Was bringt die Blockchain-Technologie in der Finanzwelt? Das kristallisiert sich nun deutlicher heraus.

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24.06.21
CFO

Blockchain in der Finanzwelt: Es geht wieder was

Die Kurskapriolen von Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum dominieren die Schlagzeilen. Dabei gibt es auch in der Finanzierung und im Zahlungsverkehr Blockchain-News, die für CFOs relevant sind.

Lange schien es so, als würden die Blockchain-Initiativen von Banken und anderen Finanzdienstleistern allmählich im Sande verlaufen. Die hochtrabenden Hoffnungen rund um den Einsatz der Technologie bei der Platzierung von Schuldscheinen oder der Syndizierung von Konsortialkrediten haben sich jedenfalls bis heute nicht erfüllt.

Doch in vielen anderen Bereichen des Finanzsektors ist zuletzt wieder Bewegung rund um den Einsatz dieser Technologie gekommen. Die neuen Anwendungsfelder reichen vom Management der Lieferketten über den Kapitalmarkt bis hin zum Zahlungsverkehr und zu neuartigen Finanzierungsmodellen („Pay per Use“).

„Es tut sich in dem Feld gerade wirklich einiges“ bestätigt Blockchain-Experte Philipp Sandner, der als Professor an der Frankfurt School of Finance lehrt. „Viele Banken arbeiten an vielversprechenden Projekten.“ Der Unterschied zu früher: „Sie sind nun endlich auch bereit, Geld dafür in die Hand zu nehmen.“ 

Blockchain: Commerzbank und LBBW gehen voran

Besonders umtriebig sind hierzulande die Commerzbank und die LBBW. Die Commerzbank begleitete jüngst etwa einen Live-Test von BASF und Evonik, bei dem die beiden Chemiekonzerne mit Hilfe der Blockchain-Technologie wechselseitige Forderungen automatisch bezahlt haben. Das Ziel: Mehr Prozesseffizienz, Transparenz und geringere Prozesskosten in der Lieferkette.

In der Handelsfinanzierung gelang ebenfalls jüngst ein Durchbruch, an dem sowohl die Commerzbank als auch die LBBW beteiligt waren: Die beiden Banken haben im Mai Handelsgeschäfte über die Blockchain-basierte Plattform Marco Polo abgewickelt. Es waren die ersten Transaktionen dieser Art, die über das Netzwerk liefen. Marco Polo wird von einem Konsortium aus zahlreichen internationalen Banken und dem Technologieanbieter Corda R3 betrieben.

Die Ziele der Trade-Finance-Initiative sind extrem ehrgeizig: Die Gruppe um die beiden deutschen Großbanken will nicht weniger als die Handelsfinanzierung digitalisieren – vom klassischen Akkreditiv-Geschäft bis hin zu neuartigen Working-Capital-Tools wie Supply Chain Finance. Auch die nicht-finanziellen Teile von Handelsgeschäften – also etwa die Zollabwicklung – sollen perspektivisch über die Plattform laufen.

Wann und ob das jemals gelingt, ist allerdings fraglich. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass es mehrere Jahre dauerte, bis die Marco-Polo-Plattform vom Test- in den Live-Betrieb wechseln konnte. Die beteiligten Banken erklärten dies insbesondere mit dem sehr aufwendigen Abstimmungsprozess zwischen den diversen Beteiligten. Der Komplexitätsgrad dürfte freilich noch höher werden, wenn auch noch staatliche Stellen beteiligt werden sollen.

Tokenbasierte Anleihen sind nun möglich

Auch Blockchain-Experte Sandner ist mehr als skeptisch. Er glaubt: „Enterprise-orientierte Blockchain-Systeme haben es deutlich schwerer. Das war eine große Fehleinschätzung, die Banken und auch Industriekonzerne vor zwei, drei Jahren hatten.“ Dies bezieht sich auf Infrastrukturen, die von einem Konsortium betrieben wird und nicht dezentral laufen.

Für ihn liegt das größte Potential der Technologie bei grenzüberschreitenden Zahlungen, etwa wenn es darum geht, Euro oder Dollar innerhalb von wenigen Sekunden kostengünstig nach Asien zu transferieren; oder für die Automation von industriellen Prozessen. Als zweites großes Anwendungsfeld sieht er den Kapitalmarkt, also den Kauf und Verkauf von Wertpapieren.

„Enterprise-orientierte Blockchain-Systeme haben es deutlich schwerer. Das war eine große Fehleinschätzung, die Banken und auch Industriekonzerne vor zwei, drei Jahren hatten.“

Philipp Sandner, Professor an der Frankfurt School of Finance

In dieses Feld ist zuletzt neuer Schwung gekommen. Der Grund: Im Mai hat die Bundesregierung endlich das bereits Anfang 2019 in Aussicht gestellte Gesetz für digitale Wertpapiere verabschiedet. Unternehmen können nun tokenbasierte Anleihen emittieren. So soll es für CFOs schneller, einfacher und günstiger werden, Fremdkapital am Markt aufzunehmen.

