KPMG verliert in der Wirtschaftsprüfung zunehmend an Boden. Wann punktet das Big-Four-Haus endlich wieder mit großen Mandatszugewinnen?

KPMG

27.02.20
Banking & Berater

Big-Four-Analyse Audit: KPMG droht der Abstieg

2019 ist der Markt für Wirtschaftsprüfung heiß gelaufen – etliche Unternehmen haben sich neue Prüfer gesucht. Für KPMG entwickelt sich das Ganze bitter.

Es war ein hartes Jahr für KPMG, PwC, Deloitte und EY: 2019 mussten sich die vier größten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften ordentlich ins Zeug legen, um ihre Umsätze im Stammgeschäft mit Wirtschaftsprüfung zu steigern. Dieses Geschäft ist zu einem harten Pflaster geworden: Wegen der gesetzlich verordneten Abschlussprüferrotation müssen die Big Four viel Zeit und Geld in den Kampf um neue Kunden stecken und gleichzeitig versuchen, verlorengehende Mandate zu kompensieren. Wie sich die vier Häuser im vergangenen Geschäftsjahr im Bereich Audit geschlagen haben, zeigt die FINANCE-Marktanalyse.

PwC verteidigt Spitzenposition

Die Nummer 1 im Audit bleibt wie in den Vorjahren auch PwC – mit einer Gesamtleistung von 798,1 Millionen Euro liegt der Wirtschaftsprüfer deutlich vor seinem Verfolger KPMG, der 677 Millionen Euro erwirtschaftete. Doch der Marktführer muss sich ins Zeug legen, um seine Position zu behalten. Die Zuwächse, die PwC im Audit erreichte, lagen die in den vergangenen Jahren stets im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Die Herausforderung für PwC: Das Big-Four-Haus muss im Zuge der Prüferrotation eine Vielzahl von lukrativen Dax-Mandaten abgeben: Bayer und Covestro sind schon verloren, 2020 und 2021 drohen auch noch E.on, Lufthansa, die Telekom, die Deutsche Post und Volkswagen wegzufallen. Dies wird die Umsätze spürbar belasten. Diese Einnahmeausfälle muss PwC kompensieren –  nicht nur mit neuen Beratungsaufträgen, die die ehemaligen Prüfer oft einheimsen, sondern auch mit neuen Prüfmandaten im Dax. Diese sind nicht nur ertrags-, sondern auch imageträchtig.

Dies gelingt aktuell recht gut: Bisher konnte PwC neue Prüfmandate bei Fresenius und Fresenius Medical Care, Henkel, BMW, Allianz, HeidelbergCement und Linde ergattern. Beworben hat sich PwC auch um Continental und die Deutsche Börse. Für beide Auswahlprozesse ist PwC-Deutschlandchef Ulrich Störk „zuversichtlich“, wie er kürzlich betonte.

KPMG verliert zunehmend an Boden

Anders sieht es bei der Nummer 2 im WP-Markt aus: Nicht nur PwC, auch KPMG ist gerade im Dax mit vielen Mandatsverlusten konfrontiert – doch die Zugewinne halten sich stark in Grenzen. KPMG musste seit Beginn der Prüferrotation 2016 bereits die Deutsche Bank, Henkel und BMW abgeben, bis 2022 gehen außerdem noch Continental, Deutsche Börse, Fresenius und Fresenius Medical Care, Linde und Munich Re verloren. Dem stehen mit Covestro und E.on seit Beginn der Prüferrotation nur zwei neue Dax-Kunden gegenüber. Auch wenn KPMG das Mandat bei BASF verteidigen konnte, ist das eine ziemlich magere Ausbeute.

Warum KPMG sich so schwer beim Gewinnen neuer Prüfkunden tut, ist unklar. Immerhin bewirbt sich die Firma um jedes freiwerdende Dax-Mandat, wie Deutschlandchef Klaus Becker mehrfach betonte. Im Gegensatz zu den Konkurrenten, die wohl abwägen, ob ein Beratungsmandat nicht doch lukrativer wäre, positioniert sich KPMG bewusst anders: „Die Wirtschaftsprüfung ist ein öffentlicher Auftrag. Wir sehen es als unsere Verpflichtung an, dass wir uns um Prüfmandate bewerben“, sagte Becker etwa in der Vergangenheit. Zudem hat KPMG von allen Big Four die meiste Erfahrung mit großen Dax-Unternehmen, was dem Haus eigentlich einen Vorteil verschaffen sollte.

