Green Finance bleibt auch in Zeiten der Coronakrise wichtig.

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04.06.20
Finanzierungen

Green Finance bleibt trotz Corona zentral

Corona hat die Mega-Themen Nachhaltigkeit und Green Finance überlagert. Aber CFOs spüren nach wie vor den Druck des Kapitalmarkts, auch bei diesen Themen abzuliefern.

Nachhaltigkeit und Green Finance sind in der Realität der meisten Unternehmen angekommen. Das zeigt eine aktuelle Studie von FINANCE in Zusammenarbeit mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), an der sich 437 Unternehmensentscheider und Nachhaltigkeitsverantwortliche sowie 226 Finanzentscheider beteiligt haben.

Unternehmen aller Couleur beschäftigen sich mit dem Thema, die Konzerne gehen aber voran: Eine nachhaltige Unternehmensführung ist in Großunternehmen derzeit noch weiter verbreitet als in kleinen und mittleren Unternehmen. Das hat auch mit regulatorischen Vorgaben zu tun, denn die CSR-Berichtspflicht gilt bislang nur für börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. 

Mittelständler müssen Nachhaltigkeit nachweisen

Durch die Konzerne tröpfelt das Thema aber kaskadenartig in den Mittelstand, denn kleine und mittlere Unternehmen werden von den Großen zunehmend in die Pflicht genommen, wie die Befragung zeigt. So müssen Lieferanten immer häufiger nachweisen, dass sie Nachhaltigkeitsprozesse einhalten, um Aufträge nicht zu verlieren. 

Dies betont auch Christian Ziegler von den Fischerwerken im Experteninterview. Es gebe bei dem Befestigungstechniker aus Baden-Württemberg zwar „seit 1987 ein Leitbild, das bereits ökonomische, soziale und auch ökologische Dimensionen“ beachte, sagt der Leiter des Nachhaltigkeitsteams. „Ein wirkliches Nachhaltigkeitsmanagement wurde aber erst 2015 eingeführt.“ Zu dieser Zeit seien immer mehr Ausschreibungen und Kundenprojekte, vor allem in der Automobilindustrie, mit „Nachhaltigkeitsthemen verknüpft“ worden.

„Ein wirkliches Nachhaltigkeitsmanagement wurde erst 2015 eingeführt.“

Christian Ziegler, Leiter Nachhaltigkeitsteam, Fischerwerke

Kapitalmarkt drängt auf Nachhaltigkeit

Die Nachhaltigkeitsinitiativen der Unternehmen haben laut der FINANCE-Studie sowohl externe als auch interne Treiber: Auftraggeber, Bewerber, Eigentümer, Kunden und Mitarbeiter. Interessanterweise sind es nach Ansicht der befragten Unternehmensentscheider und Nachhaltigkeitsverantwortlichen aber nur selten die Kapitalgeber, die das Thema Nachhaltigkeit befeuern.

Doch die befragten 223 Finanzentscheider – CFOs, Treasurer, Leiter Finanzen – widersprechen: Für mehr als die Hälfte von ihnen ist die Nachfrage von Kapitalgebern ein wichtiger oder sehr wichtiger Grund für Nachhaltigkeitsinitiativen in Unternehmen. Tatsächlich adressieren insbesondere große Kapitalsammelstellen die Bedeutung von nachhaltigen Investments immer mehr, prominent im Frühjahr 2020 etwa Blackrock-Chef Larry Fink in einem Brief an diverse Vorstandschefs.

Mehr als die Hälfte der befragten Finanzentscheider sieht einen ökonomischen Vorteil  darin, sich mit Nachhaltigkeit auch auf der Finanzierungsseite zu beschäftigen. Aufgrund von regulatorischen Anforderungen werde der Zugang zu Finanzierungen in absehbarer Zeit auch an die Entwicklung von Nachhaltigkeitskriterien gebunden werden.

Green Finance ist für viele Unternehmen Neuland

„Wir haben in die Verzinsung einen Step-up und Step-down eingebaut.“

Thomas Obendrauf, CFO, Lenzing

Praktische Erfahrung mit einzelnen nachhaltigen Finanzierungsinstrumenten haben bisher aber nur wenige Finanzentscheidern selbst gesammelt. Ein gutes Viertel der Befragten hat zwar bereits spezielle Förderkredite für Umweltaspekte genutzt, diese zählen aber nicht zu den neueren Instrumenten des Green Finance.

Green Loans, Green Schuldscheine und entsprechende Bonds kamen bislang nur in Einzelfällen zum Einsatz, was bei dem noch relativ jungen Angebt nicht verwundert. Rund 60 Prozent der Befragten können sich den Einsatz von Green Schuldscheindarlehen und Green Loans aber grundsätzlich vorstellen.

Vorreiter sind Unternehmen wie Lenzing oder EnBW, die in Interviews im Rahmen der Studie von ihren Erfahrungen im Bereich Green Finance berichten. Der österreichische Holzfaserkonzern Lenzing nutzt sogar ein besonders neuartiges Finanzierungsinstrument, einen ESG-linked Schuldschein: „Wir haben in die Verzinsung einen Step-up und Step-down eingebaut, je nachdem, wie sich unsere Nachhaltigkeits-Performance entwickelt“, sagt Thomas Obendrauf, seit 2016 Finanzvorstand bei Lenzing.

EnBW setzt hingegen primär auf grüne Anleihen. „Der Markt für Green Bonds hat sich weiterentwickelt und verfügt über ein hohes Maß an Transparenz und Klarheit“, meint Ingo Peter Voigt, Head of Finance, M&A und Investor Relations bei dem süddeutschen Energiekonzern.

Stoppt Corona Green Finance und Nachhaltigkeit?

Doch kommt dieser Trend nun durch den Ausbruch des Coronavirus unter die Räder? „Ganz klar: Corona ist aktuell Thema Nummer eins in der Welt und der Wirtschaft“, sagt Karl Manfred Lochner, Firmenkundenvorstand der LBBW. „Es wird aber eine Zeit nach Corona geben, und der verantwortungsvolle Umgang mit unseren Ressourcen ist und bleibt eine der zentralen Herausforderungen.“ Die aktuelle Krise befeuere einige Nachhaltigkeitsaspekte sogar, glaubt Lochner. „Ich bin überzeugt, dass die ökologische, aber auch die soziale Verantwortung von Unternehmen nach Corona nochmals stärker in den Fokus rücken wird.“

„Nachhaltigkeit wird nach Corona ein zentrales Thema werden.“

Karl Manfred Lochner, Firmenkundenvorstand, LBBW

Zumindest die Entwicklung am Green-Bond-Markt gibt dem Banker jetzt schon recht. Dieser Markt hat der Coronakrise besser getrotzt als der breite Fremdkapitalmarkt. Und das haben einige CFOs schnell ausgenutzt – in den vergangenen Woche platzierten etwa E.on und Eurogrid, die Muttergesellschaft des Stromnetzbetreibers 50 Hertz, neue grüne Anleihen.

markus.dentz[at]finance-magazin.de

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