Diese drei Attribute nannte auch Vonovia-Finanzchefin Helene von Roeder als Grund für eine entsprechende Finanzierung des Wohnungskonzerns Anfang des Jahres. Damals nahm der Dax-Konzern nicht handelbare Namensschuldschreibungen über 20 Millionen Euro auf, etwas anderes ließ das Gesetz damals noch nicht zu. Das ist nun anders.

Bisher gibt es nur wenige rein digitale Transaktionen, und die Volumina sind gering. Doch das Thema nimmt Fahrt auf: Am heutigen Donnerstag teilte das Finanzierungsdienstleistungen für Autohändler spezialisierte Unternehmen Auto1 Fintech mit, man platziere eine Blockchain-Anleihe über 4 Millionen Euro. Es sei das erste Security Token Offering (STO) im deutschen Automobilsektor, so das Unternehmen. Die Laufzeit soll bei einem Jahr, der Kupon bei 5 Prozent liegen.

Programmierbares Geld gewinnt an Bedeutung

Alle diese Anwendungsfällen haben allerdings eines gemeinsam: Sie benötigen programmierbares Geld, denn nur dann sind automatisierte Zahlungen über Smart Contracts möglich. Auch aus diesem Grund sind die Zentralbanken weltweit dabei, digitale Zentralbankwährungen (auf Englisch kurz CBDC) einzuführen. In China laufen bereits Pilotprojekte mit dem digitalen Renminbi, auch Schweden testet die digitale Krone in der Praxis.

Die EZB hat dagegen noch nicht einmal offiziell entschieden, ob es einen digitalen Euro geben soll. Zwar zeichnet sich ab, dass es so kommen wird – aber dann wohl nicht vor 2026, wie EZB-Direktor Fabio Panetta kürzlich erklärte. „Die gute Nachricht ist aber, dass wir nicht auf den digitalen Euro warten müssen“, sagt Sandner. So gebe es inzwischen zahlreiche privatwirtschaftliche Initiativen rund um programmierbares Geld. Der US-Dollar werde beispielsweise schon über Ethereum gehandelt – und auch die Banken mischen mit eigenen Entwicklungen kräftig mit: „Commerzbank, LBBW, DZ Bank und die kleine Bank von der Heydt aus München sind dabei hierzulande führend“, beobachtet Sandner.

Banken entwickeln Payment Token

So kam bei den Transaktionen von Evonik und BASF etwa der E-Euro der Commerzbank zum Einsatz. Dafür wurde zunächst reales Geld in verschlüsselter Form als E-Euro in einer elektronischen Geldbörse („Wallet“) gespeichert. Bei der Zahlung geht das E-Geld an den Empfänger über, der bei der Commerzbank eine Überweisung auf sein Konto einfordern kann.

Ein ähnliches Konstrukt gibt es bei der LBBW: Auch die Landesbank hat einen Token entwickelt, der gegen echtes Geld eingetauscht werden kann. Eingesetzt wurde dieses Konstrukt kürzlich von dem Traktorenhersteller Lindner, der gemeinsam mit dem Start-up Cash on Ledger ein Geschäftsmodell entwickelt hat, bei dem Landwirte ihre Traktoren nach Nutzung bezahlen („Pay per Use“).

Unternehmen reagieren zurückhaltend auf Pay per Use

Das zeigt: Die Blockchain kann an vielen Stellen Mehrwert schaffen. Allerdings müssen dafür auch Industrieunternehmen bereit sein, sich auf die Technologie einzulassen. Das gilt für die Finanzabteilung ebenso wie für die Strategieteams – schließlich gehen mit Pay per Use auch völlig neue Geschäftsmodelle für die Unternehmen einher.

Doch damit würden sich die Verantwortlichen zu wenig befassen, bemängelt Professor Sandner: „Ich bin enttäuscht, dass die deutsche Industrie so zurückhaltend auf die Blockchain reagiert.“ Er führt dies unter anderem darauf zurück, dass viele Budgetentscheider die Technologie nicht hinreichend verstünden. Hinzu komme, dass jedes Blockchain-Projekt auch einen Finanzbezug habe und damit auch in regulierte Bereiche hineinlaufe. „Davon lassen viele Unternehmen lieber die Finger“, glaubt Sandner.

Die Banken kennen sich dagegen mit Regulatorik aus – und für deren Geschäftsmodelle steht auch ungleich mehr auf dem Spiel. Schließlich hat die Blockchain-Technologie das Zeug, sie in ihrer klassischen Funktion als Intermediäre überflüssig machen. Entsprechend geht es für die Banken darum, neue Wege zu finden, um auch künftig noch relevant zu sein und Geld zu verdienen.

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