EY kommt KPMG immer näher

Die Probleme in der Gewinnung neuer Großmandate spiegeln sich inzwischen auch in den Umsätzen wider: Im vergangenen Geschäftsjahr ist KPMG im Audit um nur 1 Prozent auf 677 Millionen Euro gewachsen. Dadurch kommt der Verfolger EY gefährlich nahe: Mit einem Wachstum von 7,5 Prozent erwirtschaftete EY im Geschäftsjahr 2019 mit der Wirtschaftsprüfung schon 617 Millionen Euro, womit die beiden Firmen nur noch etwa 60 Millionen Euro trennen. (Anmerkung: Die Zahlen sind nicht eins zu eins vergleichbar, da KPMG die Gesamtleistung und EY den Umsatz ausweist, die Größenordnung dürfte aber stimmen.)

Womöglich könnte EY KPMG schon im aktuellen Geschäftsjahr von Platz 2 im Audit verdrängen, denn 2020 kommen mit der Deutschen Bank, Lufthansa, Munich Re und VW neue hochbezahlte Dax-Mandate hinzu, die zusammen ein Honorar von rund 150 Millionen Euro in die Kassen spülen könnten, sofern diese Konzerne EY in etwa so viel zahlen wie ihren bisherigen Prüfern. Verlieren wird EY 2020 nur HeidelbergCement mit einem im Vergleich dazu fast unbedeutenden Honorar im einstelligen Millionenbereich.

FINANCE-TV

Bei KPMG kommen 2020 hingegen keine neuen Dax-Prüfkunden hinzu. Vielmehr verliert der Prüfer in diesem Geschäftsjahr weitere Dax-Mandate, die gemeinsam bisher ein Honorar von knapp 130 Millionen Euro eingebracht haben. Zwar fließen in die Audit-Umsätze nicht nur die Dax-Honorare, sondern die aller Prüfmandate hinein, doch bringen die Kunden aus der ersten Börsenliga meist die mit Abstand höchsten Zahlungen und dürften somit ausschlaggebend sein. Sofern KPMG nicht kurzfristig Zugewinne vermeldet, ist ein Abstieg auf Rang 3 kaum zu vermeiden.

Und die vielen Zugewinne bringen EY einen weiteren Vorteil: Sie werden dem Haus über Jahre stabile Umsätze liefern, die gerade dann wertvoll werden könnten, wenn die derzeit sehr hohe Nachfrage nach Beratungsdienstleistungen im Zuge der Konjunkturabkühlung nachlassen sollte.

Deloitte bleibt zurück

Während sich PwC, KPMG und EY auf den vorderen drei Plätzen einen harten Kampf liefern, fällt die Nummer 4 im Bunde – Deloitte – deutlich ab. Zwar konnte Deloitte im vergangenen Geschäftsjahr um starke 16 Prozent im Audit wachsen, doch mit einer Gesamtleistung von 450 Millionen Euro sind die Münchener ein gutes Stück von den Konkurrenten entfernt.

Und es sieht nicht danach aus, als würde sich daran bald etwas ändern: Im Zuge der Prüferrotation konnte Deloitte mit Bayer bisher nur ein einziges Dax-Mandat ergattern, und das ist schon einige Jahre her. Dabei hatte Deloitte – zuvor gänzlich ohne ein einziges Dax-Mandat – eigentlich das größte Potential für Zugewinne. Doch bislang blieben Deloittes Bemühungen fast immer erfolglos, so etwa bei der Commerzbank und der Deutschen Telekom, wie FINANCE aus Marktkreisen erfuhr.

Nach Aussage des bald abtretenden Deutschlandchefs Martin Plendl wollen die Unternehmen lieber einen Prüfer mit mehr Dax-Erfahrung – ein Teufelskreis, den Deloitte noch nicht durchbrechen konnte. Möglicherweise hat sich Deloitte auch zu stark auf den Ausbau des Beratungsgeschäfts fokussiert, wo das Big-Four-Haus in rasanter Geschwindigkeit an seinen Konkurrenten vorbeizieht. Doch auch Leuchtturmmandate im Dax sind wichtig, immerhin sei die Prüfung der Kern von Deloitte, betont auch Plendl.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Den zweiten Teil der FINANCE-Big-Four-Analyse zum Geschäftsfeld Beratung können Sie hier nachlesen. Weitere Neuigkeiten zu KPMG, PwC, Deloitte und EY finden Sie auf der Themenseite Big Four.