutzen kann.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

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